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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-11-02 · Heft 44 (2.11.1917) · p. Seite 527

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 44 (2.11.1917)
Date
1917-11-02
Page
Seite 527 (sequence 11)
Language
German
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52? „Aber, Tante Phine, «das ist mein teuerstes Rezept. Bei den Preisen jetzt?" sage ich lächelnd. „Was soll mer machen?!" sagt sie und zuckt die Achseln. „Se sins doch gut gewehnt." Ich gebe Paula Anweisungen, ganz sachlich ganz ruhig, ich vergesse nichts. Und doch ist mir bei allem, was ich sage, als sei ich nicht dabei, als schaue und höre ich nur zu, was ich da außerhalb tue und spreche. Wie war es doch? Lottchen Beyer war hier bei mir. Sie kam „im Auftrag von Herrn Dr. Westphal". Er hat abreisen müssen, ganz plötzlich, so schnell, daß er nicht mehr hat Herkommen können. Was er angestellt hat, um es nun doch noch zu erreichen, weiß ich nicht, aber das Vaterland hat ihn ganz plötzlich gerufen, zwar nicht in die Front, aber in ein Feldlazarett in Feindesland. „Es ist Herrn Doktor unendlich schwer geworden, ohne Abschied von ihnen fort zu müssen." Daran zweifle ich nicht. Das weiß ich genau, so genau wie — daß Lottchen Beyer seine Braut ist. Lottchen Beyer seine Braut! Und die Feder schreibt das nieder, und ich blicke zu meinem Spiegelbild dort in der Fensterecke gegenüber, und ich sehe aus wie sonst. Nur noch ein Dell bleicher, ein Teil älter. Wir haben doch wunderbar seine Fühler, wir Menschen,- für Dinge, die uns angehen. Ich könnte von dem jungen Fräulein Beyer lernen, wie sicher, wie unbefangen man über Personen und Dinge reden kann, die einem auf einmal zum Schicksal geworden sind. Sie sprach so kühl und gleichgültig von Herrn Dr. Westphal, von den überstürzten Vorbereitungen zu seiner plötzlich befohlenen Abfahrt. In ihr schüchternes, etwas einfältiges Wesen ist auf einmal eine klare, ruhige Bestimmtheit gekommen. Als ich den Besuch eintreten sah — da wußte ich, was sich ereignet hat. Sie hat nicht an Reiz gewonnen, die Kleine, durch ihr Selbstbewußtsein. Sie ist nicht gescheiter geworden dadurch, und das Belanglose, das sie sagt, wirkt doppelt trocken und langweilig, da sie es so laut und selbstsicher vorbringt. Ihre fast demütige Verschämtheit hatte etwas Anschmiegendes, Anmutiges. „Ein süßes Dummchen". dachte ich immer, mit dem säst zärtlichen Drang, sie schützend in die Arme zu nehmen und über ihre selbst so wohl erkannte Dummheit zu trösten. Und jetzt? Dumps und stumpf wurde mein Fühlen und Denken unter der glücksicheren Haltung meines Gastes, inrmer kleinlauter, immer verlegener meine Stimme, meine erzwungenen Worte. Eins möchte ich doch wissen: Wie ist das gekommen? Wie hat bas kommen können? „Daß die Günther genügt!" huschte es mir immer durch den Kopf, als ich ihr blechernes Geschwätz — nie habe ich früher gewußt, was für ein tonloses Organ sie hat. ihre Stimme war ja sonst immer leis' verschleiert vor Schüchternheit — anhörte. Nun ja, er hat sich verheiraten wollen, er sagte es mir ja. Und sie kennt seine Gewohnheiten, an denen er so merkwürdig hängt, und sie ist wirtschaftlich, und — Und ich begreife es doch nicht. Die. glückliche Braut hat mir ausgerichtet, daß mir „Herr Dr. Westphal bald ausführlich schreiben" würde. Nun, da werden wir ja sehen. * Ich muß noch schreiben. Besser, die Aengste fließen auf das Papier, als daß sie planlos ins Leere irren in der langen, dunllen Nacht. Auf Schlafen rechne ich nicht, aber — in dem Zustand wage ich mich nicht ins Bett. Ich sage mir zwar immer wieder: „Was »villst du denn? Du hast es doch gewußt? Du warst ja schon viel ruhiger vor dem Brief? Warum wirst er dich um und erhebt dich auch wieder, daß du dir selber ganz fremd, ganz wunderbar erscheinst?" — Still! Ruhig! Ich muß mich zurechtfinden. Nun habe ich es Schwarz auf Weiß: Günther Westphal ist mit Lottchen Beyer verlobt. Das Verlöbnis kam zustande, wie es einzig hätte zustande kommen können. Alle Achtung vor dem einfältigen Lottchen, das mir auf einmal unsäglich imponiert durch seine Gescheitheit, seinen praktischen Verstand. Ihre Liebe ging gangbare Wege, die zum Ziele führten. Jetzt lacht sie uns alle aus, ihre raffinierten Hausgenossinnen, die Harms; mich, die ich sie — wie schreibt doch der Bräutigam? — „in meine Schule nehmen möge, auf daß sie mir einst einmal gleiche". Sie ist ihm ganz einfach weinend um den Hals gefallen, in dem Augenblick, in dem er so schon aufgewühlt war bis ins Tiesinnerste, in der „größten Stunde seines Lebens", die ihm den Befehl zum Ausrücken gebracht hatte. Da hat sie ihm unter Schluchzen gestanden, daß sie das Leben ohne ihn nicht mehr ertragen könne, daß sie sterben müsse, wenn er von ihr gehe. „Mein eigener Herzenswunsch ist mir versagt geblieben, da will ich wenigstens nicht noch so ein armes Seelchen so sterbensunglücklich machen. Ich glaube gern, was mir die arme Kleine unter tausend Schwüren und Tränen gelobt hat: daß sie mir jeden Wunsch an den Augen absehen, nur für mich leben und sorgen, und alles lernen und sich aneignen wird, was ihr in meinen Augen noch fehlt. Sie wird kein anderes Glück kennen, als mir zu Willen zu sein. Was kann ein Aiann mehr verlangen? Tante Trude, Sie kennen mich zu genau; auch, wenn ich es Ihnen nicht noch offen gestehe, wissen Sie, daß mir der Gedanke, daß ich nun nicht umziehen und mich um nichts mehr kümmern muß, was mir zuwider ist, den Entschluß erleichtert hat. Der Gedanke, daß mich das alles nun nichts mehr angeht, hat etwas ungemein Behagliches und Beruhigendes für mich. Ich habe Lottchen nicht gesagt, was Sie ja längst wissen, daß ich nur Sie geliebt habe, seit ich Sie kenne. Das ist etwas, was meine kleine Braut nichts angeht, ein Stückchen Heiligtum, an das sie mit ihren Kinderfingern nicht rühren darf. Ich danke Ihnen noch einmal für all Ihre mütterliche Güte und Liebe. Wäre sie weniger mütterlich gewesen, sie hätte mir wohler getan. Ich habe oft schwer unter Ihrer überlegenen, wenn auch noch so gütigen Art gelitten. Gerade vor Ihnen wollte ich nicht der dumme Junge sein, als den Sie mich stets bei allem nachsichtigen Wohlmeinen behandelt haben. Tante Trude, warum konnten Sie nie vergessen, daß Sie älter und tausendmal besser sind als ich?! Ich habe mich doch so heiß nach Ihnen gesehnt. Das liegt nun alles hinter uns. Ein neues Leben! Neues Wirken! Neue Ziele! Und zwischen all dem werden die Gedanken immer wieder nach der Heimat gehen. Trösten Sie meine Kleine! Nehmen Sie sie in die Schule, auf daß sie Ihnen einst gleichen möge, soweit sie dessen fähig sein wird." —-Es ist genug für heute. Ich will nun ins Bett gehen. — Aber was ist denn das? — Ich wanke beim Aufstehen? —- Unsinn! Einbildung! So! Wenn ich die Feder fest aufsetzen kann, daß sie einen Buchstaben gibt, dann werde ich wohl auch meine Füße so fest auf den Boden stellen können, daß sie mich tragen.-Das wäre ja noch schöner, wenn ich Joseph« rufen müßte, daß sie mich ins Schlafzimmer schleppen soll. Nur keine Kläglichkeiten!

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