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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-11-16 · Heft 46 (16.11.1917) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 46 (16.11.1917)
Date
1917-11-16
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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■ - ■■ ■ .■ ■ ——— $1. Jahrgang. Nr. 46 Berlin, 16. November 1917 eitung des Judentums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Begründet von Rabbiner Vr. Ludwig Philippfon Unter Leitung des Geheimen Regierungsrats Professor Vr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. — Postscheckkonto 32$. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße $6-49, zu richten. Verlag von Rudolf rNosse, Berlin. Tfttftftlf4' '^"bbalah und Chassidismus. Von Rabbiner Dr. Diene- IjUIJutl« mann (Ratibor). — Die Woche. — Die hohen jüdischen Feiertage an der West- und OstUont. — Das vierzigjährige Jubiläum der Landes-Rabbinerschule in Budapest. Von Prof. G. Schwarz. — Die Juden in Belgien. Von Tr. Weisbecker, zurzeit in Brüssel. — Feuilleton: Tante Trude. Roman einer Vierzigjährigen. Von Anna Goldschmidt. Der Gemeittdebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Posen, Breslau. Gleiwitz, Regensburg. Hildesheim, Frankfurt a. M., Wien. — Von Nah und Fern. Ogbbalsh und Lhsllwismus Von Rabbiner Dr. Diene nr a n n (Ratibor). II and in Hand mit den im Vorigen dargelegten Anschauungen geht die eigentümliche Seelenlehre der Kabbalah. Sie bewegt sich, kurz skizziert, etwa in folgender Richtung. Als Gott die Welt erschuf, habe er gleichzeitig die Seelen alle erschaffen, die im Laufe der Zeiten durch die Verbindung mit einem Leibe ins Reich des Irdischen eintveten sollen, die noch geboren werden sollen. Wenn alle diese im Himmel auf ihren Eintritt ins Erdendasein wartenden Seelen wirklich geboren sein werden, dann wird als Letzte die Seele des Messias Hermederkommen; erst wenn vorher alle Seelen geboren sind, kann der Messias geboren werden. Wenn aber ein Mensch hier auf Erden sündigt, in seiner Pflicht lässig ist. nicht nach Heiligung strebt, dann kann seine befleckte, sündige Seele nicht ins himmlische Reich emporsteigen, sie kann noch keinen Anteil haben an der Seligkeit der oberen Sphären, sie muß erst geläutert werden dadurch, daß sie durch andere Leiber hindurchgeht, sie nruß eine Wanderung antreten. Sie muß nochmals geboren werden. Was ist also die letzte Wirkung der Sünde eines Menschen? Er veranlaßt, daß ein neugeborener Leib nicht, wie es das Natürliche wäre und im Plane der Vorsehung läge, ans Himmelshöhen eine neue Seele erhält, sondern eine schon vorhandene, die ihre Läuterungswanderung antreten muß: er hindert also eine des Geborenwerdens harrende Seele zur Erde herniederzusteigen; je längeres aber dauert, bis alle Seelen geboren sind und auf Erden wandelten, um so länger verzögert sich die Ankunft des Messias, der sündige Mensch hemmt also durch seine Sünde die Geburt des Messias, die Erlösung Israels und der Welt. So ist das Heil der Welt in die Hand jedes Einzelnen gelegt, wird ein jeder zum Träger der ersehnten besseren Zukunft gemacht, zum Mitschöpfer an der Welt emporgehoben; von dem frommen Lebenswandel, der wahrhaft frommen Gesinnung jedes Einzelnen ist demgemäß der Eintritt der Gnadenzeit abbängig. Diese seltsame, kindliche, phantastisch-unwirkliche, das Verantwortlichkeitsg-efühl aber zugleich unendlich steigernde und verfeinernde Lehre erfährt dann noch eine weitere Ausbildung und Verzweigung. Weil so durch die Fülle der Sünden und der Sünder der Erlösungsprozeß unendlich gehemmt werde, deshalb sei dem Menschen das Gnadengeschenk verliehen worden, daß eine Seele sich mit einer zweiten verbinden könne, um ihr zu helfen und sie zu stützen oder von ihr Hilfe zu empfangen. Ein Mensch könne in irgendeinem Augenblick seines Lebens zu seiner ursprünglichen noch eine andere oder gar mehrere Seelen empfangen. Die Seele eines Toten, der auf Erden ein Werk unvollendet gelassen, könne sich mit der Seele eines Starken verbinden, um gestützt durch ihn sein Werk zu vollenden. Ein Schwacher, zur Sünde Neigender könne die Seele eines Starken empfangen, die ihm hilft, sich ir^der Bahn des Guten zu halten, die ihn stützt und trägt und nährt. Oder zwei schwache Seelen können sich verbinden, mn sich gegenseitig nach ihren Vorzügen und. Schwächen zu ergänzen und auszugleichen. Irrende, auf der Wanderung befindliche Seelen-können so leichter zu ihrer Ruhe geführt werden. Israels Zerstreuung über die Erde, durch alle Völker, so lehrt Isaak Lurja, sei wesentlich dazu von Gott gefügt, damit möglichst viele Seelen von Israel sich mit anderen verbinden und so durch ihre Tugend und durch die Kraft, die in Israels Ritualien liegen, das Reich der Gnade in seinem Kommen beschleunigt, die harmonische Weltordnung hergestellt werde. Wie aber bringt man es dazu, daß all die Kräfte auf Erden freigemiacht werden, die dann in den himmlischen Sphären die entsprechenden Wirkungen auslösen? Dazu sollte ein ganzes System von strenger Askese dienen; durch Fasien und Sichkasteien, Weltflucht und häufige Bäder sollte der Mensch so vom Irdischen losgelöst werden, daß er in Verzückung und weltabgewandtem Versunkensein im Göttlichen die Fülle der Gnaden in Bewegung setze; und je tiefer einer in die Geheimnisse eindringe, je heiliger er sein Leben verbringe, je tiefer und verinnerlichter sein Gebet ist, je tiefer und durchglühter seine Frömmigkeit ist, um so gewisser vermag er d i e Seelen zueinander zu fügen, die einander ergänzen und helfen, um so sicherer weiß er die irrenden Seelen, von ihrer Wanderung 31t erlösen und den himmlischen Sphären wieder einzufügen, um so kräftiger kann er die oberen Welten, in Wirkung setzen, das Heil und die Erlösung beschleunigen. Das sind in den kürzesten und knappsten Zügen die wesentlichsten Striche in dem Bilde des kabbalistischen Denkens und der praktischen Frömmigkeit der Kabbalah. Hat man dieses Gesamtbild vor Augen, dann wird es leichter, in dem Gesamturteil Licht und Schatten gerecht zu verteilen. Gewiß, es ist dabei ungeheuer viel Schatten, vieles, das wir gern ans dem Gesamtbild des Judentums verbannt gesehen hätten. Es ist in der Kabbalah eine Fülle des wirrsten Aberglaubens, und die ganze Denkweise war nur allzusehr geeignet, die Köpfe ihrer Anhänger mit allerhand abergläubischen Vorstellungen vollzustopfen. Sie mußte zudem ausgesprochen bildungsfeindlich wirken. Ist schon an sich jode auf

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