Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 44 (2.11.1917)
- Date
- 1917-11-02
- Page
- Seite 521 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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wart selbst gesünder, rühriger und jünger. Ein eigentümlicher Hauch geistiger Energie und Gesundheit gingvon ihm aus. Er konnte zu jeder Zeit, unvermittelt und ungestört -durch seine Umgebung, arbeiten und arbeitete mit unglaublicher Intensität und Schnelligkeit, ohne sich je zu überarbeiten. Er hat die kurze Zeit seines Lebens aufs schönste genützt." Ein solcher Mann, -eine Zierde der Wissenschaft, Sproß einer alten jüdischen Familie, der mit seinen greisen Eltern, deren Stolz er war, zeitlebens aufs innigste zusammenhing, der als Jude zu den höchsten akademischen Ehren aufstieg, verdient auch in den Kreisen derer, die seine Leistungen nicht voll zu würdigen vermögen, Verehrung und Anerkennung und ein dauerndes Fortleben seines Namens und seiner Taten. L. G. Lir hohen Feiertage Milcher Soldaten in Milna. ie Transportführer melden!" so klingt die Stimme des Offiziers über den Platz vor dem ehemaligen russischen Offizierskasino, als er-amVorabend des erstenNeujahrstagesden Appell über die jüdischen Soldaten abhielt. Im Nu herrscht Ruhe bei den verschiedenen Divisionen und Formationen der Front und Etappe, die Reihen richten sich und bald ist festgestellt, daß gegen 25 Offiziere und 1000 Mann dem Ruf unseres Armeerabbiners Dr. S. Levi zu den Festtagen nach Wilna, diesem alten Zentrum jüdischer Massensiedlung, gefolgt sind. Die stattliche Zahl ist ein Beweis für das Entgegenkommen von seiten der unserem Armee-Oberkommando unterstellten Tuppenteile und Behörden. Nun werden beim Appell die nötigen Mitteilungen gemacht, die Unteroffiziere vom Synagogendienst abkommandiert, Urlaubscheine verteilt und dann können die einzelnen Formationen nach der schönen Synagoge in der Wallstraße, die gänzlich für das Militär bereitgestellt war, abrücken. * Im strammen Schritt marschieren sie durch die Straßen und Gassen des viel von Juden bewohnten Viertels. Sie wissen, sie verkörpern gegenüber dem unentwirrbaren Durcheinander der Umgebung die Macht der Zucht und Ordnung; sie sind stolz, sich vor -ihren christlichen Kameraden, die an diesem Sonntagnachmittag in Massen durch die Straßen schlendern, als Juden zu bekennen, und ein jeder fühlt lebendig die Verantwortung für den Ruf seiner Gemeinschaft, so daß sich der Beobachter über das Zusammengehörigkeitsbewußtsein, das alle beherrschte, freuen konnte. Den einzelnen Divisionen werden ihre Plätze zugewiesen, aber das hohe, weite Gotteshaus kann die große Zahl der Kameraden kaum fassen. Nun beginnt die erhebende Feier. Ernst und still lauschen die wetterbraunen Gestalten den altvertrauten, langentbehrten Worten und Gesängen. So hatte man's nie erlebt, so stark nie den Gegensatz gefühlt wie heute: Manch einer hatte am vorigen Abend noch vorn, im Horchpostenloch gelegen, handgranatenbewaffnet, oder hatte den Kopf wegg-enammen, als von drüben „Panje Russki" die bleiernen Vöglein hatte singen lassen, hatte sich schwerbepackt durch enge Laufgräben gewunden oder beim trüb flackernden Kerzenschein im Unterstand gesessen — und nun ringsum freudig leuchtender Lichterschimmer, Feierlichkeit und das Gefühl: „Hier bin ich Mensch, hier kann ich's sein." Noch etwas hob die Herzen — das war die machtvolle Geschlossenheit einer so großen Menge waffentragender Glaubensgenossen, von allen Teilen der Front herbeigeeilt, den Anfang eines neuen Jahres festlich zu begeben, allen Waffengattungen angehörig, durch die Tatsache ihres Daseins schon die machtvolle Teilnahme der Juden am -deutschen Verteidigungskampf predigend, in Zahl und Art mit Kreuzen und Achselstücken, in Staub und verblaßten Uniformen — Kleider der Arbeit, und Mühen—, die beste Widerlegung aller gehässigen Angriffe.— Von der nächsten Umgebung aus gleiten die Gedanken in die Ferne des Ortes und der Zeit: — man ist daheim, man begeht das Fest im Kreise der Seinen in friedlichen Zeiten . . . und und ... ja, weiß Gott, es ist keine Schande, wenn diese Männer einmal kinderweiche Herzen bekommen ... Da droben auf der Kanzel steht stattlich emporgerichtet die Gestalt unseres Armeerabbiners und sagt uns das, was wir im Herzen spüren, mit weihevollen, treffenden Worten, die so wahrhaftig klingen und so wahrhaft andächtig erlebt werden wie selten eine Predigt. Er spricht weiter und weckt uns, weckt in uns das bessere Ich, fordert und heischt von uns als Juden und Menschen, macht stolz und bewußt, läßt unseren Willen sich straffen, einzustehen für unsere Art, fest zu stehen aus unserem' Posten. — Wieder umklingt uns der mehrstimmige Chor, lieblich jauchzen die Knabenstimmen, kräftig unterstreicht der Baß der Männer die Melodie. Der Gottesdienst ist zn Ende, die Truppen rücken geschlossen zum Festmahl ab. Nun zu dem mit Recht so beliebten Gesprächstofs: der Verpflegung. Denn der Soldat hat nicht nur eine hungernde Seele, sondern — das weiß man — auch einen hungrigen Magen. Also hieß es Vorbereitungen treffen, daß alle Kameraden von der Front die Tage rituell verpflegt werden konnten. Man kannsich vorstellen, was das in dieser Zeit für Arbeit und Mühe kostete, so daß man behauptet hat, ein Feldprediger müsse zugleich ein Jntendanturrat, Proviantinspektor usw. sein. Kurz, wir können unserem verehrten Herrn Armeerabbiner dankbar sein für das, womit er uns bewirtet hat. Es war nicht nur eine Essenausgabe mit seinen soundso viel Gramm Fleisch und Reis usw., sondern -es war besser und es war mehr. Daß es das sein konnte, ermöglichte die Freigebigkeit der Breslauer Lessingloge und einiger Breslauer Privatpersonen, deren auch an diesem Abend dankbar gedacht wurde. — An langen Tischen saßen die Kameraden, frohe BegrüßungSworte wurden zwischen alten Freunden und Bekannten, die sich nach langen ereignisreichen Tagen Wied ersahen, gewechselt, die Kellner — zum Teil waren es frische Jungens aus einer jüdischen Ackerbauschule — eilten, die Löffel klapperten „und alle erhoben die Hände zum lecker bereiteten Mahle", um mit dem alten Homer zu sprechen, da ja so viele Krieger und Helden versammelt waren. * Die freien Stunden der nächsten Tage benutzte so mancher Kamerad, um sich Wilna und vor allem Wilna als eine der größten Judenstädte anzusehen. Sie ist ein unerschöpfliches Rätsel. Geheimnisvoll wie das Prag des Golems. Mit einer von jahrhundertelangem Leid geschwängerten, in Not und Elend untrennbar mit dem Gesetz und der Lehre verbundenen Judenheit. Gassen und Gäßchen, voll des lebendigsten jüdischen Lebens, wirr durch- und ineinanderlaufend, ein Chaos von Menschen und Dingen. Wer könnte mit Sehergabe die Ordnung von dem allen finden? Wer den geheimnisvollen Sinn des Lebens der Werdenden und Gewordenen belauschen? Wir, denen ein paar Tage Wilna in allerlei Formen Jüdisches in unerhörter Massenhaftigkeit ins Herz und Gemüt brachte, konnten nur ein Ahnen feiner Unergründlichkeit mit an die Front zurücknehmen, sahen die Ostjuden in der Geschlossenheit ihrer Masse, in der Fülle ihres Elends, in ihrem unendlichen Gottvertrauen und in der leidenschaftlichen Inbrunst des Gottesdienstes vor uns. * Am letzten Nachmittag des Rosch-Haschono-Festes, fand eine gemeinsame Aussprache über jüdische Dinge statt. Herr Dr. S. Levy leitete sie selbst eiw und bemerkte, daß das Bedürfnis nach einer solchen Aussprache offenbar sehr stark sei,