Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 44 (2.11.1917)
- Date
- 1917-11-02
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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81. Jahrgang Nr. 44 Berlin, 2. November 1917 Der Gememdebate. Neilagr zur „Allgemeinen Leitung deß Judentums". LorrrlpmLmHM und Kschrichtm. Srutschlsnd. sfr H Berlin, 30. Oktober. Die in der letzten Sitzung der Repräsentauteu>versammlung von den Liberalen Repräsentanten abgegebene Erklärung, von der wir unseren Lesern in der vorigen Nummer bereits' Kenntnis gegeben, hat die konservativen Repräsentanten veranlaßt, aus der bisher beobachteten Reserve herauszutreten und ihr Vorgehen auch vor der Öffentlichkeit zu begründen. Die ehemaligen Repräsentanten habenmm an den Vorstand der Jüdischen Gemeinde folgende Erklärung gerichtet: „Wenn die liberale Erklärung unsere Amtsniederlegung als ungerechtfertigt darstellt, so verweisen wir auf die mit dem Gemeindevorstand gepflogenen mündlichen Verhandlungen und auf unseren Briefwechsel, besonders auf unseren Brief vom 3. Juli dieses Jahres, in welchem die Gründe für unseren beabsichtigten Rücktritt mitgeteilt und Möglichkeiten gegeben waren, diesen verantwortungsvollen Schritt zu verhindern. Zu unserem großen Bedauern erhielten wir auf dieses ausführliche Schreiben nur eine kurze und in der Harrptsache ablehnende Antwort, so daß unser Entschluß unabwendbar wurde. Die Differenzen im Repräsentantenkollegium sind nicht neuen Datums. Schon in früheren Jahren waren oft Gründe zur Verstimmung und Verbitterung auf konservativer Seite, die sich nach den Repräsentantenwahlen int November 1916 vertieften. Um bei diesen Wahlen während des Krieges einen Kamps zu vermeiden, gingen wir einen Kompromiß ein, der uns nur ein bescheidenes Maß von Einfluß durch drei neue Kandidaten und damit wenigstens ein Drittel der Stimmen im Kollegium sichern sollte. Trotz dieser festen Vereinbarung mit den Führern Und Vertretern der liberalen Richtung wurden kurz vor der Wahl an der Börse und in privaten Kreisen Wahlzettel ohne die Namen der konservativen Kandidaten verteilt (Von wem und in wessen Auftrag? Die Red.), so daß unsere Kandidaten nur als letzte Stellvertreter gewählt wurden. Dieser Vorgang mußte auf unserer Seite/begreifliche Verbitterung auslösen und schon damals wurde die Frage erwogen, ob die Neugewählten unter diesen Umständen die Wahl annehmen sollten. Mit Rücksicht auf die schicksalsschwere Zeit unterblieb die Ablehnung. Vom Beginn des Jahres 1917 an traten die Unstimmigkeiten der Parteien im Plenum sowie namentlich in den geheimen Sitzungen und bei den Kommisstonsberatungen immer häufiger auf und nahmen eine immer schärfere Form an. Den konservativen Repräsentanten kaut es immer mehr zum Bewußtsein, daß bei einzelnen Mitgliedern der Liberalen das Machtgefühl stärker als der Wille zum Frieden -war, und bei vielen wichtigen Anlässen gab es oft kein Verhandeln mehr, weil die Liberalen mit fertigen Fraktionsbeschlüssen kamen. Die Konservativen waren machtlos gegen ein solches Vorgehen und ihre Verbitterung mußte eine Steigerung erfahren, da alle ihre Anregungen von einem einseitigen Parteistandpunkt beurteilt und häufig in sehr unfreundlicher Weise zurückgewiesen wurden. Es soll besonders hervorgehoben werden, daß der Gemeindevorstand nach guter alter Tradition bemüht war, den Bedürfnissen aller Anschauungen innerhalb der Gemeinde gerecht zu werden, daß diese Aufgabe in jüngster Zeit immer mehr erschwert -wurde, weil die liberalen Repräsentanten zu sehr vom Parteigeist befangen waren. Auch unter ihnen gab es wohl gemäßigte Elemente, die den Frieden suchten, aber man gewann die Ueberzeugung, daß der Einfluß der radikalreformerisch Gesinnten überwog. So verschärften sich die Gegensätze und es häufte sich der Explosivstoff. Unter anderem wurde gleich nach der Konstituierung des Kollegiums im Jahre 1917 ein konservatives Mitglied, welches einem wichtigen Ausschuß angehörte, nicht wiedergewählt, weil die liberale Fraktion es anders beschlossen hatte: bei Subventionierung konservativer Synagogenvereine trat der Gegensatz zwischen konservativer und liberaler Weltanschauung immer mehr in-den Vordergrund und auch innerhalb der wichtigsten Kommissionen, wie u. a. im Schul- und Talmud-Dhora-Vorstand, wurde die radikale Richtung die herrschende. Ebenso wurden vergebliche Versuche gemacht, für den Jugendgottesdienst in orgelfreien Synagogen die Agende den Wünschen der konservativ denkenden Eltern anzupassen. Es kamen schließlich die unerfreulichen Vorgänge anläßlich der letzten Rabbinerwahl, die als eine Herausforderung aller derer erachtet werden mußte, denen die Ueberlieferungen unserer Väter und die bestehenden Einrichtungen unserer Gemeinde heilig rrnd teuer sind. Wenn in der' liberalen Erklärung gesagt wird, daß die Liberalen die Mitarbeit der Konservativen auf allen Gebieten gern gesehen haben, so steht dies leider nicht im Einklänge mit den Tatsachen und dem rücksichtslosen und verletzenden Tone, der bei den verschiedenen Anlässen und ganz besonders bei der Rabbinerwahl hervortrat. Es sei auch daran erinnert, daß bei Gelegenheit der Wahl eines Mitgliedes für den Gemeindevorstand die Liberalen rundweg erklärten, daß ein irgendwie konservativ gesinnter Mann nicht tit Betracht kommen könne. Daß die Liberalen mitgestimmt haben, auch konservative Institutionen zu schassen, ist wohl wahr, aber diese Beschlüsse mußten ihnen wiederholt abgerungen werden. Es zeugt auch von einer reiir äußerlichen Auffassung der Parität, wenn den Konservativen das Recht bestritten wird, sich um die Vorgänge in den Orgelsynagogen zu kümmern. Wir stehen auf dem Boden der Einheit der Gemeinde, und wir betrachten uns als Vertreter der ganzen Gemeinde, deren Aufgabe es ist, ftir die Erstarkung und Vertiefung des religiösen Lebens zu sorgen. Wir waren uns der Schwere unseres Schrittes wohl bewußt, mußten aber ein Amt ausgeben, in dem die Möglichkeit einer ersprießlichen Wirksamkeit nach unserer Neberzengung und im Sinne unserer Wähler gänzlich ausgeschlossen war. Es bleibt uns heute nur übrig zu hoffen, daß die nächsten Wahlen Münüer in das Revrüsentantenkollegiunt bringen, die ihren Beruf darin erblicken, keiner Partei, sondern dein Gesamtsudentum zu dienen." ~~ Diese Erklärung trägt die Unterschrift der fünf konservativen Repräsentanten und der drei Stellvertreter. &&& Berlin, 30. Oktober, lieber eine vor kurzem im Lehrervereinshaus stattgefundene Versammlung des staatlich zugelassenen rumänischen Hilfskomitees erhalten wir folgenden Bericht: Herr M o h r u s eröffnete die Versammlung und begrüßte in herzlicher Weise die Anwesenden. Insbesondere bewillkommnete er den in Vertretung des Hilssvereins der deutschen Juden erschienenen Herrn Stern. In einem längeren Vortrag gab er dann einen Rückblick auf die Entstehungsgeschichte des rumänischen Hilfskomitees, wie auch auf dessen Leistungen im Interesse unterstützungsbedürftiger rumänischer Staatsangehöriger. Seine Darlegungen, in welch diskreter und zugleich aufopfernder.Weise Unterstützungen, soweit die vorhandenen Mittel reichten an einzelne, durch die jetzige wirtschaftliche Lage, wie auch durch die Internierung ihrer Angehörigen, verschämte Arme gegeben wurden und werden, wurden mit lebhaftem Beifall aufgenommen. Mit ganz außerordentlichem Interesse vernahmen die Anwesenden aus dein Munde des Vorsitzenden dessen Anssührungen politischen Einschlags. Er wies darauf hin, wie ihr rumänisches Vaterland durch gewissenlose Hetzer in diesen unglücklichen Krieg gegen Deutschland hi ne in gezogen wurde, in welchent sie eine zweite Heimat gefunden haben. Gegen das Deutschland, in welchent sie großzügigstes Entgegenkommen in wirtschaftlicher Beziehung stets vorgefunden haben, das vielen nicht nur eine Existenz gab, sondern ihnen auch ermöglichte, Erfolge und Wohlstand zu erlangen. Um so tragischer fei es, daß viele Landsleute in . ihrer Heimat in Elend, Rot und Verderben geraten mußten oder gar, von böswilligen Verleumdern denunziert, ihr Leben hätten lassen müssen. Zur Ehrung des Andenkens dieser Abgeschiedenen ersuchte der Vorsitzende die Anwesenden, sich von den Plätzen zu erheben, was auch geschah. Des weiteren sprach der Vorsitzende in warmherzigen und begeisterten Worten seine Anerkennung darüber ans, daß viele der Einwohner im besetzten rumänischen Gebiet unendlich viel dem Edelmut und dem Gerechtigkeitssinn des deutschen Generalfeldmarschalls Mackensen zu verdanken hätten, der sich nicht als die Verkörperung der harten Eroberungsgewalt, sondern als ein wahrhaft rechtlich denkender Kulturbringer erwiesen hätte. Zur huldigenden Anerkennung dieser Tatsache bat er wiederum die Anwesenden, sich von den Plätzen zu erheben, welchem Wunsche freudig von allen Anwesenden stattgegeben wurde. Zum Schluß endigten die Ausführungen mit dem Appell an alle Anwesenden, ihre Dankesempfindungen ' dem zur zweiten Heimat gewordenen Deutschen Reich gegenüber für