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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-11-09 · Heft 45 (9.11.1917) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 45 (9.11.1917)
Date
1917-11-09
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
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81. Jahrgang Nr. 45 Berlin, 9. November 1917 Der Gemeindebote. Beilage zur „Allgemeinen Leitung de- Judentum-". korrelpondkn?rn und Sachrichtm. Dklltschlsnd. 22 Berlin, 6. November. Die rituell lebende jüdische Bevölkerung war bisher hinsichtlich der Fettversorgung gegen die übrige Bevölkerung dadurch erheblich im Nachteil, daß sie rituelle Margarine nur unter Verzicht aus alle anderen Fette, auch Butter, erhalten konnte. Auch war die Kopsmenge für das ganze Reich einheitlich auf 50 Gramm Pro Woche festgesetzt. Die Versorgung mit ritueller Margarine erfolgt durch die Kriegskommission für rituelle Lebensmittel. Auf Grund längerer Verhandlungen ist es nunmehr gelungen, die Fettversorgung der rituell lebenden jüdischen Bevölkerung in der gleichen Weise wie die der übrigen Bevölkerung Zu regeln. Die rituell lebende jüdische Bevölkerung kann demnach in Kürze, wenn in Berlin 50 Gramm Butter und 30 Gramm Margarine verteilt werden, 50 Gramm rituelle Butter und 30 Gramm rituelle Margarine erhalten. Eine diesbezügliche Verordnung wird demnächst ergehen. Die Kriegskommission wird dafür Sorge tragen, daß diese Verfügung schnellstens zur Durchführung gelangt. Aus technischen Gründen können nur bestimmte Geschäfte für den Verkauf der rituellen Fette Zugelassen werden. Diese sind nun durch Aushang eines entsprechenden Plakates kenntlich gemacht. Berlin, 6. November. Am 3. d. M. ist der Mitinhaber der bekannten Berliner Firma Gebrüder Ginsberg, Herr Dr. I s i d o r G i n s b e r g , verschieden. Der Entschlafene war ein Mann von vornehmer Gesinnung und liebenswürdigem Wesen, und vorbildlich in seiner Wirksamkeit sowohl im Interesse der Allgemeinheit als auch in dem unserer Glaubensgemeinschaft, an deren kulturellen und sozialen Bestrebungen er den regsten Anteil nahm. Er war eines der ersten Mitglieder des Vereins für jüdische Geschichte und Literatur, und gehörte nach dessen vor 25 Jahren erfolgten Konstituierung eine Zeiitlcvng -dem Vorstände an, in dem er mit großer Umsicht das Amt des Schatzmeisters bekleidete. Er zählte ferner zu den Mitbegründern des „Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" und verwaltete auch hier mit seltener Umsicht und Tatkraft das Amt des Schatzmeisters, stets bestrebt, die Interessen dieser segensreich wirkenden Organisation zu fördern. Seit fast 20 Jahren gehörte er dem Kuratorium des Vereins „Lehrlingsheim Pankow" an, in dessen Mitte er gleichfalls eine ersprießliche Tätigkeit entfaltete. Besonderes Interesse wandte er dem „Verein Mädchenhort" zu, in dessen Mitte er gleichfalls eine ersprießliche geschäfte führte, und der nun in dem Heimgegangenen einen treuen Förderer und unermüdlichen Mitarbeiter verliert. Der Hilfsverein der deutschen Juden, die deutsche Abteilung der Alliance, ein großer ' Kreis von Freunden und Verehrern, wie insbesondere der Vorstand der Berliner jüdischen Re f o r m g-e m e i n de, zu dessen eifrigsten Mitgliedern er zählte, trauern mit den schmerzgebeugten Hinterbliebenen an der Bahre von Dr. Isidor G i n s b e r g, der das bekannte Wort „Jude sein heißt Mensch sein!" durch sein segensreiches Leben und Wirken betätigte. Ehre seinem Andenken! E. M. Berlin, 6. November. Der Verein f ü r j ü d i s che Geschichte und Literatur hat den 100. Geburtstag des Geschichtsschreibers des Judentums H e i n r i ch G r a e tz durch einen Vortrag gefeiert, den Rabbiner Dr. Jacob aus Dortmund am 1. d. M. im Oberlichtsaal der Philharmonie vor einem zahlreichen Publikum hielt. Dr. Jacob bezeichnete es als ein Merkmal unzerstörbarer Kraft, daß die jüdische Gemeinschaft, die seit zwei Jahrtausenden über die ganze Welt verstreut ist, sich an diesem Tage als Einheit fühlt und ihren großen Sohn ehrt. Heinrich Graetz brachte Dem Judentum die Stärkung des Selbstbewußtseins und den gefestigten Glauben an seine Zukunft. Der Redner zeichnete das L-eben und Wirken des berühmten Historikers, der eine unhistorisch denkende Generation geschichtlich denken -lehrte, und gab dabei eine gehaltvolle Würdigung der in den einzelnen Bänden der „Geschichte der Juden" enthaltenen Forscherarbeit. Er schilderte das Aufsehen, welches das Erscheinen des ersten Bandes erregte, der die bisher als uninteressant angesehene Epoche vom Untergang des jüdischen Staates bis zum Abschluß d-es Talmuds behandelte. Graetz' Schilderung brachte Leben und Farbe in dieses Zerrbild, und er verstand es, über den Parteien zu bleiben. Graetz zergliederte die jüdische Geschichte in zwei Teile: die Geschichte des Volkskörpers und der Volksseele, der jüdischen Lehre. Seine starke, gestaltende Kraft zeichnete ihn vor allen seinen Zeit- und Berufsgenossen aus. Was seiner Sprache vielfach an Glätte fehlt, ersetzte er durch das urwüchsige Feuer seines Temperamentes. Goethes Wort: „Das Beste, was die Geschichte lehrt, ist die Begeisterung", darf auf Graetz und sein Werk angewendet werden. -- Die interessanten Ausführungen des Redners fanden reichen Beifall. E. M. Berlin, 6. November. Ter Fürsorge für unbemittelte, alte Cemeindemitglieder dienen drei Anstalten, von denen sich die älteste in der Großen Hamburger Straße, die zweiter in der Schönhauser Allee, die jüngste in der Exerzierstraße befindet. In den drei Häusern wurden im Jahre 1916 insgesamt 305 Insassen verpflegt, unter denen sich 87 Männer und 218 Frauen befanden. Die erste Anstalt zählte 114 Insassen, die zweite 85 Personen, in der drittem waren 106 Pfleglinge untergeb rächt. Im Laufe des Jahres fanden 41 Neuaufnahmen statt; durch den Tod sind 30, durch Uebersührung in das Hospital der Gemeinde 10, durch freiwillige Austritte 2 Personen ausgeschieden. Ter Gesundheitszustand war zufriedenstellend; die Verwaltung ist eifrig bemüht, die für den Anstattsbetrieb erforderlichen Lebensmittel zu beschaffen. Die Versorgung hat sich 'immer schwieriger und kostspieliger gestaltet, da die Notwendigkeit, die Anstalten rituell zu führen, die Schwierigkeiten vermehrt. Tie Gesamtausgaben für die drei Anstalten betragen 232 889 Mark, die Einnahmen nur 216 380 Mark, so daß ein Fehlbetrag von 16 509 Mark ans Gemeindemitt-eln gedeckt werden mußte. Die reinen Verpflegungskosten betragen 12-3 034 Mark, so daß Pro Kops und Tag ein Unkostenbetrag von 96,5 Pfennig entsteht, gegen 91,1 Pfennig im Vorjahre. Ter Jahresauswand stellte sich auf 763 Mark für jeden Insassen gegen 687 Mark im Jahre 1915 und 627 Mark im Jahre 1914. Das 4 341452 Mar? betragende Anstaltsvermögen hat im letzten Jahre eine Zunahme von etwa 100 000 Mark erfahren. Der „eiserne Bestand" hat sich um rund 127 000 Mark vermehrt. Die Anstalten haben in den letzten zehn Jahren eine Vermögenszunahme von etwa VA Millionen Mark erfahren. Die drei Anstalten reichen für die ständig wachsenden Ansprüche der größten südischen Gemeinde Deutschlands schon lange nicht mehr aus. Zur Errichtung einer vierten Altersversorgungsanstalt ist ein besonderer Baufonds angesammelt worden, der sich auf 463 000 Mark beläuft. Durch ein dem Vorstand der Nttersversorgungsanstalt kürzlich zugcsallenes Vermächtnis haben sich die Mittel für das neue Haus auf etwa % Millionen vermehrt. Mit dem Neubau soll sofort nach Wiederkehr friedlicher Verhältnisse begonnen werden.. er. Memel. 2. November. Die hiesige Shnago gonge me in de bat durch das Ableben ihres Repräscntantcnvorstehers Adolf Eisenstädt einen schweren Verlust erlitten. Dreißig Jahre hat sich der Verstorbene als Mitglied des Repräsentantenkollegiums den Ausgaben der Gemeinde gewidmet und zuletzt als Repräsentantenvorsteher der Repräsentantenversammlung gewirkt. Sein Rat war sehr geschätzt. Seine hilfsbereite Güte und seine vorbildliche Toleranz gegenüber Andersdenkenden machten ihn sehr beliebt. Sein besonderes Interesse widmete der Verstorbene deur Jüdischen Krankenhause, dessen Kuratorium er lange Jahre angehörte. Sein Heimgang wird allgemein betrauert. Die Beerdigung fand unter Beteiligung weiter Kreise statt. Im Traner- - hause hielt Rabbiner Fein aus Lyck eine ergreifende Ansprache, in der er die Tugenden und Vorzüge des Verstorbenen hervorhob. Sodann rief ihm Oberbüirgermeister Altenberg warme Worte des Abschieds nach: Beinahe zehn Jahre lang habe er der Stadtverordnetenversammlung und Zahlreichen städtischen Deputationen angehört und überall habe man seinen klugen Rat und sein abgeklärtes Urteil wohl zu schützen -gewußt. Er wird wie in allen seinen Wirkungsstätten, so auch in seinen städtischen Aemtern eine fühlbare Lücke hinterlassen und Gefühle der reichsten Dankbarkeit begleiten ihn auf seinem letzten Wege. Auf dem Friedhof ergriff der Kautor und stellvertretende Rabbiner der hiesigen jüdischen Gemeinde Kahn das Wort, um noch einmal die vielfachen Verdienste und die Liebe und Freundschaft, die der Verstorbene st!h überall errungen, zu betonen. Er gehörte nicht nur der jüdischen Gemeinde, er gehörte der ganzen Stadt an, und so leicht

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