Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 45 (9.11.1917)
- Date
- 1917-11-09
- Page
- Seite 539 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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trotz der größten Sorgsamkeit, zahllose Jrrtümer mit unterlaufen-., sondern durch die Erkenntnis seiner Tendenz. Graetz fehlte jede Objektivität. Er und seine Verehrer betrachteten und betrachten diesen Mangel als einen Vorzug; sie wähnen, der Historiker der Juden müsse vor allem Jude sein, d. h. nicht bloß der jüdischen Gemeinschaft angehören, sondern die geschichtliche Entwicklung vorzugsweise von jüdischem Standpunkt aus betrachten; wir sind der Ueberzeugung, daß der Geschichtschreiber der Juden in erster Linie Historiker sein muß. Innerhalb der jüdischen Entwicklung gab und gibt es Parteien. Graetz und die Seinen glaubten, bei der Schilderung dieser Spaltungen müsse man selbst Partei ergreifen, urteilen, loben, tadeln, seine Gesinnungsgenossen rühmen, seine Gegner verspotten und vernichten; wir sind aufs tiefste von der Anschauung durchdrungen, daß der Historiker die Motive der Geschilderten ergründen, ihr Tun erklären, sich aber des Urteils enthalten muß. Daher fühlen wir uns verpflichtet, die Art, wie Graetz die Schüler Mendelssohns mit Kot beworfen, wie er Abraham Geiger herabgezogen, Zunz ignoriert hat, als unhistorisch zu verwerfen. Graetz und die Seinen waren und sind stolz darauf, daß er es gewagt habe, die Deutschen zu verhöhnen, weil sie nie den Juden ihr volles Recht gewährt hätten, und ans ihre Kosten andere Nationen zu erheben; wir sind, nicht nur, weil solches Aburteilen den wildesten Antisemitismus entfesselt hat, sondern von historischem Standpunkt aus, der Meinung, daß eine derartige Manier in höchstem Grade ungeschichtlich ist und daß der wirkliche Historiker sich bemühen muß, eine derartige Handlungsweise, so tief wir sie auch beklagen, zu verstehen und in ihrer Eigenart zu begründen. Aus allen diesen Gründen: wegen der zahllosen Jrrtümer, wegen des Mangels an allgemeiner Objektivität, wegen des einseitigen jüdischen Parteinehmens, wegen der undeutschen Gesinnung, lehnen wir das Graetzsche Geschichtswerk ab. Wir vermögen nicht, ihn zum Meister zu stempeln, wir können ihn, trotz seiner unleugbaren Vorzüge, trotz seines Eifers und Fleißes, trotz seiner hohen Begabung nicht zum Vorbild nehmen, sondern müssen behaupten, daß eine wirkliche Geschichte der Inden noch geschrieben werden muß. L. G. Tante Trude. Roman einer Vierzigjährigen. Von Anna Goldschmidt. (36. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.) ereue ich, daß ich so blind war? Nein, das liegt hinter mir. Ich neide auch Lottchen Beyer nicht mehr ihr Glück, nicht wahr? Ich staune nur noch ein wenig, und das Herz zuckt dabei, wenn ich den Widersinn in allem Geschehen erkenne. Ja. ja. ich habe — das war mein Fehler —, seit ich denken lernte, kein Gesetz, kerne Sitte, keine Regel so hinnehmen können auf Treu und Glauben; ich habe mich aufgelehnt gegen alles, was nicht meinem Gerechtigkeitssinn entsprach, gegen die zweierlei Moralgesetze der Männer und Frauen, der Hohen und Geringen; gegen die unverdienten Bücklinge vor ererbtem Reichtum oder angeborenem Stand, und gegen die Rücksichtslosigkeit und Verächtlichkeit der ehrbaren unverschuldeten Armut gegenüber. Alles nmßte ich durchackern in meinem klein-en Hirn und Herzen, — aber — ich selber fügte mich. Ich lebte brav und recht der hergebrachten Sitte nach und änderte keinen Deut daran. Und war gar noch stolz auf diese Tugend. Und Lottchen Beyer hat wohl noch nie darüber nachgedacht, daß die Sitte den Männern zu viel Recht gibt und den Frauen zu wenig, aber — als sie ihr unbequem wurde, da warf sie sie ganz einfach über den Hausen, kurz entschlossen und zielbewußt. Sie fragte nicht nach der Mama lind all den guten Lehren, über das, „was sich schickt und nicht schickt"; — sie warf sich dem Mann an den Hals und gestand ihm ihre Liebe, Hat sie nicht recht gehabt? Der Erfolg spricht für sie. Sie hat sich ihr Glück selbst praktisch geschaffen, und die andern, die Wünschenden. Kämpfenden, sich Zerquälenden, denen nie der Gedanke gekommen wäre, ihre eigenen Erwägungen auch in die Tat umzusetzen, gehen leer aus. Aber nein! Nicht so! Nicht bitter werden! Ich habe diese Nacht Minuten durchlebt, da es mich wie Hoheit umflossen hat, in dem stolzen Bewußtsein seiner Liebe. Nur mich, nur mich hat er geliebt! Das kann mir keiner rauben, auch wenn ich jetzt allein bin und — allein bleiben muß. Möchte ich, ich hätte ihn zeitiger verstanden, und wir hätten uns geheiratet? * „Selbstbeherrschung"! „Frauenwürde"! Ich bin vierzehn Jahre älter als er. Vielleicht wäre die Stunde gekommen, da ich mich in seinen Armen geschämt hätte, wenn der Jüng-c ling zum blühenden Mann gereift wäre und ich- Aber er liebt mich doch, liebt mich? Rahel Levin und Barnhagen haben sich auch geheiratet und sind glücklich miteinander geworden? — Trude Reisfeld, bist du eine Rahel? Das Genie ist ewig jung; wir Durchschnittsmenschen aber unterliegen den Naturgesetzen. Sehe ich das nun ein? Oder werde ich klein und neidisch und bös werden in meiner Verlassenheit? „Frauenwürde!" Und er hat mich geliebt! Und wenn ich jetzt statt dieser Blätter einen Briefbogen nähme und schriebe: „Günther, komm zu mir! Die kleine Lotte wird sich trösten. Sie ist ein Kind, und ihre zerbrochene Liebe würde ihr nicht mehr sein als ein zerbrochenes Spielzeug. Ich aber. . ." Er käme zurück. Wie ein Beglückter, Begnadeter käme er zurück zu mir, denn jetzt fällt mir alles ein, was mir seine Liebe hätte verraten müssen, wenn ich nicht blind und taub gewesen wäre. Blind und taub aitä Demut, weil ich nicht glauben konnte, der blühend Junge, Schöne könnte mich, die Alternde, begehren. Der Fall wäre zu überlegen, auch seinetwegen. Vielleicht könnte ich ihn glücklicher machen, als die kleine blonde Einsalt es imstande wäre. - Und ich sage: nein! Und was nun tun? Ich muß mich besinnen, muß nun meini Leben weiterleben. Was kommt zuerst? Ach so, Günther gratulieren, ein Geschenk für Lottchen aussnchen — es wird ihn freuen, wenn ich aufmerksam gegen sie bin —, und dann war ich auch schon lange nicht in der Karlstraße, und ins Spital wollte ich gehen, — Beschäftigung genug für einen Tag. # Sie haben sich unendlich mit mir gefreut, die armen Altweibchen. Wie ein Vorwurf legt sich ihre große Freude auf mein Herz. Wie lange bin ich nicht dort gewesen! Sage keiner, daß den Armen nur mit Essen und Kleidern, überhaupt mit Gaben gedient sei. Erst das, was man persönlich an Freundlichkeit, Teilnahme und Rat — aber mit dem Rat bin ich schon „vorsichtiger; der Reichere ist nicht immer der Gescheitere — dazugibt, macht das Geschenkte wertvoll. Ich habe versprochen, bald wieder zu kommen, und diesmal werde ich mein Ver- . sprechen halten. Als ich von da ans nach der Karlstraße ging, begegnete ich Benno. Er kam auf mich zu. Ich weiß, das bedeutet bei