Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 44 (2.11.1917)
- Date
- 1917-11-02
- Page
- Seite 519 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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519 spricht feierlich, Artikel 3 des Berliner Vertrages -über die Gleichheit der Rechte der Juden in Wirksamkeit zu setzen. Es ist nur zu fürchten, daß Rumänien, wenn es wirklich wiederlhergestellt werden sollte, seine Versprechungen, mit denen eS ebenso freigebig sein wird wie früher, nicht halten wird. - Wie traurig die Lage der Juden in Rumänien gegenw ärtig ist, geht aus folgender Notiz hervor: Das Warschauer jüdische „Volksblatt" meldet, daß das Vereinigte jüdische Komitee in Kiew den russisch-jüdischen Schriftsteller S. Anski nach Rumänien zur Organisierung einer Hilfsleistung für die verfolgten Juden entsandt hat. Von Odessa begab sich zu demselben Zwecke der Schriftleiter der Warschauer jüdischen Zeitung „Unser Leben", I. Hochberg, nach Rumänien. Auf seinen Bericht hin wandte sich das Kiewer Komitee mit drahtlichen Beschwerden an den Präsidenten Wilson und an die Pariser Alliance Jsra^lite. * Sollen wir etwa in dem jüdischen Regiment in England einen Fortschritt sehen? Für jüdische Regimenter in Deutschland würden wir höflichst danken. Ueber das erstere wird folgende Meldung verbreitet: Der Begründer tato jüdischen Legion, Vladimir Jabotmskh, meldet an das Jüdische Korrespondenzbureau im Haag: Ich lege Wert darauf, den über das Regiment in Umlauf gebrachten Gerüchten entgegenzutreten. Die Versuche, das indische Regiment zum Scheitern zu bringen, sind mißlungen. Das jüdische Regiment existiert. Es besteht de jure et de facto. Es hat jüdische Offiziere, Sabbatruhe, rituelle Verpflegung usw. Von authentischer Seite erfahre ich, daß das Regiment offiziell seinen jüdischen Ramen erhalten und der Mogen-David als Regiment sabzei chen anerkannt werden wird. Auch kann ich Ihnen versichern, daß die Bestimmung des Regiments im jüdischen Sinne erfolgen wird. Es wird allf dem Boden Palästinas für die jüdische Zukunft kämpfen. Die englische Regierung ist unseren nationalen Aspirationen günstig, gesinnt. Das jüdische Regiment wird eine große Manifestation der loyalen Empfindungen sein, die Großbritannien mit dem Judentum verbinden. Ich bitte Sie, den Gerüchten, welche die Gegner des Regiments verbreiten, keinen Glauben zu schenken. * Aus D e u t s ch l a n d liegt uns folgende Notiz vor: Juden und Deutsche im besetzten Gebiet. Eine Ansrage des Abgeordneten Dr. Werner im Reichstag wird von der Regierung wie folgt beantwortet: „Bei der politischen Abteilung des Stabes Ober-Ost ist ein Referat n'ir jüdische Angelegenh.eit.en eingerichtet, weil die Eigenart der Ostl'uden besondere Kenntnisse erforderte. Deutsche Rechte und Interessen werden durch jeden Mann des Ostheeres und besonders durch die Militärverwaltung gewahrt. Außerdem ist schon lange bei Ober-Ost ein besonderer Referent für Angelegenheiten Deutscher vorhanden." * Ungern beschäftigen wir uns mit antisemitischen Pöbeleien, wie sie in der Wiener „Reichspost" in einem Artikel „Das Westden des Hauses Mendelssohn" ausgesprochen werden. Denn was hier über Moses Mendelssohn und seine Nachkommen gesagt wird, strotzt von Jrrtümern und Böswilligkeiten. Aber der Schluß des Artikels muß tiefer gehängt werden. Er lautet: Die Mendelssohns blicken immerhin auf eine anderthalbhundertiährige Geschichte Zurück. Beinahe gleichalterig sind die Rotschilds, die es aber noch viel weiter gebracht haben. Minder „ehrwürdig" ist die Ahnenschaft zahlreicher anderer Häuser des Geldhandels, der Bleichroeder, der Loeb, Kuhn, Rathenau usw. Dchvn vor dem Kriege hätte ein Vergleich des Gesamtvermögens dieser verhältnismäßig wenigen Judenfaunlien mit dem Besitz der übrigere Menschheit besorgniserregend wirken müssen, um so mehr, m\m man die unheimliche Raschheit, mit der sich diese Vermögen beinahe autowatifch vergrößern und vervielfachen, bedachte. Dies galt für die Zeit vor dem Kriege. Während des Krieges und durch den Krieg ist die angedeutete Gefahr ins Unendliche gestiegen. Neue Millionäre, Rassengenossen der fünf Frankfurter, sind wie Pilze aus dem blutgedüngten Boden geschosien, während die Geldmacht der „alten" Häuser ins Märchenhafte gewachsen ist. Wohin soll dies führen, wie wird das enden? Millionen und Millionen christlicher Existenzen sind als Opfer dieses Vermögensumzuges zusammengebr-ochen. Millionen hungern und unterwerfen sich den härtesten Entbehrungen, weil sie der eherne Druck der Gegenwart zwingt. Tag für Tag aus ihrem ererbten Besitz, aus ihrem Erwerb und Lohn den Vermögenszuwachs der Finanzbarone beschleunigen zu Helsen. Und da sollte es kein Mittel der Verteidigung geben? Kein Schiedsgericht? Keine Abrüstung? Keine Neuordnung? Es ist an der Zeit, daß die Christen über den Fall Nachdenken. Sind dem Verfasser wirklich nicht die Tausende von christlichen Kriegswucherern bekannt? Glaubt er ernstlich, daß bloß die Juden reich werden, und meint er im Ernst, daß alle Juden zu Vermögen gelangen? Ist ihm denn gar nicht bewußt, daß Tausende jüdischer Existenzen zugrunde gegangen sind, daß es unendlich viel mehr arme Juden auch in Deutschland und Oesterreich gibt als reiche? Wagt er zu behaupten, daß die Juden nicht ebensosehr ihre Pflicht getan haben als ihre christlichen Mitbürger? Wahrlich, eine Neuordnung ist vonnöten. Aber diese müßte darin bestehen, daß alle Schranken fallen, die noch gegen die Juden aufgerichtet sind, daß die Freiheit ihnen leuchte wie allen Bürgern. Gewährt ihnen die Möglichkeit, Beamte zu werden, unterstützt ihre Bemühungen, sich dem Handwerk und der Landwirtschaft zu widmen, laßt ihnen freien Zutritt zu jedem gelehrten Berufe — dann wird von selbst die einseitige Beschäftigung mit dem Handel schwinden, die übrigens lange nicht so groß ist, wie antisemitische Schreier verkünden. * Aus dieser trüben Atmosphäre wenden wir uns gern zum Licht. Wir konstatieren mit Freude, daß gleichzeitig an zwei Berliner Theatern Lessings „Nathan der Weise", das hohe Lied der Duldsamkeit und Menschlichkeit, zur Aufführung gelangt. Möge die Stimme des weisen Nathan nicht ungehört verhallen! Bei Gelegenheit dieser Aufführung veröffentlicht Alfred Klaar in der „Dossischen Zeitung" eine seine Bemerkung, die wir mit ausdrücklicher Genehmigung des Verfassers hier wiedergeben: Eine Feinheit in Lessings „Natlmn^ dem Hohelied der Menschlichkeit und Schonung, das zurzeit von zwei großen Berliner Bühnen (Deutsches Theater und Königliches Schauspielhaus^ in Nie schweren Kämpfe unserer Tage hereintönt — ist meines Wissens bisher nicht beachtet worden: das bedeutsame Spiel mit der Siebenzahl in dem Auftritt zwischen Nathan und dem Klosterbruder, das leise anklingt und doch eine halb unbewußte Wirkung auf den Hörer macht. Warn in umß Nathan, wie er dein neu gewonnenen Freunde erzählt, just sielen Söhne bei der Judenverfolgung in Gath verloren haben? Die Erinnerung an die sieben Makkabäer hat damit gewiß nichts zu schaffen, wäre hier völlig belanglos. Warum also sieben? Lessing liebt sonst nicht die grellsten Farbenstriche. Man muß ans eine frühere Stelle des Gesprächs achten, um zu erkennen, warum der Dickster die auch später noch einmal unterstrichene — Siebenzahl gewählt hat. Da der Klosterbruder, geheimnisvoll andentend, davon spricht, daß „er in Nathans Hände etwas gelegt habe, was nicht zu verachten war", erschrickt der Rechtliche, der noch nicht weiß, worum es sich handelt, darüber, daß er den Schatz nicht zurückgegeben, die Schuld nicht getilgt haben soll. Nach talmudischeur Gesetz, das für widerrechtlich zurückgehalteires Gut dem Schuldigen siebenfachen Ersatz auferlegt, bietet er als Buße den „siebenfachen Wert" des Schatzes an. Und nun merke man wohl: nachdem Nathan seine Söhne durch Mord verloren, intt „Gott gerechtet", „sich und die Welt verwünscht hatte", arbeitete er sich (so erzählt er) in eine gottergebene Stimmung empor, in der er das fremde Kind, das ihm zugetragen wurde, erleichtert und erlöst mit den Worten grüßte, „Gott, auf sieben doch nun schon eines wieder!" Stellt man die beiden Momente zusammen, so ist die Absicht des