Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 45 (9.11.1917)
- Date
- 1917-11-09
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3229286-3229331--73548-3286036- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
verbreiten, entschieden vorgegangen werden. Hoffentlich gelingt es, des feigen Pamphletisten habhaft zu werden und ihm die nach dem Kriegszustandsgesetze (Artikel 4 Ziffer 2) vorgesehene Gefängnisstrafe zu sichern. Wir haben in der jetzigen und kommenden Zeit wirklich allen Anlaß, konfessionellen Reibereien und Hetzereien mit allen Mitteln entgegenzutreten. Durch amtliche und private Statistiken ist festgestellt, daß^ Katholiken, Protestanten, Israeliten und Frei-, religiöse sich an der Front und daheim durch ihre vaterländischen Leistungen und Verdienste in keiner Weise unterschieden haben, also höre man endlich im öffentlichen und privaten Leben auf, konfessionelle Unterschiede und Scheidewände aufzurichten, die der Gesamtleistung unseres Volkes nur schaden. („Augsburger Abendblatt".) J. A. Aufsetz (Oberfranken), 5. November. Eine in weitesten Kreisen bekannte Persönlichkeit, Herr Samuel Fleisch mann, feierte mit 3. d. M. mit seiner Gattin das Fest der silbernen Hochzeit. Der Genannte ist schon seit Jahren im jüdischen und im öffentlichen Leben unermüdlich tätig und bekleidet das Amt des Kultusvorstandes und des stellvertretenden Bürgermeisters in der Gemeinde. Zahlreiche Ehrungen bekundeten die Beliebtheit, welche der Jubilar in allen Kreisen und Konfessionen genießt. — Frankfurt a. M., 2. November. Das G u m p e r tz s ch e Siechenhaus, hier, konnte am 10. v. M. auf ein 25jähriges Bestehen zurückblicken. Seine Entstehung verdankt es der F r a n kfurterLoge, und auch heute noch gehört der größte Teil der Verwaltungsmitglieder dieser Loge an. Diese gingen bei der Gründung von dem Grundsatz aus, daß es notwendig sei, den siechen Kranken, die im Krankenhause nicht mehr behandelt werden können ttnd die auch zu Hause keine Pflege haben, eine Heimstätte zu schaffen. Von kleinen Anfängen ist die Anstalt zu einem stolzen Bau der Wohltätigkeit und Gemeinnützigkeit geworden. In einer Anzahl von Fällen konnten Pfleglinge der Anstalt dem Leben und ihrer Familie wieder zurückgegeben werden oder sie konnten innerhalb der Anstalt selbst sich als Mitarbeiter betätigen. Dieses günstige Ergebnis ist darauf zurückzuführen, daß im Lause der Jahre aus dem ursprünglich mit verhältnismäßig geringen Mitteln errichteten Siechenhause dank der segensreichen Betätigung edler Menschenfreunde eine mustergültige Anstalt mit allen Einrichtungen eines modernen Krankenhauses entstanden ist. Eine besondere Erwähntntg verdient hierbei die seitens der Freifrau Wilhelm v. Rothschild errichtete und dent Siechenhause angegliederte Minka v. G o ld s chm i d t- Rothschild-Stiftung. Das Siechenhaus ist durch diesen mitten in dem alten Park liegenden Prachtbau in die Lage versetzt, seine Pfleglinge bei erforderlichen Operationen und akuten Krankheiten selbst behandeln und verpflegen zu können, denn das Stiftungsgebäude enthält Operationssäle, Röntgen-Einrichtung, Laboratorium und die verschiedenartigsten elektrischen und sonstigen Bäder. Daß diese Einrichtungen ganz besonders dem seit Kriegsbeginn in diesem Hause befindlichen Lazarett zugute kommen, ist verständlich. Aus diesen Gründen wurde auch das Lazarett von der Militärbehörde zur Schwerkrankenstation für Offiziere und Mannschaften bestimmt. er. Karlsruhe, 2. November. Eine Zentrale israelitischer Wohlfahrtsvereinigungen in Baden wird unter der Bezeichnung „Israelitische W o h l f a h r t s z e n - irale" hier demnächst in das Leben treten. Die Vorarbeiten für diesen notwendigen Zusammenschluß der jüdischen Sozialarbeit unseres Landes wurden in einer Versammlung beschlossen, die hier im April d. I. zur Erörterung der Berufswahlfrage getagt hat. Vertreter des Großherzoglicken Oberrats für Israeliten usw., von Shnagogenräten und der jüdischen Lehrerschaft, sowie die Delegierten der großen Verbände nahmen an dieser Tagung teil. Einstimmig wurden die die Einleitung vorbereitenden Maßnahmen zur Bildung einer badischen Zentralstelle beschlossen. Diese Zentraloraanisation soll zunächst für die zurückkehrenden israelitischen Krieger sorgen, sie soll bedrohte Existenzen mit Rat und Tat stützen und sür die israelitischen Kriegsbeschädigten und die Hinterbliebenen jüdischer Gefallenen mit Rücksicht ans ihre religiösen Bedürfnisse ergänzende Fürsorgeeinrichtungen schaffen. Ueber diese Tätigkeit binaus soll die neue Zentralorganisation alle Erziehungs- und Bildungssragen sowie das gesamte Gebiet der Jugendpflege und besonders die körperliche Ertüchtigung in ihr Arbeitsgebiet einbeziehen. Die neue Landeszentrale ist als Mittelpunkt aller bisher schon bestehenden Anstalten gedacht, die sich der jüdischen Wohlfahrtspflege in unserem Lande widmen. Es soll verhindert werden, daß die zahlreichen Verbände ttnd Vereine nicht bloß nebeneinander und vielfach ohne Kenntnis der von den anderen geleisteten Arbeit nur ihr Sondergebiet pflegen, sondern es soll ein planmäßig wohlorganisiertes Zusammenwirken aller Faktoren angestrebt werden, wobei selbstverständlich die volle Selbständigkeit aller angegliederten Einzelvereine gewahrt werden soll. Die Mittel sollen aus Beiträgen der angegliederten Korporationen, Stiftungen. Verbände und Vereine sowie aus sonstigen- Zuwendungen beschafft werden. Ein enges Zusammenarbeiten mit der in Berlin begründeten „Zentralwohlfahrts stelle der d e u t s ch e n I u d e n" ist in Aussicht genommen. Kolm. / Z. Warschau, 2. November. Die Lage der jüdischen Bevölkerung in Polen verschlimmert sich mit jedem Tage. Die bescheidenen Mittel, welche der jüdischen Bevölkerung im Momente des Kriegsausbruchs noch zur Verfügung standen, sind ganz erschöpft, und Leute, die vor dem Kriege über ein Vermögen von sogar 50 bis 00 Tausend Rubel verfügten, sind jetzt ganz mittellos und müssen um Unterstützintg bitten. Natürlich ist die Lage derjenigen, die auch früher durch gesellschaftliche Institutionen unterstützt wurden, jetzt, nachdem foirtc Mittel vorhanden sind, ganz hoffnungslos. Hungerkrankheiten, Epidemien Dysenterie grassieren fürchterlich unter den Familien. Wie die hygienischen ttnd sanitären Bedingungen in den Stadtvierteln, wo diese Leute wohnen, aussehen, kann man sich schwer vorstellen. Zwei bis drei Familien leben in einem Kellerzimmer, ohne Fußböden und ohneOefen. Wenn ein Mitglied einer Familie erkrankt, ist sofort das ganze Hans mit seiner Einwohnerschaft von einigen hundert Seelen bedroht. Aus Furcht vor polizeilichen Maßregeln werden epidemische Vorfälle der Polizei nicht angemeldet. Welche Folgen daraus entstehen, kann ntan sich leicht denken. Alt epidemischen Krankheiten Gestorbene bleiben bisweilen drei, vier Tage unter den Lebenden liegen, und ans diese Weise werden ganze Häuser infiziert. Es gibt Hunderte und Tausende von Familien, welche bei AusLrttch des Krieges 5 bis 6 Kinder hatten, von denen setzt nur zwei bis drei geblieben sind, von denen manche, infolge Mangels an Ernährung, nicht selbständig gehen können, so daß fünfkis sechsjährige Kinder von den Müttern auf den Armen getragen werden müssen. Unter den Notleidenden befindet sich eine große Anzahl von Frauen und Kindern, deren Familienhaupt sich in den Reihen der russischen Armee befindet. Ferner gibt es viele Familien, bei denen die Männer oder Väter sich in Amerika oder in Rußland befinden und für ihre Familien nicht sorgen oder kein Geld schicken können. Die Industrie und der Handel haben aufgehört, viele Arbeiter sind brotlos. Zufolge Mangels an Rohmaterial sind auch die Handwerker jeder Möglichkeit enthoben, ihren Beruf zu betreiben. Die Mittelklasse, bestehend aus Grundbesitzern und Kaufleuten, befindet sich ebenfalls in einer sehr kritischen Lage. Man kann, ohne zu übertreiben, behaupten, daß der jüdische Mittelstand ruiniert ist. Achtbare Leute, die sich sckämen, von der Wohltätigkeit zu leben, verkaufen ihr Hausgerät, ihre besseren Kleidungsstücke und endlich sogar die nötigste Wäscke, um. tmr ihre Familie ernähren zu können. Es gibt viele Fälle, wo Leute, die bis zum Kriege in 5 bis 6 Zimmern wohnten, jetzt außer einem Bette, Tisch und einigen Stühlen alles verkauft haben und nun allen ihren Bestrebungen zum Trotz nach drei Jahren qualvoller Entbehrungen doch gezwmtgen sind, sich an dw Hilfskommission wegen kleiner Unterstützungen zu wenden. Die Tragik dieser Leute, bis sie sich entschließen, das erstemal eine Unterstützung zu fordern, ist unbeschreiblich. Die nngehettre Not läßt sie jedoch immer tiefer in materielles und moralisches Elend sinken, bis sie allmählich verlernen, sich zu schämen, und aus früher angesehenen und achtbaren Bürgern einfache Schnorrer werden. Dieser moralische Untergang ist vielleicht noch schrecklicher als der Materielle. Von der jüdischen Bevölkerung in Warschau, bestehend ans zirka 340 000 Juden, leben jetzt 220 000 von spärlicher Unterstützung. Familien, die aus 4 bis 5 Personen bestehen, müssen hätifig mit 10 Mark monatlich auskommen. Wenn man in Betracht zieht, daß bei der Rationierung von Brot nur 140 Gramm pro Person täglich gegeben werden und daß der Preis über dieses Quantum hinaus 60 bis 90 Kopeken pro Pfund beträgt, kann man sich schon ein Bild davon machen, wie eine Familie mit 10 Mark monatlich «rskommen kann. Die Sterblichkeit hat sich um das Vierfache vergrößert. Keltere Leute und kleine Kinder verschwinden. Leute in den Mitteljahren werden infolge der Unterernährung ganz