Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-11-02 · Heft 44 (2.11.1917) · p. Seite 522

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 44 (2.11.1917)
Date
1917-11-02
Page
Seite 522 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3229286-3229330--73522-3286009
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

daß eine Diskussion aber auch naheliegende Gefahren in sich schließe, daß vor allein Maß gehalten werden müsse, ivenn ein solcher erster Versuch gelingen solle. Für die Mannschaften sprach darauf Kamerad Dr. Bruno Weil über das, ivas die jüdischen Soldaten an der Front besonders bewegt: Sie haben neben dem mit allen Kameraden geteilten noch einen besonderen, aus ihrem Judentum ewtspringenden Jnteressenkreis. Der Krieg hat ihr Interesse für alles Jüdische vertieft- Während uns draußen das Judentum eine der wenigen geistigen Werte bedeutet, durch die man sich fortdauernd mit der Heimat verbunden fühlt, uns eine Zuflucht ist in den Stunden der Verzweiflung und seelischer Depression, nmßte das Zusammenkommen mit den jüdischen Massen des Ostens den Drang nach Erkenntnis und -Hilfsbereitschaft, Vertiefung des jüdischen Empfindens nach sich ziehen. Das lebhafte Interesse j des jüdischen Frontsoldaten für jüdische Dinge findet aber nur ungenügende Befriedigung. Festtage wie diese sind Höhepunkte, Feldgottesdienstss selten wiederkehrende Gelegenheiten. Ein brauchbares Gebetbuch fürs Feld, das jedem Soldaten unentgeltlich geliefert werden müßte, fehlt. Zeitschriften sind ein zu seltener Artikel an der Front, jüdische Werke und Bücher so gut wie gar nicht zu finden. Und doch müßte (bei aller Anerkennung der Schwierigkeit der materiellen Verwirklichung) jedem Mann mindestens eine jüdische Zeitung oder Zeitschrift zur Verfügung stehen. Eine kurzgefaßte Feldausgabe der Geschichte des jüdischen Volkes bis zur Gegenwart wäre hochwillkommen, ein unparteiischer Aorist der jüdifchen Gegenwartsfragen die beste Belehrung. Die Pflichten des Frontsoldaten: aufrechtes Bekennen zum Judentum, Eintreten gegen jeden Antisemitismus, Beschäftigung mit jüdischen Fragen, um nach dem Kriege zum Kampf gerüstet zu sein, Selbstbewußtsein als jüdische Männer, die ihre Schuldigkeit im vollen Umfang getan haben, Hilfsbereitschaft und Unterstützung der jüdischen Organisationen nach dem Kriege im iveitesten Matze- Die Ausführungen fanden die Zustimmung aller Kameraden und Herr Dr. S. Levi tonnte die Erfüllung mancher Wünsche für eine nahe Zukunft in Aussicht stellen. * Wie das Neujahrsfest führte auch der Versöhnungstag den größten Teil der jüdischen Soldaten der Armee nach Wilna. Und wieder gab es einen den Menschen bis in alle Tiefen erschütternden Tag, einen Tag voller Fragen, innerer Besinnung und für uns auch einen Tag der Sehnsucht, des Heimverlangens und in der unter tlefster Bewegung ftatlfindenden Seelenfeier der seelischen Vereinigung nut den Teuren, die von uns gegangen sind. Beim Kaddisch für unsere gefallenen Kameraden war es wie ein Stocken des Pulsschlages, einer der Augenblicke, in denen traurige Vergangenheit und jür jeden von uns so ungewisse Zukunft mit der pflichtenvollen Gegenwart in eins zu verfließen schienen. Und in den Predigten des Armeerabbiners klangen beide Seiten der jüdischen Soldaten an, die ineinander verflochten, nicht voneinander zu sondern sind: Am Morgen die Mahnung an den Juden, am Nachmittag die Lehre für den Deutschen, die für den jüdischen Soldaten noch besondere Pflichten in sich schließt. Zum Schlußgvttesdienst waren der Führer der Armee, Generaloberst v. Eichhorn, der Etappeninspekteur Generalleutnant v. Trotta, sowie eine größere Anzahl Herren ihrer Stäbe erschienen. Lautlos lauschte alles den tief bewegenden Neiila-Gesängen und Gebeten. Tiefstes Schweigen in dem großen Gotteshaus. Ein jeder empfindet die Größe des scheidenden Versöhnungstages. Wer kann die Empfindungen schildern, die uns so fern der Heimat, von allem was uns lieb ist, bewegen? Schon sinkt der Tag, der Abend dämmert leise heran, noch einmal das Bekenntnis der Sünden, wie an die Scheide zweier Welten ist der einzige und letzte Schofarton gestellt und der wunden Seele ist das Bewußtsein der Gemeinsamkeit und des Gleichklangs der Empfindungen jetzt einziger Trost- — Mit freundlichen Worten und guten Wünschen für uns verabschiedet sich Exzellenz v. Eichhorn mit seinem Stabe und darauf rücken wir auch ab zum verdienten Anbeißen. * Alles hat seine Zeit: Nach dem Tag der Läuterung kam ein festlich froh gestimmter Abend. Eine Militärkapelle ließ ihre Weisen durch den hohen Saal tönen, man ließ sich das Essen schmecken und Worte des Dankes und der Zuversicht wurden laut. — Wer die Wilnaer Tage miterlebt hat, trug bleibenden Gewinn zur Front zurück. Das Zusammensein in diesem Kreis! bot Anregungen, an denen wir hier lange zehren. Wir verteidigen mit der deutschen Sache hier draußen auch die Stellung der Juden in Deutschland. Mögen diese darum nicht vergessen, daß sie auch ihrerseits mannigfache Verpflichtungen — im Tun und im Unterlassen! — ihren kämpfenden Glaubensgenossen gegenüber haben. Unseren herzlichsten Dank aber dem Armeerabbiner der .10. Armee, Dr. S. Levi, dessen Hingabe wir die Tage in Wilna verdanken. 8. Lur Geschichte der Juden am Liga. iga, die seitherige Hauptstadt des Gouvernements Livland, die von den deutschen Truppen in solch heldenhafter Weise genommen wurde, liegt bekanntlich an der Düna, sechs Ateilen vor deren Mündung. Da diese Stadt, von der Natur gleichsam zu einem hervorragenden Handelsplätze geschaffen, schon in den frühesten Zeiten einen Anziehungspunkt für unsere Glaubensgenossen bildete, kann man sich lebhast vörsteUcn, daß ihnen dort der rauhe Weg der Leiden während der Jahrhunderte ihrer Seßhaftmachung nicht erspart geblieben ist. Juden werden in den offiziellen Akten Livlands zuerst im Jahre 1560 erwähnt- In den Verträgen zwischen der Stadt und König Sigismund August von Polen, rn denen die Stadt Lieferungen für die Truppen übernommen hatte, war ausdrücklich das «boshafte jüdische Volk" von derartigen Geschäften ausgeschlossen. Als dann später Riga von Polen annektiert wurde, war den Juden der Zuzug dorthin überhaupt untersagt, damit die Bürger kein „unchristlich Gesicht annehmen und keine unchristlichen Geschäfte machen". Nach der vollständigen Annexion von Riga durch Polen war gemäß verschiedener Akten des Königs Sigismund III. (1587 bis 1682) sowohl den Juden wie den Schotten, Holländern und Engländern der Zutritt zu ganz Livland verboten. Ein Akt vom 31. Mai 1598 bestimmt: Wir wünschen, daß unsere Stadt Riga künftig und für alle Zeiten von dem Aufenthalte der Juden befreit sein soll. Da diese Verordnung sich als nicht wirksam erwies, erfolgte im Mai 1596 ein neues Gesetz, in dem den Beamten und dem Adel verboten wurde, mit Juden und anderen Fremden Geschäfte zu machen. Aber auch dieses Gesetz hatte nicht den gewünschten Erfolg, so daß der Stadtrat von Riga sich gezwungen sah, eine Abordnung nach Warschau zu senden, damit sie am Hofe diesbezügliche Vorstellungen mache- Es folgten noch strengere Gesetze in den Jahren 1598 und 1599, indessen zogen der Krieg und andere Wirren die Aufmerksamkeit der Oberen von den Juden ab. Sobald aber die Zeiten sich wieder beruhigt hatten, wurden die Feindseligkeiten gegen das gehetzte Volk wieder eröffnet. In den Verordnungen, die der Stadtrat von Riga seinen Abgeordneten zur Bestätigung nach Warschau mitgab, tvurde auch verlangt (1611), daß jüdische und schottische Geschäftsleute von der ländlichen Umgebung fernzuhalten seien. Auch Gustav Adolf benahm sich »licht besser gegen die Rigaer Juden und die Schwedenzeit (16til bis 1710)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.