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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-11-09 · Heft 45 (9.11.1917) · p. Seite 540

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 45 (9.11.1917)
Date
1917-11-09
Page
Seite 540 (sequence 12)
Language
German
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ihm viel Sympathie Und Vertrauen. Seine Schwestern beklagen sich, das; er, wenn er ihnen auf der Straße begegne, am liebsten tue, als sähe er sic nicht. Und auch von Fremden höre ich, daß er sich um den Gruß drücke. „Du siehst aber schlecht aus, Tante Trude", meinte er. „Ganz mager bist du geworden." Es ist eine große Ausnahme, wenn er einmal etwas bei anderen beobachtet. „Du auch, Benno", sagte ich lächelnd und reichte ihm die Hand. Wir lachen leise wie im Einverständnis. Dabei weiß er ja nichts von meinem Erleben. „Nun müßtest du schon ein wenig wohler aussehen", sage ich und schüttele leise wie erinnernd seinen Arm. „Tu sollst dich nicht so gehen lassen, Benno." „Deine Ratschläge sind schlecht, Tante Trude." „Wieso?" Ich bin mit ihm in die Seitenstraße cingebogen, lim ihn nach dem Lazarett zu begleiten; ich hatte ja Zeit. Mir kam es sonderbar vor, daß ich diese Straße ging und daß doch keine Möglichkeit vorhanden war, Günther zu begegnen. Als sei die Stadt ausgestorben, ist mir zumute. „Wieso sind meine Ratschläge schlecht?" „Du hast gesagt, Arbeit sei Rettung. Ich schufte wie toll. Gelegenheit genug hätten wir ja, auch wenn es nicht zum Zwecke der Belustigung geschähe." Sein bleiches Gesicht mit den scharfen Linien um den Mund paßt schlecht zu dem Worte Belustigung — „es sind wieder zwei Kollegen eingezogen, aber mir gefallt das Leben immer noch nicht besser." „Aber dein vieles Arbeiten muß dir doch eine innere Befriedigung bringen." „Ach wo! Das möchtest du mir bloß einreden. Aerger bringt es, Aerger und Verdruß. Entweder man ärgert sich mit den Helferinnen dort im Lazarett oder zu -Hause mit dem Techiliker und den Patienten. Heute habe ich deine Freundin, das Fräulein Benjamin, vor die Tür gesetzt, das heißt, sie ist selbst auSgerissen, als ich so saugrob wurde bei ihrer Anstellerei. Sie ist übrigens nicht die erste, die ich auf die Art rausgeekelt habe. Eine beleidigte Mama ist gestern auch abgezogen, weil ich ihrem Feigling von Bengel eine runtergekloppt habe. Eine halbe Stunde hatte ich mich schon gequält, und die Range lvvllte nicht still halten." Ich bleibe erschreckt stehen. „Benno, du machst es grundfalsch", sage ich betrofsen. „Oho! Soll ich mir das Geheule mit anhören? Soll ich die Patienten poussieren? Dazu fehlt mir die Geduld und auch — der Vorsatz." „Benno, ich weiß, wie du dir helfen konntest, dir und deinen Patienten auch." „Ten Patienten helfe ich ja nach Kräften, denke ich, dazu bin ich ja da. Und mir? Na, von mir sehen wir mal ab. Man tut seine Pflicht, damit basta. Aber daß es mir gerade gefiele in dem Jammertal, so man Welt nennt, könnte ich nicht behaupten. Wenn du tatsächlich einen beachtenswerten Ausweg daheraus weißt, meine kluge Tante Trude, dann schieß nur los." „Gut sein müßtest du, Benno." „WaS müßte ich fein?" Er fährt herum und sieht mich an, als habe er nicht recht gehört. „Gut fein, Benno, ganz gewiß, sonst nichts." „Ich soll also meine Zeit damit verzetteln und die Stube voll Patienten nebenan warten lassen, weil ich eine Stunde lang dem Koloß von Frauenzimmer, der Benjamin, oder einem verzogenen Bengel gut zureden soll!" „Ein gutes, festes, wohlbedachtes Wort hätte das wohl auch bewirkt, Benno", sage ich. „Ein Wort zur rechten Zeit tut viel... Und gerade, wer mit der leidenden Menschheit zu tun hat, hat so herrlich viel Gelegenheit zum Gutsein." „Eins bewundere ich an dir," sagt er spöttisch, „du hast immer einen Vorrat an guten Ratschlägen. Und wenn der eine nicht verfängt, dann macht dich das absolut nicht verlegen, du preisest mit derselben Treffsicherheit den nächsten an. Das Rezept mit der Arbeit schlug fehl, nun empfiehlst du mir die Güte." — „Verzeih, lieber Junge, du tust mir Unrecht, wenn du hier einen Widerspruch formulierst. Das ist ein und dasselbe, sollte es wenigstens bei dir sein und bei allen anderen Leuten auch. Dr. Westphal hat mir neulich deine Tüchtigkeit so gerühmt, du weißt doch, bei der Kiefernverletzung des Grenadiers, da —" „Sehr schmeichelbar", spottet er und kann es doch nicht hindern, daß er leicht errötet. Ich glaube, er gibt sehr viel auf Günthers Urteil. Ich hatte es ihm schon einmal verraten, aber damals hatte er es gar nicht gehört. „Und deine Arbeit über die „schmerzlose Behandlung mit der — na, ich weiß nicht mehr, wie das Instrument heißt. Dr. Westphal meinte, der Aufsatz sei nicht für Laien geschrieben, ihn aber hat er sehr interessiert." „Das freut mich sogar ehrlich", sagt Benno leise und wird noch röter. „Warum hast du ihn eigentlich geschrieben? Was bezweckt er?" Er lacht leise auf: „Na, selbstredend doch, der zahnleidenden Menschheit eine Erleichterung zu verschafsen." „Aha, da sind wir ja einig", falle ich ein. „Hoffentlich bürgert sich das Instrument ein, das du so warm beschreibst und empfiehlst. Aber vorher und auch dabei, — ach. Benno, ihr Zahnärzte habt ja gar keine Ahnung, wie verängstigt so ein armes Menschenkind zu euch kommt, wie sehr ihr es ihm erleichtert, wenn ihr bei aller Bestimmtheit ein bißchen Güte und Teilnahme verratet. Ihr braucht noch nicht mal Worte darum zu machen, der Leidende muß sie bloß fühlen. Güte ist so ein wunderbares Heilmittel." „Gegen Zahnschmerzen?" spottet er. „Gegen alle Leiden", sage ich ganz ernst. „Zu großen Taten und Opfern kommt es selten, aber zu kleinen Freundlichkeiten hat man täglich -hundertmal Gelegenheit.. Benno, weißt du, was mein Lebensprogramm ist?" In diesem Augenblick ist mir, als habe ich plötzlich eins bekommen, eins, das wohltun, das mir helfen und mich retten könnte. „Nun?" „Gut sein zu aller Welt." „Lohnendes Tagewerk!" murmelt er mit leisem Auflachen. „Bei allem, was ich tun werde", fahre ich ohne Verlegenheit fort. „Daß ich nicht müßig sitze, das weißt du sowieso. Aber wenn du noch so eifrig bis in die Nächte hinein arbeitest und die geistreichsten, wohlausgeklügelsten Vorschäge niederschreibst und dich noch so am Tage abquälst weit über deine Sprechstunden hinaus, dann magst du der geschickteste und gescheiteste Zahnarzt der Welt werden, und ein Handwerker bleibst du in meinen Augen doch, wenn deine Patienten in Grauen zu dir kommen und ungetröstet oder gar beleidigt wieder Weggehen, selbst mit der kunstvollsten Goldplombe. Erst die Güte macht mir den Arzt zum Künstler in seinem Beruf und den Laien zur» Künstler des Lebens. Herzensgüte wird viel zu wenig geschätzt. Ein guter Mensch ist wie die Sonne, ein lieber warmer Strahl bleibt einem im Herzen, wenn man ihm nur begegnet ist." Ich denke an Vater, an Vater als Arzt und als Mensch, so wie ich ihn früher sah, wie ihn alle Menschen sahen, die mit ihm zu tun hatten. Helfen konnte er nicht allen, getröstet hat er jeden und jedem wohlgetan. (Fortsetzung folgt.)

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