Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 44 (2.11.1917)
- Date
- 1917-11-02
- Page
- Seite 523 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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m war auch für sie eine Leidenszeit. Dies alles hinderte aber nicht, daß die jüdische Wissenschaft auch hier wie anderwärts blühte und gedieh, und als der jüdische Arzt ltnd Philosoph Joseph Salomvn Delmcdigo aus Kreta, auf seiner Reise nach Litauen, wo er zum Leibarzte des Fürsten Radziwill ernannt worden war, auch einige Zeit in Livland verweilte, schrieb er (1623) an einen gelehrten Freund in Troki, daß er dort eine Gegend angetroffen habe, die angefüllt sei mit jüdischer Wissenschaft. Juden fuhren indessen weiter fort, lebhaften Handel in Riga zu treiben; sie kamen in ihren Booten die Düna herunter, verkauften die mitgobrachten Waren und fuhren mit anderen neu angekausten Waren die Düna wieder hinauf. Um eine Kontrolle über den jüdischen Handel zu haben, wurde 1662 ein jüdisches Gasthaus begründet. Der erste Inhaber eines solchen hieß Jürgen Sutter. Ihm lag es ob, dafür zu sorgen, daß die Juden nachts nicht ausgingen, und er hatte im gegenteiligen Falle dem Bürgermeister Anzeige zu erstatten. Wie aus den Akten jener Zeit zu ersehen, lag die Einfuhr von Waren ausschließlich in jüdischen Händen. Unter der russischen Herrschaft erging es den Rigaer Juden nicht besser als ihren Brüdern im übrigen Rußland: Einzelne, die sich heraufarbeiteten, teils durch geschäftliche Erfolge — die Juden brachten dort den Holzhandel zu ungeahnter Blüte —, teils dadurch, daß sie in den milderen Zeiten Alexanders III. von der Regierung bevorzugt wurden, während die große Menge im Elend dahinvegetierte. Aber trotz aller Armut und aller Bedrückung konnte sich Riga zu einer blühenden jüdischen Gemeinde mit neuzeitlichen Schulen, prächtigen Gotteshäusern und vielen wohltätigen Anstalten entwickeln. Daß die Stadt, bis in die jüngste Zeit, eine große Reihe jüdischer Gelehrter, Rabbiner und Großkaufleute und Industrieller hervorgebracht hat, braucht nicht besonders erwähnt zu werden, doch auch jüdische Künstler und Schriftsteller gab es dort in nicht geringer Anzahl. Als besonders charakteristisch mag bemerkt sein, daß die letzteren zumeist in deutscher Sprache schrieben, wie überhaupt die Rigaer Juden als deutsche Juden bezeichnet werden können. Das Ende des russischen Zarismus wird hoffentlich auch im Schicksal der Rigaer Inden eine Wendung zum Besseren bringen. 0. L. Glaube und Heimat. Von Geh. Justizrat Dr. Eugen Fuchs. (Schluß.) as Wort Assimilantentum ist ein Schlagwort geworden, das wir klären müssen. Wenn Assimilantentum heißt, die Eierschale des Ghettos abwersen, brechen mit dem, was abgelebt und abgestorben ist, brechen mit Kaftan und Stirnlocke, so wird niemand gegen ein solches Assimilantentum etwas einzuwenden haben. Wenn Assimilantentum aber heißt, mit geheiligtem Brauch des Vaterhauses brechen, die Erscheinungen jüdischen Geistes und jüdischen Herzens, jüdischen Gemüts und jüdischen Familiensinns aufgeben, wenn es heißt, das eine preisgeben und das andere lassen, nicht weil es das Bessere, sondern weil es das andere ist, so wird jeder dieses Assimilantentum bis in den Grund seiner Seele verabscheuen. Wir wollen auf deutschem Boden an deutscher Kultur Mitarbeiten und treu bleiben an dem, was wir aus jüdischem Hause, aus jahrhundertelanger, jahrtausendelanger jüdischer Geschichte als berechtigte Eigenart unseres Stammes mitbekommen haben." Weshalb nennt man uns Zentralvereinler Assimilanten?; doch nur um die Lebensauffassung des Zentralvereins herabzusetzen und die Nationaljuden als Erbpächter jüdischen Stolzes auszugeben. Uns Zentralvereinlern gegenüber ist das Wort Assimilant ein Schlagwort ohne Inhalt. Wer der Glaubensgemeinschaft in unserem Sinne die Treue bewahrt, ist nicht deswegen Assimilant, weil er deutsch-national fühlt. Die Dinge liegen für die Ost- und Westjuden verschieden. Im Osten sind die Juden nicht bloß eine Glaubensgemeinschaft, sondern eine Nationalität mit besonderer Sprache, besonderer Kultur. Ihre Artverschiedenheit corpore et animo gegenüber ihren Landsleuten ist so groß, daß es sich nicht bloß um soziale Schichtungen, sondern um eine nationale Differenzierung handelt. Wer dort die jüdische Nationalität aufgibt, sich germanisiert oder polonisiert, den mag man einen Assimilanten nennen; wer aber hier dom Judentum die Treue bewahrt, wird nicht Assimilant, wenn er an deutscher Kultur mitarbeitet. Wenn man uns, weil wir kein jüdisches Nationalbewußtsein haben, unjüdisch nennt, jüdischen Stolz und Selbstbewußtsein abspricht, so widerspricht das der Wahrheit und Gerechtigkeit. Wir haben das Renegatentum abgelehnt, Taufe als Fahnenflucht und Treulosigkeit gebrandmarkt, noch ehe die zionistische Bewegung da war. Nicht bloß selbst Treue zu üben, sondern auch die Kinder zur Treue anzuhalten, für die Gleichberechtigung der Judenheit und des Judentums kämpfen und dabei das Vätererbe erwerben, um es zu besitzen, lieber durch Treue die innere Ehre bewahren, als nach den äußeren Ehren des Staates zu begehren: das sind Gedanken, die der Zentralverein in die weitesten Kreise der deutschen Judenheit getragen hat. Je länger je mehr hat er sich bemüht, über die negative Abwehrfähigkeit herauszuwachsen, positiver, innerlicher, jüdischer zu werden 10). 5. Das Judentum wiederbeleben wollen auch die Zionisten. Daß sie sich weitere Ziele gesteckt haben, die Judenfrage für die gesamte Judenheit lösen wollen, das brauchte uns nicht zu scheiden; denn auch wir wollen, indem wir jüdischen Geist auf dem Boden unserer Kultur wiederbeleben, schließlich dem gesamten Judentums dienen, und sie wollen doch auch daS deutsche Judentum wiederbeleben. Was uns aber trennt, ist der Weg, Auf einem anderen Wege wollen sie das Judentum wiederbeleben als wir. Sie gingen aus von dem Schicksal der Ostjuden; dort, wo die Juden eine Nationalität sind, dort ist eine „Judennot ganz elementarer Art, eine Not des Leibes . und der Nahrung". Da lag der Gedanke nahe, ihnen ein neues Ideal, eine neue Heimat zu geben. Für die dortige Glaubensnot erschien ein Heil nur aus der Umsiedlung zu erwachsen. Judenstaat, öffentlich-rechtlich gesicherte Heimstätte, Nationaljudentum, geistiger Nationalismus — auch das zionistische Programm hat sich, wie begreiflich, im Laufe der Zeiten nuanciert und entwickelt — waren die Losung zur Erlösung aus dem Exil; der Nationgedanke, das nationale Banner wurde aufgepflanzt, um den Ostjuden neue Lebenshoffnung, neue Lebensbedingungen zu geben. Auch für die Westjuden sollte es ein Banner werden. Sie sollten noch durch ein strafferes Band als das der allgemeinen Menschenliebe und der Glaubensgemeinschaft herangezvgen werden, uni die leibliche und geistige Not der Volksgenossen zu lindern. Palästina sollte den. entrechteten Ostjuden eine Heimstätte, den Westjuden ein Vorbild, ein Resonanzboden sein, auf der jüdische Seele und jüdischer Geist einen besserem Widerhall finden als auf dem Boden des Exils. Der Jude sollte, um wahrer Jude zu sein und das Judentum wiederzubeleben, jüdisch-national fühlen und leben. Wer nicht jüdisch-national fühlt, ist Assimilant, unjüdisch, befördert Abfall und Zerfall; Assimilation und Zentralverein sind eine Gefahr für das Judentum, so schallt es auf der Seite der Zionisten, Ihr seid undeutsch, vaterlandslos, befördert den Antisemitismus und seid eine Gefahr für das Judentum, so schallt eS auf der anderen Seite wider. Wo ist die Wahrheit? ln) „I. D. R." 1913, ©. 218.