Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 44 (2.11.1917)
- Date
- 1917-11-02
- Page
- Seite 518 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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518 eine transitorische Bedeutung gewinnt. Darum zeugte nicht nur Palästina seine Makkabäer, sondern ein jedes Land seine Märtyrer, die der Erhaltung des Judentums das Leben opferten. Die Vaterlandsliebe des Juden ist Begeisterung für die Religion der Väter; ihr Gewand bilden die historischen Namen, mit denen einst diese Religion eng verwebt war, als Jerusalem, Zion, Tempel usw., welche Raumbenennungen vom Volksgeist schon längst vergeistigt und universalisiert wurden. Der Partikularismus des Judentums birgt unter dieser äußeren separatischen Schale den Kern eines wahren Universalismus, den die Prophetie klar erkannte und oft verkündete. Das ist ungefähr die psychologische Genesis des Dualismus von Nationalität und Uuiversalismus, der sich in dem ganzen kulturhistorischen Werdegang des Judentums, von Mose bis auf die gegenwärtige Zeit widerspiegelt. Schon in Mose, fortschreitend in den Propheten, in den Psalmisten ist der Blick von der Nation aus auf die ganze Menschheit gerichtet. Wie oft auch in der Bibel, in den geschichtlichen und prophetischen Teilen, das Bild der Völkerkämpfe in ihrer ganzen Furchtbarkeit, Dauer und Mannigfaltigkeit vor uns erscheint, wie sehr auch hier und da die Erinnerung an die Familienvevbände gewisser Völker hervorgehoben wird: die allgemeinen Prinzipien, die die Schrift verkündet, die Menschennatur, die Gottesanbetung, die Liebe, das Recht, die Freiheit, die göttliche Vorsehung und Gerechtigkeit, sie alle kennen keinen Unterschied, keine Besonderheiten, keine Stammes- und Rassenunterschiede, sondern sie gelten für alle; zu ihnen sollen und werden sich alle bekennen. Es läßt sich dieser Dualismus ferner durch alle rabbinischen Zeitalter verfolgen; er beginnt schon in leisem Anflug in den ältesten Sprüchen der Väter, wird zur offenen Spaltung in den Differenzpunkten Schamais und Hillels und bekundete sich dann bei den in Mischna und Gemara auftretenden Lehren, den rabbinischen Schriftstellern der gaonäischen, arabisch-spanischen, französischen, italienischen, polnischen Perioden, bis gegen Ende des 18. Jahrhunderts. Die Grenzen des gegenwärtigen Aufsatzes würde es überschreiten, wollten wir diese bloß im Umriß angedeutete Wahrnehmung hier ausführlicher ans den betreffenden Stellen Nachweisen. Gerade aber seit der Zerstreuung wurde der Jude auf eine solche Vereinigung beider Tendenzen hingetrieben. Nationalismus, Universalismus und Glaubensgemeinschaft stehen einander durchaus nicht feindlich gegenüber. Das Menschenherz ist fruchtbar genug, um alle diese veredelten Anpflanzungen zu pflegen. Es kommt nur darauf an, das rechte Maß, die wahre Harmonie, die sittliche Uebereinstimmung zu finden, die zwischen ihnen eingehalten und bewahrt werden müssen. Denn erst da, wo das eine Moment sich an die Stelle des anderen stellt, es verdrängen und zum Schweigen verurteilen will, wird jedes zu einem sittlichen Feind, und der daraus entspringende Fanatismus wird dann den Weg der Wahrheit und des Rechts verlieren. In den politischen und gesellschaftlichen Beziehungen der Menschen, ebenso wie in den rechtlichen, gibt es keinen Grundsatz, dem eine schrankenlose, absolute Geltung eingeräumt werden könnte, dessen Konsequenzen, ins Grenzenlose getrieben, nicht diametral entgegengesetzte Wirkung hervorbringen würde. So verhält es sich auch mit dem Nationalitätsprinzip. Wem fällt da nicht das grimmige Wort Grillparzers ein von dem Weg, der von der Humanität durch Nationalität zur Bestialität führt. Wir haben erleben müssen, daß man für die Herrschaft der „lateinischen Kultur" gegen „deutsche Barbarei" lvszieht! Auf welche Irrwege gerät also der menschliche Geist, wenn er blind dem Rassenhaß und nationalem Chauvinismus frönt! Der Mensch ist darauf angelegt, daß seine Verhältnisse und Beziehungen sich wie konzentrische Kreise in immer weiterer Ausdehnung um ihn legen, er so aus immer engerem Verhältnisse in das weitere trete und dabei für das engere an Wärme und Kraft durchaus nichts verliere. Die Individualität des Menschen, die Familie, die Kommune, das Vaterland, die Glaubensgemeinschaft, die Menschheit, alle anderen Wesen um uns, sie sind allesamt kräftige Lebensmomente, sie gehören allesamt zum Dasein des Menschen, können nicht von ihm entbehrt werden, bilden den -Kreis seiner Pflichten und dürfen daher durchaus einander nicht ausschließen. Ueber dem Bewußtsein! aller Rassen- und nationalen Verschiedenheiten steht nach dem Mosaismus das Bewußtsein der Einheit des ganzen Menschengeschlechts. Und wie die Heilige Schrift dieses aus einer Quelle entspringen läßt, so führt sie es auch zu einem Ziele der Gotteserkenntnis: der Liebe, des Rechtes, der Duldung und des Friedens. Die Woche. Berlin, den 30. Oktober 1917. ach dreieinvierteljähriger Dauer wird mit der alten, ja fast noch stärkerer Hartnäckigkeit gekämpft. Nur im Osten, nachdem die deutschen Operationen auf der Insel Oesel zum glücklichen Abschluß gelangt sind, und im Südwesten herrscht verhältnismäßig Ruhe. Sehr schwer ist das Ringen mit England, fast noch schwerer das mit Frankreich; liest man die französischen Berichte, so muß man an große Triumphe der Feinde glauben, doch sind wir gewohnt, von dem lauten Geschrei der ruhmredigen Nation gar manches abzuziehen. Dagegen darf man den Berichten unserer Heeresleitung vertrauen, daß eine glückliche, verheißungsvolle Offensive gegen Italien ergriffen ist, daß die Gebiete, die von den Italienern in der 11. Jsonzoschlacht gewonnen worden waren, ihnen wieder abgenommen sind. Mehr als hunderttausend Gefangene, zahllose Beute ist in unserem Besitz; der Krieg ist teilweise in Feindesland getragen. Möchten wir uns durch solche Erfolge im Osten und Süden dem Frieden um einen Schritt nähern! * An der Vorbereitung zum Frieden wollen sich auch die jüdischen internationalen Organisationen beteiligen. Ein Weltkongreß der jüdischen A r be i te r scha f t. Das Jüdische Korrespondenzbureau im Haag berichtet: Die Leitung des Allweltlichen Jüdischen Sozialistischen Arbeiterverbandes Poalei-Zion plant die Einberufung eines Weltkongresses der jüdischen Arbeiterschaft, der in der Stadt des internationalen Friedenskongresses zusammentreten soll. Der jüdische Arbeiterkongreß September ISIS in New Kork, der die 350 000 organisierten jüdischen Arbeiter der Vereinigten Staaten auf ein gemeinsames Programm einigte, die Uebernahme der Palästinasorderungen der zionistischen Sozialisten durch jüdische Arbeiterparteien in Amerika und England und die Vereinigungstendenzen in der jüdischen Arbeiterschaft Rußlands haben die Möglichkeit eines Weltkongresses geschaffen. Alle jüdischen sozialistischen Arbeiterparteien sind heute darin einig, daß es sich nicht mehr um die bürgerliche, sondern die nationale Rechtsgleichheit der Juden handelt. Da in Rußland und Oesterreich ein Drittel und in Amerika die Hälfte der jüdischen Bevölkerung der Arbeiterschaft angehören, wird ein Weltkongreß der arbeitenden Judenheit auf die größte Beachtung rechnen können. * Unter den Friedensbedingungen, die auf der Konferenz der Alliierten seitens des russischen Arbeiter- und Soldatenrats vorgelegt werden sollen, befindet sich als Nr. 7: Rumänien wird in denselben Grenzen wiederhergestellt und gibt das Versprechen, der Dobrudscha Autonomie zu gewähren, und ver-