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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-11-02 · Heft 44 (2.11.1917) · p. Seite 526

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 44 (2.11.1917)
Date
1917-11-02
Page
Seite 526 (sequence 10)
Language
German
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jeglicher Aufregung", hat der Doktor gemeint, gar nicht mehr ans der Aufregung heraus, kann doch wohl nicht schaden. * Es klingelte. Ich sagte mir: Paula oder Rosa. Und ich hoffte: Günther. Und keiner von denen war es. Leider! Oder doch nicht leider! Eigentlich sollte ich „Gott sei Dank" sagen und bin doch noch zu erschüttert dazu. Im ganzen Leben werde ich den Anblick nicht vergessen, werde ich nicht begreifen können, wie ein Mensch sich in Stunden so verändern kann. War das Benno? — Ja. sein Haar, sein Anzug — und doch, er sah sich nicht ähnlich, als er da vor der Korridortür stand — ich hatte zum Glück selbst geöffnet —. zusammengebrochen, verwüstet, alt sah er aus. Ich faßte ihn bei der Hand und führte ihn in mein Zimmer. Dort sank er sofort auf den Stuhl, das Gesicht auf den auf dem Tisch liegenden Armen, und ich strich ihm über den gesenkten Kopf, leise, immerzu, immerzu; mir schien es, als lasse das tränenlvse Schluchzen und Stöhnen, das seinen armen Körper schüttelte, etwas nach. Ich fragte nicht, was er habe, ich wußte es ja. So konnte ihn nur eins treffen, das Wie und Wann war mir gleichgültig. Erfahren haben mußte er es in dieser Stunde, man sah es. Dieser Schmerz und Schreck war neu. — Jetzt zog er einen Brief aus der Tasche und ließ die Faust, die ihn hielt, schwer damit auf den Tisch fallen. Dort blieb sie liegen und ich zog den Brief darunter hervor. Meine rechte Hand strich noch immer leicht über sein Haar. Ich hatte keine Eile zu dem Brief. „Das beste wäre", sagte ich leise, „wenn du dich einmal ausweinen könntest." Da arbeitete es noch heftiger in dem mageren Körper, der so hilflos, so ungeschickt war im Schmerz, und dann lag er still. Ich glaube, ich hoffe, Benno hat geweint. Ich war ans Fenster getreten und hatte ihm den Rücken zugedreht. Dort zog ich einen goldumränderten Karton und einen Brief aus dem Umschlag. „Frau Helene verw. Pakulla geb. Cheplik aus Wostok und Herr und Frau Rektor Gebhardt aus Hohenleben beehren sich, die Verlobung ihrer Kinder Luzi und Heinrich ergebenst anzuzeigen. z. Z. Altweida. Luzi Pakulla Rechtsanwalt Heinrich Gebhardt Wostock z. Z. Altweida Hohenleben Ter Brief, der dabeilag. war von der Mutter. Ich habe selten etwas Dümmeres, etwas Unflätigeres gesehen. Und die Orthographie! Wie stellen sich Rektors und der Herr Rechtsanwalt dazu! Oder bekommen sie sie wohlweislich nicht zu sehen? Der Herr Zahnarzt möchte es doch nicht weiter übelnehmen. aber das müsse der Herr Zahnarzt doch selber einfehen, daß er mit seinem steifen Bein eigentlich nicht verlangen könne, daß usw. usw. Außerdem habe er nicht den rechten Glauben, und auf solcher Ehe ruhe kein Segen. Sie, Frau Helene, sei von Anfang an gegen die Heirat mit dem Herrn Zahnarzt gewesen, und ihre Luzi habe ihn auch eigentlich nie recht gewollt, aber die sei so gutmütig, sie könne keinem ivas abschlagen —" Hier lache ich laut und höhnisch auf und sofort erkenne ich: ich habe den Versunkenen dort geweckt, leider, leider, denn sein tränenloses Schluchzen beginnt von neuem. „Und der Herr Zahnarzt werde hoffentlich doch seine gute Gesinnung beweisen, indem er zur Hochzeit käme" — da balle ich den Wisch zusammen lind werfe ihn mitten ins Zimmer. Ich will nicht roh sein gegen den Armen dort, ich will sehe»: kann. Aber zu bedauern, wahrhaft und ständig zu bedauern, ist hier nur einer, und das ist der Rechtsanwalt. Rein, auch noch die Seinen, die ihm geholfen haben, sich übertölpeln zu lassen. Die guten Spießbürger, die der Verderbtheit ins Garn gingen. „Eigentlich sollte man den anständigen Leuten, die da begaunert werden, die Augen öffnen", sage ich hart. Er schüttelt den Kopf: „Das habe ich auch zuerst gedacht", sagt er leise. Seine Stimme hat den Schmelz verloren, „aber ich will nicht. Wir haben kein Recht, in ihr Schicksal einzugreifen." „Das wäre noch sehr zu überlegen", sage ich, aber er schüttelt nur ernst und traurig den Kopf. „Was soll ich tun?" sagte er nach einer langen Weile und läßt die Arme mutlos an sich hinabfallen. Als habe er alles, aber auch alles verloren, so sieht er aus. „Arbeiten, Benno!" sage ich leise, aber doch ganz fest. Er zückt die Achseln. „Ich weiß selbst. Benno, es hilft nicht immer, es hilft nicht sofort, aber es ist doch das einzige, was einen schließlich rettet. Wo wäre ich heute, wenn ich nicht gearbeitet hätte?" „Wie kannst du deinen naturgemäßen Verlust mit meinem Schicksal verzeichnen"; ich hätte gar nicht gedacht, daß er heute würde streiten — und rechteln können. „Ich könnte ja auch noch anderen Kummer haben, Benno", sage ich ruhig und bereue schon wieder, daß ich von mir gesprochen habe. „Du?" sagt er, und in all seinem Schmerz klingt ein leiser Spott. „Du ahnst nicht, wie gut es einer hat, dessen Leben so friedlich unberührt dahinfließt wie deines." Nun sage ich nichts mehr, nun lächle ich ihn nur spöttisch an, aber er sieht es nicht. Er sieht nur seinen Kummer. Und ich kenne ihn, er wird ihn ewig sehen. Ein großes Unglück ist an Tante Phines Haus vorübergezogen, Gottlob, sie hat gar nichts von der Gefahr gemerkt, aber einen Schatten wird es dort lassen. Der wird sich auf Bennos Gemüt, das sich nie leicht und willig der Sonne zugewandt hat, legen und ihm alles in Schwarz und Grau färben, was junge Menschen sonst bunt und licht sehen. Und die dunklen Farben werden allen das Leben mit verdüstern, die um ihn sein werden. * Welch eine Stunde! Und ich habe sogar hinterher in die Karlstraße gehen, ich habe stille Betrachtungen anstellen können, was hier sieghafter sein wird: Bennos schlechte Laune, sein unliebenswüvdiges Sichgehenlassen oder das bräutliche Glück der drei anderen. „Was ist das bloß? Benno gefällt mir gar nicht. Und er sieht auch schlecht aus. Findste nich auch?" Aber ehe ich noch antworten kann, ist Tante Phine schon -wieder mitten in ihren viel erfreulicheren Sorgen. „Und da muß Paula wohl ihre Schwägerin, de Salomon, ne Kleinigkeit zum Geburtstag schicken und dann gleich auch ihren Bräutigam." Wenn Paula nicht schreibt, bäckt sie fürs Feld. Dabei bildet Martin hinter der Front Rekruten aus und ist gar nicht so angewiesen auf das bräutliche Backtalent, das da so plötzlich ausgebrochen ist. „Die Nußtorte bei dir soll doch so scheu geschmeckt haben, wie der aus Grindeln — Rosa, laß doch die Stuß!" — Das war für Rosa. Die hat sofort ihre kleinen Finger in je eine Ecke ihres kirschfrischen Mundes gesteckt. So kann man ihn besser nach den Ohren hinziehen. Das gilt Herrn Stern. — Der Magdeburger wird endlich nicht mehr erwähnt. Und ich diktiere der schreibenden Paula das Rezept. *- 526 ■—-- Tante kommt i nicht Dinge sagen, die er heute doch nicht verstehen itrtS etil» Aber Freude

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