Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 45 (9.11.1917)
- Date
- 1917-11-09
- Page
- Seite 535 (sequence 7)
- Language
- German
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535 die Tyrannen ihr Lager aufgeschlagen hatten und wo die Geiseln eingesperrt waren- Durchkreuzt man die Stadt, so sieht man, nur Ruinen jüdischer Güter. Nur jüdisches Hab und Gut wurde vernichtet. Nur jüdische Häuser wurden dem Feuer preisgegeben. Und nur jüdischer „besonderer Saft" ist geflossen. Ich will durchaus nicht bestreiten, daß nicht auch andere Häuser zerstört worden sind, aber — nur aus Versehen. Wer sich ein Bild von der Zerstörung jüdischen Vermögens, das durch mühevolle, schwere, langjährige Arbeit erworben wurde, machen will, der sehe sich noch außerdem Stanislau, Kolomca, Peczenizyn und andere Orte Galiziens und der Bukowina an; er wird erst ein Bild russischer Kultur gewinnen. Komme mir noch einer mit der Phrase: die Juden haben in diesem Kriege am wenigsten gelitten, ich wäre imstande, ihn zu diesen Ruinen zu führen, um ihm das Bild an Ort und Stelle zu zeigen. Er wird nie in seinem Leben mehr eine derartige Erwähnung über seine Lippen bringen. Die Juden haben bewiesen, was ihnen das Vaterland wert ist; sie haben bezeugt, daß keine kostbareren Güter als das Vaterland für sie existieren — denn — sie haben s i ch und ihre Familie dafür geopfert . . . Und heute — zehn Wochen nach Befreiung von Czernowitz — scheint die Sonne über die schwergeprüfte Stadt. Heute, nach dreimaliger Invasion, ist neues Leben aus den Ruinen erstanden. Man beginnt wieder das alte Leben. Czernowitz lebt und atmet frisch und gesund. Möge der Bevölkerung ein neues friedliches Leben beschert sein, wie sie es sich verdient hat! Mögen den jüdischen Einwohnern, die fast die Hälfte der Bewohner ausmachen, sonnigere Tage vergönnt sein, als die letzten es waren. Sie haben sie sich redlich erkämpft. Sie haben alles, alles hingegeben und stehen heute arm, verkommen, beraubt jedes Gutes, hoffend auf bessere Zeiten, die ihnen die jetzt strahlende Sonne hereinzustrahlen scheint. Ein jeder von uns fühlt mit ihnen, ein jeder von uns wird sie zu jeder Zeit unterstützen. Das schulden wir ihnen. Das schuldet ihnen der Staat, der hoffentlich in erster Reihe den Dank in hilfreiche Tat umsetzen wird, um die geschlagenen Wunden rasch zu heilen. | Lmil Freiherr von hirlch. \ er Moritz Freiherr v. Hirsch, kurzab „Baron Hirsch", von seinen Neidern und Ankläffern auch der „Türken- Hirsch" genannt (er hatte die Eisenbahnen der Türkei saniert, wie man zu sagen pflegt, oder eigentlich geschaffen), gewesen, weiß doch jeder Leser dieser Blätter. Und auch über die erstaunlichen humanitären Leistungen dieses wahrhaft mustergültigen Menschenfreundes im Dienste seiner unglücklichen Glaubensgenossen, namentlich der Millionen elender und brutal gepeinigten in Rußland, dürften die meisten, denen der Name Baron Hirsch ans Ohr schlägt, im ganzen Bescheid wissen. Die Witwe, die nach seinem Tode im übernommenen Sinne jene Bestrebungen des großzügigsten Philanthropen der Weltgeschichte zugunsten ungezählter hunderttausender nach Sonne und freier Betätigung lechzender Jsraehiten aufs würdigste fortsetzte, wurde jüngst in der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" (Nr. 38, Seite 449), aus dem Munde der ja kürzlich verstorbenen edeln Königin Eleonora von Bulgarien vor dem Oberrabbiner von Sofia als „eine heilige Frau" bezeichnet. Das genügt zweifellos. Der einzige Sohn dieses unvergeßlichen Paares starb früh und so blieben Seniorschaft der Familie und die Pflicht, deren Rnf in den erworbenen ungewöhnlichen Ehren zu bewahren. auf Emil FreiHerrn v. Hirsch sitzen, 2. Sohn des Josef v. Hirsch, welcher als Hofbankier und Finanzberater des bayerischen Königs Max Josefs I. den Adel verliehen erhalten hatte. König Ludwig II., der ja, wie schon öfters in diesen Müttern hervorgehoben, stets ein paritätisch gerechter Landesherr und ein warmer Gönner seiner israelitischen Untertanen gewesen, versetzte die Familie, als einzige jüdische Bayerns, in den Freiherrnstand. Und nun ist am 22. September jener würdige Verkörperer der Geschlechtsüberlieferung in gesegnetem hohen Alter gestorben: eben Emil Freiherr v. Hirsch. Gleich seinen Eltern und dem Ehepaar Baron Moritz Hirsch, hat der nunmehr Geschiedene treulich am ererbten Glauben der Ahnen gehangen und diesen niemals verleugnet, ebensowenig wie sein weitausgreisender einflußreicher seliger Vater, vor den Hohen und Mächtigen dieser Erde oder solchen Leuten der sogenannten oberen Zehntausend, welche das Judentum bald offen, bald hinterrücks schmähen und verdächtigen. Schon wegen der hochangesehenen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Stellung des soeben Verblichenen geziemte sich heute ein Rückblick aus sein, freilich im ganzen weit einfacher als das seiner längst toten erwähnten Verwandten verlaufenes Leben. Dazu kommt aber der Umstand, daß mit ihm das jüdische Freiherrnhaus Hirsch erlischt. Die Kinder nämlich, insbesondere die Söhne Dr. Karl und Dr. Rudolf Freiherr v. Hirsch, gehören der römisch-katholischen Konfession an, und so Pflanzt sich der Ruhm, trotz aller Anfeindung und Mißgunst einer der Gleichberechtigung noch wenig geneigten Zeit, in der Erhebung unter die „Edlen der Nation" den Lohn ihrer Fürsten empfangen zu haben, in dem Gesamthause Hirsch jüdischerseits nur noch in der sogenannten Würzburger Linie, den einfachadligen „von Hirsch auf Gereuth", fort. Emil Freiherr v. Hirsch, das bisherige Altershaupt der ganzen Familie, hatte noch im März dieses Jahres in voller Frische seinen 80. Geburtstag begehen können, war aber daun Längere Zeit leidend gewesen, bis der sonst so rüstige und rührige Mann unerwartet rasch von dannen gegangen. Seit langen Jahren widmete er sich hauptsächlich der Verwaltung und Praktischen Bewirtschaftung des ausgedehnten Familienbesitzes, dessen Mittelpunkt das modern geführte große Gut zu Planegg in Oberbayern, halbwegs zwischen München und Starnberg, mit seinen mannigfachen Oetonomiebetrieben — darunter der Planegger Schloßbrauerei (sie liefert u. a. das Hubertusbier, wie es heißt, das stärkste Bier der Welt) — darstellt. Auf dem mitten darin belegenen Schlößchen, seinen: Lieblings- und üblichen Wohnsitz, ist Baron Emil v. Hirsch aus seinem im ganzen beschaulichen, doch arbeitsreichen Dasein gegangen. Dort hat er Jahrzehnte hindurch bis zum Tode mit seiner Gattin Mathilde, einer geborenen Ladenburg (ans der allbekannten Mannheimer Grobbankierfamilie), einer Schwester der Frauenrechtlerin Julie Bassermann, der Witwe des jüngst verstorbenen führenden Politikers, still hansgehaltcn, wie ein Patriarch dieses idyllischen Münchener Vororts am reißenden Würmflusse. Anhänglichkeit und Verehrung zollte man ihm, der als weit überragender Steuerträger den Umlagesatz des nicht eben reichen Dorfes im Vergleich zu der ganzen Umgegend stark hinabschrauben konnte, daselbst im höchsten Maße. Die ihm dort gewidmete Traueranzeige, sofort nach dem Ableben gleichzeitig mit der Todesnachricht der Angehörigen veröffentlicht, hat heutzutage als Kundgebung einer stockkatholischen Bauernschaft für einen jüdischen Mitbürger gewiß fast den Wert eines kulturgeschichtlichen Dokuments. Sie lautet: „Auf seinem Schlosse zu Planegg verschied am 22. September 1917 unser Gutsherr, Freiherr Emil v. Hirsch. In tiefster Trauer gibt die Gemeinde Kunde von dem Ableben ihres stets hilfsbereiten Mitbürgers, der unendlich viel für Hebung und Verschönerung unserer Gemeinde