Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-11-09 · Heft 45 (9.11.1917) · p. Seite 530

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 45 (9.11.1917)
Date
1917-11-09
Page
Seite 530 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3229286-3229331--73535-3286023
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

580 Srfnueißen bringen könnte, daß die ganze Fülle der göttlichen Liebe sich über die Welt ergösse. Das ist im knappsten das wesentliche Ziel der jüdischen Mystik. Man muß dabei allerdings van einer Grundvoraussetzung ausgehen, nämlich pan dem Glauben an die Existenz einer der irdischen Welt völlig entsprechenden himmlischen Welt, von dem Glauben an ein bis ins einzelne ansgeöautes Uebersinnliches. Es ist das nicht ein solcher Glaube an das Uebersinnliche, wie er dem Religiösen überhaupt zueigen und unentbehrlich ist, wie wir alle ihn haben, die wir an Katt, den Unsichtbaren und Unfaßbaren, glauben imb an die beherrschende Macht des Geistes, daß er es ist, der den Körper beseelt und farmt, sondern es ist der Glaube an eine über dem Irdischen sich erhebende, in voller Wirklichkeit existierende himmlische Welt, in der es eine Fülle der Kräfte und des Geistes gebe, die das All regierten und doch zugleich auch vom Menschen ans bewegt werden könnten, in der es Engel und einen Thron Gattes gibt und in der Liebe, Erbarmen, Gerechtigkeit, Gnade, Stärke, Einsicht, Strenge, Zorn über alles Schlechte, nicht wie uns eine Aeußerung Gattes sind, sondern wirkliche, lebendige Persönlichkeiten, die die Vermittlung zwischen dem Menschen und dem unendlich erhabenen Gatt vollziehen, kurzum, der Glaube an einen Himmel, der so bewohnt und bevölkert ist, daß das irdische Leben ein getreues Abbild der himmlischen Welt ist und die himmlische Welt ein Spiegelbild der irdischen. Jahrhundertelang machten solche mystischen Lehren neben der reinen Lehre des Judentums einhergegangen sein, wie io oft abergläubische Valksvorstellungen neben der offiziellen Religion und neben den Lehren des schöpferischen religiösen Genies einhergehen, ahne daß sie dach über den Kreis einer engen Gemeinschaft van Eingeweihten hinausdrangen, in ihrer Ausbreitung gehemmt von den über die Reinheit des Judentums sorgsam wachenden Hütern Israels, den Schriftgelehrten und Rabbinern. Aber es kam eine Zeit, in der die Geheimlehre sich ein breiteres Bett grub. Das war die Zeit nach dem Wirken des Mairnanides. Da stellte sich in weiten Schichten eine gewisse Unzufriedenheit mit der Art der bisherigen Handhabung der jüdischen Lehre und der Auswirkung der jüdischen Frömmigkeit ein. Man empfand die religionsphilosophische Richtung, die Tätigkeit der Männer, die auf klare gedankliche Erfassung Gattes, seines Wesens, seines Wirkens und seines Gebotes hinarbeiteten, denen die Frömmigkeit eines Menschen uni so sicherer begründet erschien, je mehr er sich zu einer geklärten Erkenntnis Gattes hindurchgerungen hat, als zu abstrakt, zu hach und zu kalt, zu wenig mit dem Bedürfnis der Seele nach schlichter, naiver Frömmigkeit übereinstimmend, zu aristokratisch und zugleich durch das Pochen auf die Vernunft zu sehr kritisch zersetzend. Aber auch die rabbiiiisehe Lehre bat der Masse nicht mehr genügend Frömmigkeit: man fühlte sich durch die Regulierung und Festlegung der religiöseil Handlung bis ins einzelne in dem Sehnen nach persönlicher Beseelung der Frömmigkeit unbewußt gehemmt und beengt, die befohlene Farm ließ das religiöse Leben trocken und nüchtern erscheinen, zugleich empfand man auch das Prinzip des ständigen Forschens und Lernens als nicht lebendig genug; denn wenn auch em Haupt- und Kernsatz alles Talmudischen das Wart war: „Nicht das Lernen ist die Hauptsache, sondern die Tat", unwillkürlich glitt man dach hier und da in eine Ueberschätzung des Lernens hinein, in ein Gleichsetzen des Lernens mit der Frömmigkeit schlechthin. So erhob sich als Reaktion gegen die Külte der Philosophie und die nüchterne Sachlichkeit des Rabbinismus die phantastisch-träumerische Gedankenwelt der mystischen Kabbalah, die der frei schaffenden Phantasie ein unbegrenztes Feld einräumte und mit dem Streben nach Durchdringung des Geheimnisses ein starkes Persönliches und Demokratisches in alle Frömmigkeit hineintrug. Wir wollen hier nun die theosophischen Lehren der Kabbalah ganz beiseite lassen und nur die praktische Seite betrachten. Oberstes Ziel war die Ueberbrückung der Kluft zwischen Mensch und Gott, die Vermählung und innigste Bereinigung mit dem Göttlichen. Dazu und zugleich zur Herbeiführung der Erlösung sollte die Uebung der göttlichen Gebote und das Gebet dienen. Zunächst die Uebung der Gebote, die jüdischen Ritualien. Es war der Glaube der Kabbalisten, daß in den Gegenständen der jüdischen Frömmigkeit lind ihrem Gebrauch, Tefellin, Schaufäden, Schofar, Laubhütte, Feststrauß, Tauchbad, überhaupt in dem ganzen Heer der rituellen und ethischen Frömmigkeitsbekundungen, den Mizwoth, verborgene Kräfte lägen, deren Freimachung die himmlische Welt der Gnade zum Überstimmen und Sichergießen aus die Menschen bringen müßte. Es vollzog sich hier ein gewisses Kompromiß mit dem überlieferten rabbinischen Judentum. An und für sich wäre es nach den ganzen Psychologischen Boraussetzungen dieser Verbreitung der Mystik durchaus möglich und sogar konsequent gewesen, und wenn sie, von ihrem Gegensatz gegen das rabbinische und philosophische Judentum ausgehend, der ganzen Form der bisherigen jüdischen Frömmigkeit Krieg angesagt und den Versuch gemacht hätte, ein neues an deren Stelle zu setzen. Dazu aber waren die überlieferten Formen der jüdischen Frömmigkeit zu sehr mit dem Bolksbewußtsein verschmolzen, so bewegte sich denn auch das Leben der Mystiker äußerlich in der alten Bahn dieser Formen; aber man bog sie um, indem man sie mit den mystischen Gedankenkreisen erfüllte und ihnen so einen neuen, erweiterten Inhalt gab. Die Mystiker — sie nannten ihre Lehre Kabbalah, Ueberlieferung, um zum Ausdruck zu bringen, daß sie im Besitz der älteren, echten jüdischen lleberlieferung seien, von der der Talmud abgewichen sei — sahen in den Mizwoth nicht einfache Zeremonien, auch nicht nur Gebote, die man aus Gehorsam pünktlich und genau zu erfüllen habe, sondern sie waren ihnen das Instrument, mit dem man das Heer der Engel und Geister, die ganze himmlische Welt in Bewegung setzt. Ohne Andacht, ohne Auftnerksamkeit auf die Harmonie der Handlung geübt, bleiben sie tot und ohne Wirksamkeit: je mehr Innigkeit und Andacht und Versenkung in sie hineingelegt ist, je sorgsamer auf jedes Teilchen der Handlung und des Gegenstandes geachtet wird, um so sicherer wird die Einwirkung auf die Welt der Gnade und des Erbarmens ausgeübt, öffnen sich die Pforten der Liebe, wird die Erlösung beschleunigt, um so mehr gute Geister werden als Fürsprecher für die Menschen geschaffen. Es ist leicht einzusehen, wie derart mancherlei Innigkeit freigemacht wurde, eine wie starke persönliche Frömmigkeit so hineingetragen wurde und wieviel ethische Kraft bei allem Aberglauben in dieser Denkweise steckte. Der Hauptwert aber wurde auf das Gebet gelegt. In den Worten des Gebetes glaubte man in geheimnisvollem Verstreutsein wunderwirkende Gottesnamen verborgen, die man durch die Andacht des Betens vereinigen müsse, deren Vereinigung und Belebung die Fülle der guten Geister vermehren würde, die Tore der Gnade erschließen müsse, die Welt der himmlischen Geister in Tätigkeit sehen und so die Erlösung berbeiführen könnte. Denn, das darf man nie aus den Augen verlieren, es ist ein Grundgedanke der jüdischen Mystik, daß, wie der Mensch vom Himmel abhängig ist, so der Himmel auch vom Menschen, daß gleichsam das Schicksal Gottes vom Menschen abhängt, daß der Mensch die Kraft hat, die himmlischen Sphären in Handlung zu setzen, daß zwischen Erde und Himmel Fäden sich weben, Saiten sich spannen, und daß von jeder Berührung einer Saite unten oben ein Laut ertönt, der, je nach Art und Weise der Berührung, harmonisch oder disharmonisch klinge, daß des Menschen gute Taten, sein sittliches Handeln und seine wahrhaft frommen Gedanken eine Steigerung der

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.