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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-11-09 · Heft 45 (9.11.1917) · p. Seite 538

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 45 (9.11.1917)
Date
1917-11-09
Page
Seite 538 (sequence 10)
Language
German
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Vcc}on beginnt. Der neuen Zeitschrift), der ersten dieser Art in den nordischen Ländern, wünschen wir gutes Gedeihen. ' Sie steht unter einem verheißungsvollen Stern, denn der treffliche D. Simonsen ist Mitherausgeber; dem ersten Hefte hat er eine Würdigung von Graetz und eine Miszelle Goldschmidtiana beigesteuert. Die übrigen Beiträge sind von den beiden Herausgebern und von Louis Bobe, der mir bisher durch seine wichtigen literarhistorischen Publikationen bekannt war. Ich muß mich, da ich des Dänischen unkundig bin, mit diesem kargen Hinweis begnügen, hoffe aber, wenn, was zu wünschen, die Zeitschrift ihren Fortgang nimmt, durch einen Kenner darüber genauen Bericht geben zu lassen. Taglichts Veröffentlichung 4 5 6) — der 7. Band einer Reihe von Editionen und Monographien, von denen mehrere in diesen Blättern die gebührende Würdigung erhalten haben — ist das Werk eines ernsten Forschers. Bei solchen Zusammenstellungen handelt es sich nicht um vollkommen Neues, nicht um überraschende Resultate, sondern um gründliche, gesicherte Folgerungen auf einem bisher wenig bearbeiteten Gebiete. Aus den schon früher von einigen Forschern zu anderen Zwecken benutzten Wiener Hosmarschallsakten hat der in diesen Studien bewanderte Gelehrte nicht, wie er behauptet, die wirklichen Vermögensverhältnisse der Wiener Juden im 17. und 18. Jahrhundert dargestellt, sondern das Material zu einer solchen Darstellung geboten. (Daß die Akten des Hofmarschallamts eine so ergiebige Quelle waren, ergibt sich daraus, daß dieses, nicht das Judengericht, die ausführende Behörde war.) Diese Darbietung geschieht durch Mitteilung der Nachlässe aus den Akten. Daraus ergibt sich, daß neben bedeutenden Neichtümern, bedeutend im Verhältnis zu jener Zeit — denn von Millionären in unserm Sinne ist nicht die Rede — unendlich viel Armut herrscht: bei vielen ist nichts da, so daß gar manche, selbst ein Arzt, auf Kosten der Gemeinde, einer frommen Bruderschaft oder des Rabbiners begraben werden müssen; bei anderen überragen die Außenstände oder die Passiva die beträchtliche Vernwgensmasse um ein Bedeutendes. Die Lebenshaltung der Juden ist eine bescheidene; zwar besitzen einige viel Gold und Silber, Stoffe, mehr zürn Handel als zum Gebrauch, die kostbaren Geräte dienen aber meist zu religiösen Zwecken. Sie geben wenig aus; größere Aufwendungen finden statt für Mitgift, Wohltätigkeit, Studien; einer hinterläßt Geld zur Begründung einer neuen Schule, bestehende Lehrhäuser werden mit großen Summen bedacht. Dabei ist die Kenntnis der hebräischen Sprache bei den meisten sehr gering. Für die Finanz-, Familien-, Nechtsgeschichte sind die Aufzeichnungen von unendlichem Wert; das jüdische Recht findet in Glaubens- und Eheangelegenheiten, aber auch manchmal in zivilrechtlichen Fragen Anwendung. - Die Einleitung orientiert gut über den mannigsachen Inhalt; sie verweilt ausführlich bei prominenten Persönlichkeiten der Familien Oppenheimer, Wertheimer, Singheim (unter den sonst vorkommenden sei auf Erkeles, Arnsteiner und Baruch hiugewiesen). Die außerordentlich zahlreichen Anmerkungen gebln gediegene Erklärungen. Ein gut gearbeitetes Register macht den Schluß. Im ganzen wird von 274 Nachlässen berichtet, dann folgt eine Anzahl Testamente und Briese, zum Schluß werden noch hebräische Dokumente mitgeteilt. Um einige wenige Einzelheiten hervorzuheben, sei erwähnt, was im Vergleich zu unserer Zeit ganz besonders lehrreich genannt werden muß: daß ein Paar Gamaschen mit 3 Kreuzern, Schuhe ä 20 Kreuzer berechnet werden, dagegen goldenes reiches Zeug für eine Weste mit 40 fl. (S. 78). — Als eigenartige Sitte sei angemerkt, daß einer eine Verteilung au Arme bestimmt „entsprechend dem Zahlenwert seines Namens" (S. 83). Unter den merkwürdigen Beschäftigungen sei die eines Hofzwergs erwähnt (2. 194); das Amt scheint aber nicht sehr einträglich gewesen zu sein. Auch das Amt eines Kellermeisters 4) Tidsskrift kor Jodisk historie og literatur. Redigeret af Josef Fischer og Julius Salomon under Medwirkning af D. Simonsen. Förster Bind. Hefte 1. Udgivet af Danmarklogen U. 0. B. B. 712. J. Comniissionkos Levin & Munksgaard, Kobcnhavn 1917. 5J Nachlässe der Wiener Juden im 17. und 18. Jahrhundert. Ein Bei-; trag zur Finanz-, Wirtschafts- und Familiengeschichte des 17. und 18. Jahrhunderts. Herausgegeben und bearbeitet von Tr. I. Taglicht. — Bildet den 7. Band der Quellen und Forschungen zur Geschichte der Juden in Deutsch-Oesterreich, herausgegeben von der historischen Kommission der! israelitischen Kultusgemeinde in Wien. Wien und Leipzig. W. Braumüller. 1917. Preis 14,40 Kronen. (S. 208) dürfte nicht eben zu den unter Juden üblichen gehören. Sehr eigenartig ist die Erklärung eines Testators, er habe von seiner Tochter eine Summe von 9000 fl. in Händen, „die Zahlung ist eine Stunde vor meinem Tode fällig" (S. 231). Diese wenigen Bemerkungen sollen nur das Interesse bekunden, das ich an dem wichtigen Werke genommen habe; sie erheben nicht den geringsten Anspruch darauf, seinen reichen Inhalt auszuschöpsen. Ueberblickt man diese wichtige und aufschlußreiche Veröffentlichung, die während des Krieges gearbeitet und erschienen ist, so muß man sagen: Glückliches Oesterreich! Beneidenswert die jüdische Gemeinde, die neben vorbildlicher Pflege und Ausbildung ihrer Kultus- und Wohltätigkeitseinrichtungen Mittet genug besitzt, um sie für große wissenschaftliche Werke zu verwenden, und Männer aufweist, die derartige Arbeiten schaffen können. Ich bin gewiß der letzte, der einen Borwurf gegen die Berliner Gemeinde erhebt; ich kenne und würdige ihre staunenswerte Tätigkeit und die zielbewußte Verwendung ihrer reichen Mittel. Aber die Frage erheischt doch eine Antwort: Ließe sich für Berlin nicht erreichen, was in Wien möglich ist? Könnte die große Berliner Gemeinde nicht auch große geschichtliche und wissenschaftliche Unternehmungen herausgeben, Mittel bereitstellen für große literarische Veröffentlichungen? An Stoff würde es nicht fehlen und an Bearbeitern nicht mangeln. Nicht gleiches Lob wie dem vorstehend beurteilten Werke kann man der Schrift M e i s l s spenden^). Die ganze Schrift, ohne Anmerkungen und Beilagen, ist 118 Seiten. Das wäre für eine Huldigung genug, für eine eingehende Würdigung ist es zu wenig. Das biographische Kapitel genügt; meinem Vater „kleinlichen Eigendünkel" Zuzuschreiben, wie dies S. 14 geschieht, ist ungerecht und unwürdig. Der Abschnitt über die jüdische Geschichtschreibung vor Graetz mag hingehen, jedenfalls in seiner Verurteilung von Jost, aber es ist unhistorisch, Jost, Krochmal, Rappaport, Luzzatto als Vorläufer hinzustellen, weil diese gär nicht das Streben hatten, eine allgemeine jüdische Geschichte zu liefern. In dem Hauptabschnitt „Das Geschichtswerk" läßt es der Autor an Widerspruch gegen Graetz nicht fehlen (vgl. S. 40, 42, '46, 48, 56, 67), wo Einseitigkeit, schiefe Beurteilung einzelner Persönlichkeiten und ganzer Richtungen scharf hervorgehoben wird, ja, er weist dem 11. Band ganz publizistischen Charakter zu (S. 52) und hebt hervor (das.), daß die Beurteilung vieler Personen bestimmt sei „von einseitigen, parteiischen, philisterhaft moralisierenden Gesichtspunkten, die alle psychologischen Erklärungen und den Einfluß der idealistischen und romantischen Elemente gänzlich vernachlässigen". Aber trotz solcher Einzelbemerkungen fehlt es an einer zusammenfassenden Kritik. Der letzte Abschnitt „Graetz und die jüdischen Tagessragen" ist wohl der beste; nur scheint mir die Behauptung, Graetz sei ein Nationaljude, ja, wie es am Schluß (S. 118) heißt, der letzte' Nationaljude gewesen, un,begründet und unbewiesen. — Die Bibliographie ist nicht vollständig genug; bei dem Hauptwerk hätte jeder Band mit seinem Erscheinungsjahr, ausführlichem Titel, auch den Seitenzahlen, auch jede neue Auflage sorgfältig verzeichnet werden müssen. Unter den Beilagen ist der Briefwechsel zwischen Graetz und Gottschalk Lewy am interessantesten; die Mitteilung aus den Akten des D. I. G. B. über die historische Kommission für die Geschichte der Juden in Deutschland hätte zu Ehren, von Graetz fortbleiben sollen, denn sein Brief vom 16. Oktober 1885, in der auch eine törichte Bemerkung gegen mich vorkommt, ist eines ernsten Mannes unwürdig. Zum Schlüsse dieser Betrachtung sei ein ernstes, entschiedenes Wort gestattet. Ich habe, um die Unparteilichkeit dieses Blattes zu wahren, H. Graetz' 100. Geburtstag in diesen Spalten feiern lassen, sein Bild gebracht, genau so. wie ich dies bei persönlichen und literarischen Gegnern getan habe und ferner tun werde. Aber ich halte mich für verpflichtet, auch meinen Standpunkt zu wahren. Ich leugne nicht Graetz' ungeheure Popularität, die Geschicklichkeit seiner Darstellung, seinen außerordentlichen Fleiß, seinen heiligen Eifer, aber ich verdamme seine ganze Art und damit sein Werk. Zu diesem Berdammungsurteil bin ich gelangt, nicht bloß durch die Tausende von Fehlern, Ungenauigkeiten, die sein Werk verunstalten — denn in elf dicken Bünden, die beinahe drei Jahrtausende umfassen, müssen, «) Heinrich Graetz: Eine Würdigung des Historikers und Juden zu seinem 100 Geburtstage, 31. Oktober 1917 (21. Cheschvan). Bon Josef Meist. Berlin 1917. Verlag von Louis Lamm. Preis 4,50 Mark, gebunden 6,50 Mark.

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