Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 44 (2.11.1917)
- Date
- 1917-11-02
- Page
- Seite 524 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3229286-3229330--73524-3286011- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
o24 V. Wenn ich von der Gefahr der nationalistischen Bewegung") für das Judentum gesprochen habe, so hat mich folgende Auffassung geleitet: >. Den Vorwurf, daß die deutschen Zionisten undeutsch seien, dem Kaiser nicht geben, was des Kaisers ist, habe ich mir damit nicht aneignen wollen. Daß dieser Vorwurf grundlos ist, haben sie im Kriege bewiesen. An Begeisterung und opfervoller Hingabe, an Treue für Kaiser und Reich haben sie keinem Deutschen nachgestandeu. Daß das Staatsbewußtsein übrigens kein schwächerer Kitt ist als der nationaler Zusammengehörigkeit, hat die Geschichte der letzten Jahre selbst dem Widerwilligen und Blöden gezeigt. Nicht die Volker, nicht die Rassen, sondern die Staaten kämpfen gegeneinander und bestehen die Feuerprobe des Zusaimncnhaltens. 2. Daß der Zionismus den antisemitischen Mühlen Wasser gibt, wenn er -uns zu Fremden im deutschen Wirtsvolke stempelt, wird man nicht gut in Abrede stellen können; denn der Antisemitismus stützt sich im letzten Grunde darauf, daß wir fremd und minderwertig nicht sowohl von Religions als Rasse wegen seien. Das arisch-germanisch-teutonische Volk ist den Antisemiten das vollwertige, das semitische, das minderivertige. Indessen halte ich das für gleichgültig. Was gibt den Antisemiten nicht Wasser auf ihre Mühle l Wenn wir unser Verhalten danach einrichten, was sie sagen oder denken, so werden wir entweder .'kuren oder Schurken werden. Dabei ist es gleichgütig, ob uns der Radauantisemitismus der Gasse oder der wissenschaftlich verbrämte Antisemitismus des Katheders gegenübersteht, ob unser großer Philosoph Eduard v. Hartinann meint, solange der Jude sein Nationalgefühl mit einem jüdischen Stammesgefühl teile, gäbe es keine Vertrauensstellung, ob Treitschke die Palme wahren Ruhmes nur einem Juden zuevkennen will, der ganz und ohne Vorbehalt im deutschen Leben aufgeht, und ob Paulsen von den Juden verlangt, daß sie sich vollständig mit den europäischen Nationen assimilieren müßten. Tenn unsere Radau- und Geschäftsantisemiten erkennen den Willen, deutsch-national zu sein, als ein nationales Kriterimn nicht an, und unsere wissenschaftlichen Antisemiten vom Schlage der v. Treitschke und v. Hartmann erkennen diesen Willen zwar an, verlangen aber eine Betätigung, die uns unmöglich ist, weil wir Treue um Treue brechen sollen. Ausgehen ohne Vorbehalt und vollständige Assimilierung ist doch nur der saubere Ausdruck für die perfide Tarife, und wenn v. Hartmann, weit davon entfernt, denjenigen zu tadeln, der sich zu diesem Schritte entschließt, d. h. „durch eine entschiedene Unwahrheit in dem Bekenntnis, weltliche Vorteile zu erwerben und damit das Odium des Glaubenswechsels auf sich zu nehmen, sogar die Stärke eines Patriotismus und Familiensinns bewundert, die ein persönlich-moralisches Martyrium auf sich nimmt", so versündigen sie sich an der Ethik unseres größten deutschen Geistesheroen, an dem Gedanken Goethes, daß ein jeder, der die Religion wechselt, mit einer Art von Makel bespritzt wird, von der es unmöglich scheint, ihn zu reinigen. An anderer Stelle habe ich auf Rießers Wort hingewiesen („I. D. R." 1912, S. 403), daß Deutschlands Helden und Weise uns nicht gelehrt haben, daß man durch Opfer von Treue und Glauben, Wahrheit und Ehre ein Deutscher wird. VI. Wäre es richtig, daß der Zentralverein den Abfall und den Zerfall des Judentums, der Zionismus aber den Antisemitis- ") Daß die Aeußerung so gelautet hat, >vic sie Blumenfeld angibt, bestätigt weder meine Erinnerung noch das mir jetzt vorliegende gedruckte Protokoll der Hauptversammlung vom 4. Februar 1917. mlls befördert, so würde ich mich keinen Augenblick besinnen und mit fliegenden Fahnen in das Zionistenlager übergehen. Denn von den beiden Brandungen, die den Fels des Judentums umspülen — dem Haß der Antisemiten und dem Abfall der Täuflinge —, halte ich das erstere für das kleinere Uebel. Würde der Antisemitismus nicht das deutsche Vaterland so schädigen und gefährden, wie er es — Gott sei es geklagt — tut, und wie es jetzt jedem auf der Welt offenkundig wird, so würde ich als Jude den lieben Gott bitten, daß er uns Juden den Antisemitismus erhalte bis zur völligen Gesundung des Judentums. Denn daß der Haß der Umwelk kein Kriterium für unsere Bewertung sein kann, sieht man an dein Deutschenhaß. In seiner Wirkung aber erweist sich der Antisemitismus als die Kraft, die das Böse will und das Gute schafft, als der Dünger, der dem Baume des Judentums neue Lebenskräfte gibt, Säfte, die reichen Ersatz für den Abfall der welken Blätter nnd des wurmstichigen Fallobstes bringen. Aber ich kann es nicht anerkennen, daß die Lebensauffassung des Zentralvereins den Verfall und Zerfall des Judentums befördert, und daß der zionistische Gedanke das Judentum mehr erhält und belebt als unsere Auffassung. Nicht um des Antisemitismus, sondern um des Judentums wegen wollen wir reinliche Scheidung und Klärung. Was -erhält denn das Judentum und was gefährdet es? Für mich liegt das Wesen des Judentums mit seinen seelischen und kulturellen Werten nicht in seiner Nationalität; seine Ewigkeitswerte liegen in seiner Religion, Ethik, seinem Jdeenkvmplex: dem Monotheismus, der sich bei ihm in reinster, abstraktester Form zeigt, dem Messianismus, der noch nicht erfüllt ist, sondern ein dauerndes Ideal bleibt, dem wir zustreben, dem Optimismus, der das Leben bejaht, der Kottesebenbildlichkeit des Menschen, der eine reine Seele empfangen hat und ohne eine Mittlerschaft sich mit Gott versöhnt und göttlicher Gnade teilhaftig wird, der Mission zur Selbstheiligung, d. h. zur Nächstenliebe und Gerechtigkeit und zur Verbreitung von Religion und Sittlichkeit unter den Menschen. Dieser Beruf ist zwar an ein Volk ergangen; aber als Staat ist Juda untergegangen und als Volk in alle Winde zerstreut, so daß ein jüdisches Nationalbewußtsein bei der großen Masse der Westjuden ganz und gar und selbst bei denen erloschen war, die gute Juden sein wollten und z-u sein glaubten. Und nun wollen die Zionisten das Judentum und seinen Jdeenkvmplex wieder beleben dadurch, daß -sie den teils verglommenen, teils verglimmenden Funken des Nationalbewußtseins -wieder zu einer nationalen Flamme entfachen, daß sie eine Nation zu schaffen sich bemühen, die ein Land und eine Sprache hat. Wir glauben nicht, daß die Mission des Judentmns in der Diaspora verkümrnert, und daß wir die Kulturwerte des Judentums schwächen, wenn wir seine Mission unabhängig machen von dem Gedeihen oder Verderben eines jüdischen Staates oder einer jüdischen Nation. Weshalb sollen wir noch einmal Nation und Staat schaffen? Nach meiner Auffassung degradieren wir -das Judentum, wenn wir seinem geistigen Jdeenkreise einen Körper geben, der raumzeitlich lebt und stirbt, der blüht und verwelkt. Völker und Staaten vergehen wie Spreu vor dem Winde: selbst Rom ist untergegangen und das Hellige Römische Reich Deutscher Nation. In der Diaspora aber ist durch Jahrhunderte und Jahrtausende der jüdische Gedanke leben geblieben und immer lebendiger geworden. Glauben die Zionisten, daß jetzt, wo die Nationen sich immer mehr abschließen, und nur die Idee» Brücken zu den Nationen schlagen, daß wir die Idee -des Judentums kräftigen, wenn wir sie nationalisieren? Ich glaube es nicht. Wir setzen das Judentum gegenüber den anderen Religionen und Bekenntnissen herab, wenn wir das in den körperlichen Nations- oder Staatsbegriff einzwängen, was ein universeller Religions- und Sittlichkeitsbegriff ist. Das scheint