Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 45 (9.11.1917)
- Date
- 1917-11-09
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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81. Jahrgang. Nr. 45 Berlin, 9. November 1917 eitung des Audenlums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse vegründet von Rabbiner Dr. Ludwig Phiiippson Unter Leitung des Geheimen Regierungrrats Professor Dr. Ludwig Geiger Verlag: kluäolt ülosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch den Buch» Handel oder die Post (in Berlin und vor» orten durch unsere vertriebssiellen) bezogen vierteljährlich 3 M. — Postscheckkonto 32$. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße 46-49, zu richten. Verlag von Rudolf Masse, Berlin. tTttflfllt* Kabbalah und Cbajsidismus. Von Rabbiner Dr. Diene- LD41LJULL. mann (Ratibor). — Die Woche. — Prof. Dr Emil Hofmann. Von A. K—t. — Czernowitz. Von Elias Nacht (Berlin) z. Z. Czernowitz. — Emil Freiherr von pirsch. Von Fl. — Ein Zeichen und seine Benennung. Von Rabbiner Tr. Fried mann (Lublinitz). — Zweite Feldrabbiner-Konferenz der Zsonzoarmee. Von M. St. — Historisches. Von L. G. — Feuilleton: Tante Trude. Roman einer Vierzigjährigen. Von Anna Goldschmidt. — Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Memel, Thorn, Aus der Provinz Posen, Ostrowo i. P., Ohlau, Hamburg, Düsseldorf, München, Ausseß (Obersranken), Frankfurt a. M., Karlsruhe, Warschau. — Von Nah und Fern. kabbalah und Chgflwismus. Von Rabbiner Dr. Dien c m nnn (Ratibor). I. m Augenblick, wo durch die grundstürzenden politischen Veränderungen, die der Krieg in seinem Gefolge hatte, die osteuropäischen Juden stärker als je zuvor Gegenstand des öffentlichen Interesses von Juden und Nichtjuden geworden sind, wird es nützlich sein, nicht bloß, wie das zumeist geschieht, ihrer politischen Lage und wirtschaftlichen Struktur Aufmerksamkeit zu schenken, sondern auch das Geistesgebilde, von dem ein außerordentlich großer und einflußreicher Teil der Lstjuden seelisch getragen und erfüllt ist, den Chassidismus, zu beachten. Man kann schließlich eine Gemeinschaft in ihren Lebensäußerungen und in ihrer seelischen Haltung nur dann richtig würdigen, wenn man den Geist kennt, von dem sie innerlich bewegt ist, und diesen nicht bloß in bezug auf das Tatsächliche von den eigenen Glaubensvorstellungen aus beurteilt, sondern auch den in ihm sich bergenden sittlichen Gehalt genau abwägt llnd wohl beachtet, ob und inwieweit er geeignet ist, eine sittliche Gesamthaltung der Gemeinschaft, den energischen aufs Ethische gerichteten Willen zu erzeugen. Und da der Chassidismus wesentliche Elemente der mittelalterlichen Kabbalah in sich ausgenommen hat, so wird es notwendig sein, vorerst diese in einer breiteren Ausführlichkeit zu schildern; nicht in so breiter, daß man alles einzelne aus ihr wiedergibt, ihre Meister und heiligen Bücher nennt und beschreibt und die verschiedenen Schichten, in denen sich nach dem Laufe der Geschichte die einzelnen Lehren und Vorstellungen ablagern, genau in ihrer Zeitsolge abgrenzt, aber doch immerhin so ausführlich, daß die wesentlichsten und wichtigsten Vorstellungen, die die Köpfe beherrschten, genannt werden. Wir können das heut und hierzulande vielleicht besser und unbefangener tun, als man das, um von früheren Jahrhunderten und ihren Kämpfen zu schweigen, etwa vor reichlich hundert Jahren tun konnte; denn damals stand man hier zumeist noch so in der Kampfstellung dagegen, sah man sich durch diese Geistesrichtung in der Herausnrbeitung eines von allem Aberglauben geläuterten Judentums, in der Einfügung der Juden in die moderne europäische Kultur so gehemmt, daß man gar nicht anders konnte, als vor allem das Abgeschmackte und Lächerliche, das Abergläubische und Bildungsfeindliche in allem Kabbalistischen zu sehen; wir, die wir heut hierzulande schon über den Dingen stehen, können schon objektiver urteilen und, ohne das Abstoßende zu beschönigen, ohne mit der Ablehnung hinter dem Berge zu halten, auch das sittlich Wertvolle und Frömmigkeit Vertiefende in ihm würdigen. Was ist also Kabbalah und welches sind die ihr zugrunde liegenden Gedankengänge, welches ihre Glaubensvorstellungen? Kabbalah ist der Sammelname für die von altersher neben der offiziellen Lehre des Judentums im Verborgenen einhergehenden mystischen Glaubensvorstellungen, insbesondere für die spätmittelalterliche jüdische Mystik. Diese jüdische Mystik ist ein Teil der ganzen großen mittelalterlichen Mystik, nur daß sie gemäß der geschichtlichen Eigenart des Juden nach einer Richtung ging, die von dem Ziele der mittelalterlichen Mystik sonst abwich. In zwei Ströme gabelte diese sich: der eine ging, wie seit ewigen Zeiten jegliche Mystik, in der Richtung auf das Verschmelzen mit dem Göttlichen, das Auslöschen des eigenen Ich und das Untertauchen in der Gottheit, auf die ekstatische Wonne des Einsseins mit Gott; der andere Strom ging in der Richtung des Strebend nach dem Gewinn der geheimnisumrauschten Formel, die dem Menschen die Beherrschung der Kräfte der Natur, der irdischen Welt und des Keisterreiches in die Hand geben mußte. Im Gegensatz zu unserem heutigen Denken, das die Beherrschung der in der Welt wirksamen Kräfte auf dem Wege der strengen methodischen Beobachtung und der Nutzbarmachung des durch Erfahrung und Versuch Erlernten! gewinnen will, war das Mittelalter beherrscht vondem Gedanken, > es müsse irgendwie, irgendwo ein Ding, eine Formel verborgen j sein, deren Besitz dem Menschen die Herrschaft in die Hand gäbe, j und es käme nun einzig daraus an, mit der ganzen Kraft der > Seele, die unterstützt und erhöht werden kann durch Askese und | angespanntes Sichversenken in die Dinge, von innen heraus j das Geheimnis zu entschleiern, das um die Formel gebreitet ist. Mit der Kraft der dichterischen Einfühlung hat Goethe im Faustmonolog ein getreues Spiegelbild dieser ganzen Gedankenwelt gegeben. Die jüdische Mystik fließt nun gleichfalls in diesen zwei Strömen, aber mit dem einen bezeichnenden und grundlegenden Unterschied, daß der zweite sich nicht in der Richtung auf die Erlangung von Macht und Herrschaft und Gewalt bewegt, sondern in der Richtung auf die Herbeiführung der E r l ö s u n g. Alles Sinnen und Trachten dieser Mystiker ist darauf gerichtet, das Geheimnis zu entdecken, wodurch man diese unendlich langsam und zögernd heranschleichende Erlösung beschleunigen und mit einem Schlage herbeiführen könnte und so dem Volke Israel und der ganzen Welt Frieden und Gerechtigkeit bringen würde, wie man den im Himmel thronenden Messias gleichsam auf die Erde herniederzwünge, die verschlossenen Pforten der Gnade und des Erbarmens aufbrechen und den Zorn und die Strenge zum