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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-11-02 · Heft 44 (2.11.1917) · p. Seite 520

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 44 (2.11.1917)
Date
1917-11-02
Page
Seite 520 (sequence 4)
Language
German
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520 Dichters unverkennbar: S iebenf a ch will Nathan den Schatz ersetzen, den er seinem Nächsten vorenthalten zu haben glaubt — aber er dankt dem Himmel, wenn ihm selbst von dem höchsten Schatz, der ihm genommen worden, nur ein Siebentel ersetzt wird. Kann der Selbstlose, der Altruist wirksamer charakterisiert werden, als durch diesen Gegensatz? Orokkllvr Karl Lchwar?lchi>L. m 11. Oktober 1873 wurde in Frankfurt a. M. Karl Schwarzschild geboren, im Alter von noch nicht 43 Jahren ist er am 11. Mai 1916 an den Folgen einer tückischen Krankheit gestorben. Er besuchte das Gymnasium in Frankfurt, studierte in Straßburg seit 1891 und in München seit 1893, wo Stetiger sein Lehrer wurde, der die hervorragende Bedeutung des Schülers erkannte, ging zu seiner weiteren Ausbildung nach Wien an die Sternwarte, habilitierte sich 1899 in München, wurde 1902 als ordentlicher Professor nach Göttingen berufen und übernahm 1909 die Leitung des Potsdamer Astrophysikalischen Instituts und war als Honorarprofessor an der Berliner Universität und als Mitglied an der Berliner Akademie der Wissenschaften tätig. Mit dem Beginne des Krieges war er im Heeresdienst beschäftigt, zuerst als Leiter einer Feldwetterstation, dann als Offizier bei der Fußartillerie im Westen und Osten. In diesem Dienst erwarb er sich das Eiserne Kreuz. Durch die ungewohnten Anstrengungen verfiel er in eine schwere Krankheit, der er in jugendlichem Alter erlag. Schwarzschild war ein bedeutender Gelehrter auf dem Gebiete der Mathematik und der Astronomie. Schon als Siebzehnjähriger veröffentlichte er wichtige Arbeiten. Die Arbeitsgebiete, auf denen er tätig war, sind: die Helligkeitsmessung der Sterne, wozu er eine neue, seitdem mit vielfachem Erfolge benutzte Methode schuf; die Luftschiffahrt, für welche er ein wichtiges Instrument, den Libellensextanten, lieferte; die Relativitätstheorie und das Gravitations- Problem, in denen er Erweiterungen der Einsteinschen Hypothesen beibrachte; das System der Fixsterne, das der Forscher, im Gegensatz zu früheren Gelehrten, als Einheit darstellte; die Häufigkeitsdichte der Sterne und die photographische Sternphotometrie, in der seine Forschung die wichtigsten Resultate ergab. Daneben lieferte er Untersuchungen über geometrische Optik und war auch als praktischer Konstrukteur tätig. Seine letzte Arbeit „Ueber den Einfluß von Wind und Luftdichte auf die Geschoßbahn", die am 18. November 1915 der Berliner Akademie vorgelegt wurde, kann aus militärischen Gründen erst nach dem Kriege veröffentlicht werden. Eine eingehende Würdigung dieser wissenschaftlichen Tätigkeit kann an dieser Stelle nicht versucht werden. Hier begnüge ich mich, aus der Rede eines Göttinger Kollegen, Prof. Dr. Runge, folgende Stelle zu seiner Würdigung mitzuteilen. „Manche Gelehrte leisten Hervorragendes, indem sie immer auf demselben Wissensgebiete arbeiten und, fortgesetzt an derselben Stelle bohrend, den Stollen ihrer Forschung tiefer in den Berg treiben. Zu diesen hat Schwarzschild nicht gehört, auch hat er weder Schule gemacht noch ein Lehrgebäude errichtet. Vielmehr gehörte er zu denen, die zwischen verschiedenen Wissensgebieten die Verbindungen schlagen, die Kreuzungen der verschiedenen Forschungswege Herstellen, Kreuzungen, die gerade wie in der organischen Natur die gesündesten und fruchtbarsten Ergebnisse zeitigen. Seine rasche Auffassung und seine Vielseitigkeit machen ihn zu einem hervorragenden Universitätslehrer. Als Astronom war er in den verschiedensten Richtungen tätig, überall mit richtigem Blick das Wesentliche treffend und das Unwesentliche beiseite lassend. Dennoch ist seine wissenschaftliche Tätigkeit nicht erschöpfend bezeichnet, wenn man ihn einen Astronomen nennt. SeineVielseitigkeit beruhte daraus, daß er die Meisterschaft der mathematischen Analyse mit tiefem Verständnis und glühendem Interesse für dieWelt der Dinge vereinigte, die in der mathematischen Sprache beschrieben, erörtert und erforscht werden könne. Für solche Geister gelten die Bezeichnungen der Spezialfächer nicht. Für ihn war es kein Gedankensprung von der Betrachtung der Bahnen der Himmelskörper auf die der Bewegungen der Elektronen im Molekül überüberzugehen, obschon das eine Astronomie, das andere Physik genannt wird." Ueber sein Wesen aber mögen zwei Aeußerungen Aufschluß geben. Die eine, der Grabrede des Dr. Wilke- Dörsert entnommen, lautet: „Wie jugendlich war er, jung mit uns! Die Heiterkeit des Gemüts, die aus dem Nichtverstehen des Nichtswürdigen und dem freudigen Ergreifen alles Frohen und Schönen ihm eigen war, sein schneller Witz, machte den Freund sprühen, wenn Frohsinn uns vereinte. Ost dann, wenn ein heiterer Scherz uns noch gefangen hielt, sahen wir sein Auge ernst werden, sich weiten und gleichsam in eine andere Welt blicken, in feine Welt; in Sternenhöhe konnten seine Gedanken schon wieder über der Umgebung sein." Und am Schlüsse einer größeren Würdigung des Forschers von Prof. Sommerfeld („Die Naturwissenschaften", 4. August 1916), heißt es: „Schwarzschild war ein außerordentlich guter, einfacher und natürlicher Mensch. Sein Urteil über andere Verdienste war stets wohlwollend, seine eigenen Leistungen kamen ihm kaum ins Bewußtsein. Wie man auch mit ihm zusammenkommen mochte, in fröhlicher, vielleicht durch seine Laune angeregter, übermütiger Gesellschaft, in ernstem, fachlichem Gespräch, auf Bergtouren, immer fühlte man sich in seiner Gegenprof. Dr. Barl Schwarzschild (1873—1916).

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