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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-11-09 · Heft 45 (9.11.1917) · p. Seite 534

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 45 (9.11.1917)
Date
1917-11-09
Page
Seite 534 (sequence 6)
Language
German
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534 Orokellor Sr. Lmil tzofmsnn. Ißiner der bedeutendsten Rabbiner Böhmens, Professor <2^, Dr. Emil H o f m a n n in Reichenbach, beging kürzlich sein fünsundzwanzigjähriges Amtsjubiläum. Er war Hörer des Rabbinerseminars in Breslau und der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums in Berlin. Hosmann vereinigt tiefes talmudisches Wissen mit einem hohen Krade allgemeiner Gelehrsamkeit. Als Mitarbeiter an hebräischen Zeitschriften hat er sich als vorzüglicher hebräischer Stilist bewährt. Seit einem Vierteljahrhundert entfaltet er in seine? Gemeinde eine ausgebreitete und allgemein anerkannte Wirksamkeit, sich hohen und gerechten Ansehens erfreuend. Prof. Dr. Emil Hofmann hat während des Weltkrieges für die Garnisonen und die Kriegsgefangenen sowie in der Fürsorge für die jüdischen Flüchtlinge aus Galizien und der Bukowina viel Ersprießliches geleistet. Durch seine gediegenen Vorträge ist der Jubilar in den weitesten Kreisen bekannt geworden. Kaiser Karl von Oesterreich hat ihn, der als Rabbiner der israelitischen Kultusgemeinde in Neichenberg in Böhmen wirkt, das Goldene Berdienftkrenz mit der Krone verliehen. A. K—t. Lzernowitz. Bon (Stin* N n ch t (Berlin), z. Z. Czernowih. Czer nv- Witz - — Es ist spät nachts. Ich betrete den Bahnhof. Es war einst ein schönes Gebäude, bevor die „Befreier der Bukowina" es angesteckt haben. Heute stöhnt es und spricht eine beredte Sprache. Es erzählt uns, zu welchem Zwecke die Moskoviter es benutzt haben, und als ihnen der Boden zu heiß ward, da verwandelten sie dieses wichtige Verkehrsmittel — den Stolz der Ezernvwitzer Bevölkerung — in eine Ruine. Sie haben sich daran vergriffen, wie sie es an den unschuldigen Frauen und Mädchen getan haben. Sie haben geschändet, wie nur „Befreier der Entcntegesellschaft" es tun können. Ezernvwitz schläft . . . Selten begegnet man einem Menschen. Es ist finstere Nacht . . . Licht ist keins vorhanden. Das Elektrizitätswerk fiel ihnen zum Opfer . . . Tie schwergeprüften Menschen schlafen. Die Stadt ruht . . . Ezernowitz erwacht . . . Die schöne Stadt beginnt zu atmen, sie gesundet. Ist sie doch wieder von ihrem chronischen Leiden fast geheilt. Ich sage „fast". Sie ist noch nicht ganz geheilt, denn eine ticfgeschnittene Wunde bedarf längerer Zeit, bis sie sich der gänzlichen Heilung erfreuen kann. Ist der Schmerz durch den Anblick desBahuqvgs eumanden, jo wächst er mit zunehmenden Schritten in der Richtung der Stadt, die ans einer Anhöhe liegt. Der majestätische Wasserturm liegt siech danieder, wie ein von Altersschwäche gebrochener Mann. Furchterregend ist der Anblick . . Die Straßenbahn pausiert, sie ruht und erwartet den Arzt der Technik. Sämtliche Leitungspfeiler stehen schief und gebrochen und verraten wie es in der russischen Leitung aussieht. Wir nähern uns der Lebensader der Stadt — dem Ringplatz. Da steht das historische Rathaus ohne Adler — den die Moskoviter nach Rußland, möglich auch nach Sibirien verschickt haben. Die schwarzgelbe Flagge flattert hin und her. Sie verkündet uns, daß niemand das Recht hat. lie herunterzunehmen. Professor Dr. Emil Hofmann Rabbiner in Reichenberg. In diesem beratenden Hause hat der Despot, Gouverneur Evreinov, die drakonischen Gesetze diktiert, die jeden Bürger wie ein elektrischer Schlag treffen mußten. Hier wurde jene bekannte erste Kontribution auferlegt, die der Stadt fast zur Katastrophe werden konnte, wenn die Bürger — die Juden — der Stadt nicht ihr Hab und Gut geopfert hätten. Es war fast ausschließlich jüdisches Gut, das in Mengen geflossen ist. Ganz gleich, ob in klingenden Münzen oder Juwelen, ja, sogar Sabbatleuchter haben unsere Glaubensgenossen geopfert, um die Stadt vor einer Schandtat zu retten. Dank der Klugheit und der Ruhe des jüdischen Bürgermeisters Dr. Weißelberger, dem jeder Ezernowitzer Bürger mit seinem Leben verpflichtet war. ist cs zu verdauten, daß die Stadt nicht den moskovitischen Kanonen ausgeliefert wurde, denn Evreinovs Bedingung hieß: entweder die Kontribution oder die Stadt ist im Nu eine Ruine. Wir Juden müssen stolz sein auf diesen jüdischen Führer, der für seinen Patriotismus und seinen Glauben alles drangesetzt und geopfert hat. Er mußte es dann mit der Verbannung nach Sibirien büßen, was er dort gelitten hat, braucht nicht erst erwähnt zu werden. In diesem Rathause also wurden jene Verordnungen verfaßt, die für die Juden ein neues Verhängnis bilden sollten. Es wurde bei Strafe verboten, ihnen Lebensmittel zu verabfolgen. Man wollte sie unbedingt mit der Wurzel ausrotten; da wurde eben kein Mittel gescheut, dieses — das moskovitische — Ziel zu verwirklichen. Was sie da für glückliches, unschuldiges Leben zerstört haben! Ach . . . Das ist noch lange nicht das Finale der Leiden und Kränkungen, die unseren Glaubensgenossen zugestoßen sind. Man konfiszierte ihnen die Lebensmittel, gründete Geschäfte daraus und verbot ihnen, Nahrungsmittel zu verkaufen. Die errichteten Volksküchen durften unter keiner Bedingung den Inden Speisen verabfolgen. Dann legte man ihnen außerdem eine Kontribution auf — eine jüdische Kontribution. Man ging noch weiter. Die Juden wurden aus den Aemtern vertrieben, die Bürgerwehr ivurde „judenfrei" gemacht. Geiseln wurden hauptsächlich nur von der jüdischen Bevölkerung genommen,. Stündlich wurden Juden sür nichts und wieder nichts eingesperrt. Man wollte sie mit aller Gewalt rufsifizieren. Sie waren zu sehr österreichfreundlich. Kann man einen Neger weiß waschen? Sie wurden auf offener Straße — in Gegenwart von Offizieren — ihrer Habe beraubt und obendrein ins Gefängnis gesteckt. Die Polizei kam am besten dabei weg; denn für 50 bis 100 Rubel konnte man sich loskaufen. So schufen sich die Polizisten eine ausgiebige Einnahmequelle. Warum sollte denn das Geschäft nicht en gros betrieben werden, wenn die Einnahme lohnend war! Der Gouverneur hatte nichts gegen das Treiben seiner „Getreuen" einzuwenden. Haben doch selbst die Offiziere ihr Begehren in den Luxusläden gestillt. Der Herr Gouverneur sorgte nur für seinen Leib und sein Leben, das er sich durch Festhalten einiger jüdischer Persönlichkeiten gesichert hatte. Seine Nachfolger haben denselben Pfad eingeschlagen, so daß sämtliche drei Invasionen dasselbe Leiden brachten. Nur der Umschwung in Rußland — die Absetzung des Zaren — brachte eine Erleichterung für die schwergeprüften Exilisten. Links vom Rathause liegt das Hotel „Schwarzer Adler", wo

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