Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 45 (9.11.1917)
- Date
- 1917-11-09
- Page
- Seite 532 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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532 Abgeordnete hohe Reichsämter zugowiesen erhalten würden. Ob sie Friedberg, Payer oder sonstwie heißen, ob sie getaufte oder, was in Deutschland kaum anzunehmen ist, ungetanste Juden sind — sie sollen froh begrüßt werden, wenn sie der Sache der Freiheit dienen und den Frieden fördern Helsen. * In den „Mitteilungen aus dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus" wird ein Aufsatz von Karl Hillmar: „Die deutschen Juden im Weltkriege" zum Abdruck gebracht, ein Aufsatz, der, durch Ergänzungen erweitert, auch als Sonderabdruck erscheinen soll. Er sucht zu zeigen, daß die Juden in Lpferwilli-gkeit und Kriegsfürsorge, in Banken und bei beu Kriegsanleihen, in Industrie und Technik (wobei Emil Rathenau, die Firma Aron Hirsch und Siegfried Popper mit besonderem Nachdruck genannt werden), in der chemischen Industrie (Karl Liebermaun, Richard Millstätter, Felir Goldmann, Frank, Earo, Haber), in der Landwirtschaft (Erfindungen von Adolf Frank mtb Lassar-Eohn), in der Bekämpfung ansteckender Krankheiten (Ehrlich. Reißer, Wassermann), in deutscher Schauspielkunst (Mar Reinhardt) für das Vaterland Außerordentliches geleistet haben. Nachdem der Verfasser dann gezeigt, wie deutsche Juden im Auslande ihr Deutschtum bewährt haben, oft unter schweren Kämpfen, wobei er besonders des tapferen Hugo Münsterberg gedenkt, schließt er seine bemerkenswerten Betrachtungen, die verdienten, von uns beherzigt, vornehmlich aber von unseren Gegnern gelesen und gewürdigt zu werden, mit folgenden Sätzen: ungefähr stellt sich von hoher Warte aus betrachtet - das Gesamtbild dessen dar, was das deutsche Judentum an positiven Leistungen und schöpferischer Energie zu dein erfolgreichen wirtschaftlichen Turchhalten sowohl wie zu den technischen Vorbedingungen der glänzenden militärischen Erfolge mit beigetragen hat. Einen besonderen Dank hierfür haben sie nicht zu beanspruchen und verlangen ihn auch nicht. Auch für sie gilt das Wort, das der preußische Minister des Innern, Herr v. Loebell, am 17. Januar 1916 im Abgeordnetenhanse gesprochen hat: „Tie Pflichterfüllung gegenüber dem Paterlande trügt ihren Lohn in der Befriedigung des Pflichtbewußtseins. Politische Belohnungen für Vaterlandsliebe gibt es nicht." Sie sind stolz, als treue deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens, wie im Heere als einfache Soldaten so auch im wirtschaftlichen und geistigen Leben der Natioü dein Vaterlande sich dankbar erweisen zu können, unter dessen: mächtigen Schutz und Schirm auch sie wirtschaftlich und kulturell erstarkt sind. Kanu somit von Belohnungen politischer oder materieller Art, auf die eine Klasse oder ein Stand auf Grund ganz besonderer Verdienste im Kriege Anspruch erheben wollte, keine Rede sein, so wird man anderseits auch den Inden nicht verargen können, wenn auch sie an der allgemeinen Hochstimmung, an der Steigerung des Selbstbewußtseins, die das Gefühl, einer Welt von Feinden siegreich widerstanden zu haben, mit Recht auslöst, teitnehmen. Pastor Schüfser hat auf einer Missionskonferenz in Halle geglaubt, ein „gesteigertes Selbstbewußt-- sein unserer Juden" seststellen zu sollen imb ist der Meinung: „Diese Steigerung ist bewirkt durch die Bedeutung unserer Juden für Handel und Industrie, die bei der Durchführung dieses Krieges von größter Wichtigkeit sind. Ihr Anteil daran hat inneren Juden ein ungemein hohes Bewußtsein ihres Wertes und ihrer Unentbehrlichkeit gegeben." Wie man auch immer dieses Zugeständnis eines Mannes, der keineswegs ein Lobredner des modernen Judentums ist bewerten will -- ein berechtige:' Kern steckt zweifellos in jener Auffassung. Rur Toren oder politisch Verblendete können die Frage auswerfen, ob Deutschland auf diese Mitarbeit seiner jüdischen Mitbürger zur Rot auch hätte verzichten können. Diese deutschen Juden haben das, was sie dem Paterlande geleistet, nur durch ein inniges Versenken in den Geist des deutschen Volkstums leisten können. Getragenvon der Bildung des Jahrhunderts, ausgestattet mit dem glänzenden wissenschaftlichen Rüstzeug, das ihnen Deutschlands Hohe Schulen bieten, und erfüllt von dem Geist hoher Ahnen, haben sie ihr bestes Können de8: Vater lande gewidmet. Beide sind aneinander und miteinander gewachsen und zu einem unlöslichen Ganzen miteinander verschmolzen. Das Gelöbnis Gabriel Rießers, für den es nur eine Taufe gab, die zur Nationalität einigte: die des Blutes im gemeinsamen Kampfe für Freiheit und Vaterland, ist von dem deutschen Inden treulich gehütet worden: „Einen Vater in den Höhen, eine Mutter haben wir; Gott, ihn aller Wesen Vater, Deutschland unsere Mutter hier." * Das jüdische Pressebureau, das vom Haag nach Stockholm verlegt worden ist, hält die auch von uns gegebenen Mitteilungen über die Judenverfolgungen in Rumänien aufrecht gegenüber den Dementierungsverswchen der rumänischen Regierung und stellt insbesondere fest, daß in Barau (?) 34 feldgerichtlich verurteilte Juden wirklich erschossen wurden und der angesehene Sozialist, Dr. Mar Wechsler, schmählich ermordet worden ist. * Eine von demselben Bureau herausgegebene „I ü d i s ch e Arbeiter-Korrespondenz" beschäftigt sich ausführlich mit den auf der Moskauer Konferenz abgegebenen Erklärungen der jüdischen Sozialisten, die schon in den früher angegebenen Forderungen gipfeln: „Internationale Lösung der Judenstage: Personalautonvmie in den Gebieten Rußlands, Oesterreichs, Rumäniens und Polens, wo die Inden in geschlossenen Massen wohnen: Schutz der jüdischen Kolonisativn in Palästina." Ferner wird bei der Forderung auf Errichtung eines freien und unabhängigen Polens ausdrücklich die Notwendigkeit der „Sicherung der wirtschaftlichen Entwicklung und Autonomien der jüdischen und anderen Minoritäten" betont. Dasselbe Blatt enthält sodann den Aufruf des Orgamsationskomitees für den jüdischen, Kongreß in Rußland, dem wir folgende Sätze entnehmen: An: 11. Januar 1918 tritt der Kongreß der russischen Juden zusanunen. Das Organisationskomitee erläßt folgenden Ausruf an alle Juden Rußlands: Bürger, Inden! Das jüdische Bolk in Rußland steht jetzt vor einem Ereignis, das nicht seinesgleichen hat in der jüdischen Geschichte seit zwei Jahrtausenden. Nicht nur hat der Jude als Individuum, als Bürger Gleichberechtigung bekommen — was ja auch in anderen Ländern geschehen ist —, sondern die jüdische Nation steht vor der Möglichkeit, nationale Rechte zu erlangen. Niemals und nirgends durchlebten die Juden einen so ernsten verantwortungsvollen Moment wie den gegenwärtigen — verantwortlich vor dem lebenden und zukünftigen Geschlecht. Aber diese Verantwortung schreckt uns nicht,' denn wir können mit vollem Rechte sagen, daß die Juden sich der vollen Bedeutung der historischen Aufgabe, die uns zusällt, wohl bewußt sind. Das zeigte sich klar auf der Konferenz, die vom 18. bis 21. Juli (31. Juli bis 3. August) in Petrograd unter Mitwirkung von Vertretern aller großen Gemeinden und aller jüdischen Parteien und Richtungen Rußlands stattfand. Diese Konferenz beschloß, in möglichst kurzer Zeit einen Allrussischen Jüdischen Kongreß von gewählten Vertretern der gesamten russischen Jndenheit nach Petrograd einzuberufen. Diese von jedem Mitglied der Konferenz empfundene Verantwortlichkeit für die jüdische Zukunft in Rußland führte dazu, daß das Programm des bevorstehenden Kongresses einstimmig angenommen wurde. Die Punkte des angenommenen Programms lauten wie folgt: 1. Ausarbeitung der Grundlagen der nationalen Selbstbestimmung der Juden in Rußland. 2. Bestinmmng der Rechtsgarantien für die nationale jüdische Minderheit. 3. Festsetzung der Uebergangsformen der Gemeindeorganisatioa der russischen Jndenheit. 4. Sicherung der bürgerlichen und nationalen Rechte der Juden: a) In dem unabhängig erklärten Polen: h) in Palästina; e) in Rumänien. In welcher Weise und in loelchem Umfange das jüdische Volk ia Rußland sich organisieren muß, welche Ziele die Inden kraft ihrer