Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 45 (9.11.1917)
- Date
- 1917-11-09
- Page
- Seite 533 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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m Oxganisat: on er wichen können, das alles muß der bevorstehende Kongreß bestimmen. Das bedeutet, daß der Kongreß die nationalen Rechte zu formulieren haben wird, deren Verwirklichung die jüdische Ration auf der russischen Konstituaute fordern wird. Der Kongreß muß die Rechtssorinm, die das Leben der russischen Judenheit regulieren sollen, und die Organisationssornren, die für unsere nationale Existenz notwendig sind, entwerfen. Aus diese Weise wird der Kongreß den Willen des jüdischen Volkes und seine nationalen Bestrebungen vor der ganzen Welt proklamieren. Wie wenig wir mit den sogenannten nationalen Bestrebungen der Juden sympathisieren, mögen sie nun in Deutschland, Rußland oder Palästina auftreten, haben wir zu oft auseinandergesetzt, um uns länger darüber auszulassen. Auch wagen wir nicht zu entscheiden, ob der Zeitpunkt für die Berufung des Kongresses richtig gewählt ist. Gewiß, der Kongreß soll der Konstituante für ihre Beratungen Richtlinien geben, aber wer weiß, bei der Gärung, die noch immer in Rußland herrscht und die der Welt die sonderbarsten und durchaus unerwartetsten Überraschungen bereiten kann, ob und wann jene Konstituante in Rußland Zusammentritt. Die erste Aufgabe der russischen Juden müßte unseres Erachtens die sein, für sittliche und ökonomische Befreiung ihrer Glaubensbrüder zu sorgen; zuerst müßten die so lange Geknechteten freien Sinn und die materiell Verelendesten die Möglichkeit erlangen, zu arbeiten und sich einen würdigen Unterhalt zu verschaffen, — dann werden die erwerblich freigewordenen und materiell sichergestellten Juden auch dahin streben können, eine politische Rolle zu spielen. Aber es erscheint unlogisch, mit der Spitze eines Gebäudes anzufangen, ehe die Grundlage dazu gelegt und der Bau ausgeführt ist. * Den Berichten desselben Bureaus entnehmen wir auch folgende Mitteilungen: Die antisemitische Bewegung i u der Schweiz. Der Züricher Korrespondent des Jüdischen Korrespondenzbureaus int Haag meldet: In der demokratischen Wählerversammlnng, die am 12. Oktober in Zürich stattfand, lenkte Dr. Felix Pinkus die Aufmerksamkeit der Rational- und Ständeratskandidaten auf die in der letzten Zeit in der Schweiz verschiedentlich sich zeigende antisemitische Bewegung, und forderte von den Kandidaten eine bündige Erklärung, daß sie gewillt seien, den Antisemitismus in der Schweiz zu bekämpfen, bzw. nicht anfkommen zu lassen. Diese Erklärung wurde in feierlichster Form gegeben. Der Fall machte in der ganzen Schweiz einen tiefen Eindruck und beschäftigte während längerer Zeit die Presse des ganzen Landes. E i. n e A n t i, p o g r o m - G e s e l l s ch a f t. Dem Jüdischen Korrespondenzbureau im Haag zufolge meldet der „Jewish Chronicle", daß iit Südrußland eine Antipogrom-Bersicherungs-Aktiengesellschaft begründet wurde, der viele angesehene Banken und Geschäftsleute angehören. Die Idee sei zuerst in der Stadt Tsaritzin, bem ehemaligen Wirkungskreis des Mönches Jliodor, ausgetaucht, da man in dieser Gegend bei. einer politischen Umwälzung bestimmt mit blutigen Ausschreitungen gegen die Juden rechne. Anderseits erfährt dasselbe Blatt, daß in mehreren südrussischen Städten unter dem Deckmantel von Lebensmittelprüfungen antijüdische Exzesse stattgefnnden haben. Ueber die zionistasche Bewegung entnehmen wir der „Frankfurter Zeitung" nachstehenden Bericht: Basel, 28. Oktober. „Manchester Guardian" vom 20. Oktober schreibt: Die Haltung jener anglisierten Juden, die sich der Zionistischen Bewegung widersetzen, wurde gestern bei einer zionistischen Kundgebung in der kleinen Queens Hall in London einer scharfen Kritik unterworfen. Verschiedene Redner sprachen das Bedauern darüber aus, daß Herr Montagu, der so sehr mit den nationalen Bestrebungen der Juden sympathisiere, versäume, die noch größere Dringlichkeit der zionistischen Forderung nach einer Wiederherstellung der jüdischen Nation zu erkennen. Herr S. I. Cohen aus Manchester sagte, daß das Schicksal Palästinas demnächst entschieden würde. Es sei ein offenes Geheimnis, daß Palästina seinen Besitzer wechseln werde. Den Türkei: werde nicht länger erlaubt werden, es 31t besitzen; es sei jedoch nicht bet'amit, ob Großbritannien, Frankreich oder Amerika Palästinas Geschick entscheiden würden oder ob eine internationale Kontrolle eingesetzt werde. Kommandant Wedgewood sagte u. a., daß der Vatikan, der Zweifellos einen Einfluß auf die kommende Alliiertenkonferenz ausüben werde, begeistert für die jüdische Sache sei. Es seien zwei Dinge zu befürchten, nämlich erstens der Einfluß der deutschen Kultur auf die Juden und zweitens die Uneinigkeit unter den englischen Juden. * 'Für das durch Feuer arg beschädigte Saloniki hat sich außer Spanien, wie schon berichtet, auch die Schweiz werktätig gezeigt. Nach den Schilderungen französischer Zeitungen, die in deutsche Blätter übergegangen sind, war der Brand ein ganz furchtbarer. Das Elend, namentlich der jüdischen Bevölkerung ist grenzenlos. * Eine Berliner Zeitung enthält folgendes, das der Beachtung wert ist: Ein Verein der I u den f r eun de. In Italien ist inmitten des Krieges und aus den:. Kriege heraus eine Bewegung zugunsten einer nationalen Selbständigkeit der Iirden in Fluß geraten. Sie ist, und das ist das Neueste an der Sache, von Nichtjuden veranlaßt und für Nichtjuderr geplant. Ihr vollständiger Titel Lautet: „Pro Israel, Association non-israelite pour la defense des droits juifs aupres des puissanccs europöennes.“ An ihrer Spitze stehen hervorragende Humanisten und Intellektuelle, wie Pietro Bonfante, der bedeutende Rector magnifionis der Mailänder Handelshochschule und Professor der Universitäten von Rom und Pavi-a, Professor Ettore Fabietti, das bekannte Mitglied der italienischen Kammer Cappa, Professor Giuseppe Ricchieri, die Publizistin Elga Ohlsen, die italienische volkstümliche Dichterin Ada Negri usw. Es sind bereits zwei einflußreiche Gruppen, und zwar in Mailand und Nom, in das Leben gerufen worden. Die Bewegung hat sich auch schon in die Schweiz verpflcu^t, wo sich in Genf und in Lausanne Zweigstellen der Verbindung „Pro Israel" betätigen. In Frankreich, England und Amerika ist das Terrain für das Unternehmen ebenfalls vorbereitet, „Pro Israel" hofft auch demnächst in Holland festen Fuß zu fassen. In dem Programm heißt es: „Es soll den: internationalen Judentum Gelegenheit gegeben werden, in Palästina, feinem angestammten Vaterlande, in.Uebereinstimmung mit feiner geschichtlichen, kulturellen und humanitären Art, ein autonomes Zentrum nationalen Bestandes zu bilden.. Ferner sollen den Juden wirkliche und unbeanstandete Rechte, sowohl bürgerliche als stattsbürgerliche, in den Ländern eingeräumt werden, in denen sie diese noch nicht besitzen. Auch soll den Juden dort, wo sie in dichten Massen viele Nationalitäten bergende Staaten bewohnen, das Recht eingerämnt werden, sich unter sich zu organisieren, um ihre nationale Kultur zur Entwicklung zu bringen." „Pro Israel" weist darauf hin, daß unter den Juden selbst betreffs der Begründung eines selbständigen jüdischen Reiches in Palästina noch viel zu große Uneinigkeit herrscht. Es haben sich nun christliche Judenfveunde an die Arbeit gemacht, um die jüdische:: Gegner der Wiedererweckung einer nuabhängigen jüdischen Nation in Palästina zu entwaffnen. * Die neue Organisation ist eine verständnisvolle Ergänzung der von uns mehrfach gekennzeichneten englisch-amerikanischen Bestrebungen, das jüdische Element und besonders den Zionismus für die politischen Zwecke der Entente zu gewinnen, in dem Bewußtsein der Wichtigkeit, die dieses Element für die Lösung der Orientfragen besitzt. Das Interesse der Mittelmächte muß immer wieder auf diese Vorgänge gelenkt werden.