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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-11-02 · Heft 44 (2.11.1917) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 44 (2.11.1917)
Date
1917-11-02
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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81. Jahrgang. Nr. 44 Berlin, 2. November 1917 Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements.Preis: durch den Buch. Handel oder die Post (in Berlin und Vor» orten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. — Postscheckkonto 32*. Vegrundet von Rabbiner Dr. Ludwig Philippfon Untex Leitung des Geheimen Regierungsrats profeffor Sr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße *6 *9, zu richten. Verlag von Nudolf rnssse, Berlin. Nationalität und Weltbürgertum im Judentum. Von IJtJiJl4ll« Dr. B. Seligkow itz (Döthen). — Die Woche. — Professor Karl Schwarzschild. Von L. G. — Die Hoden Feiertage jüdischer Soldaten in Wilna. — Zur Geschichte der Juden von Riga. — Glaube und Heimat. Von Geh. Justiz rat Dr. Eugen Fuchs. — Feuilleton: Tante Trude. Roman einer Vierzigjährigen. Von Anna Goldschmidt. — Literarische Mitteilungen. — Büchereinlauf. — Berichtigung. Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berliy, Hatberstadt, Hamburg, München, Nürnberg,'Frankfurt a. M., Karlsruhe i. B., Straßburg i. Elf., Wien, Lodz. — Von Nah und Fern. ^Nationalität und Weltbürgertum im Judentum. Von Dr. B. Seligkowitz (Köthen). Unter den Bedingungen, die die Natur selbst den Menschen gestellt hat, sind zwei die umfassendsten-: die Verbindung des einzelnen mit seinem Volk und seine Verbindung mit der Menschheit. In dem Ganzen der Beziehungen, die uns mit unseren Volksgenossen verknüpfen, besteht unsere Nationalität; auf dem Gefühl unseres Zusammenhangs mit der Menschheit beruht die Humanität. Diese zwei großen Formen der menschlichen Gemeinschaft stehen aber zueinander in einein gewissen Gegensatz, der Unter Umständen sogar zum Widerstreit wird. Die Nationalität hat den durchgreifendsten Einfluß auf alle realen Lebens-Verhältnisse; auf ihrem Grund baut sich das Staatsleben init seiner ganzen Kultur auf, das unser Dasein nach allen Seiten mit seinen Ordnungen umfaßt irnd durchdringt. Dieser realen Gemeinschaft gegenüber erscheint der Satz von der Zusammengehörigkeit aller Menschen als der Ausdruck eines sittlichen Ideals, nicht aber eines tatsächlichen realen Verhältyisses. Denn in der Wirklichkeit stehen wir ja nur mit dem kleinsten Teil des Menschengeschlechts in Verbindung. Je kräftiger daher unser Nationalgefühl entwickelt ist, uin so ausschließlicher, scheint es, wird unser Interesse sich auf unser Volk beschränken, mit so mehr stehen wir in Gefahr, gus Vorliebe für das eigene Volk die Pflichten der Humanität und der Gerechtigkeit gegen andere zu verletzen. Umgekehrt laufen wir Gefahr, aus idealer Begeisterung für die Menschheit, die realen Interessen unseres Volkes zu vernachlässigen. Die Frage entsteht nun: Liegt überhaupt das Interesse der Nationalität im Streit mit dem der Humanität?, oder läßt sich jenes in einer Weise auffassen und verfolgen, die auch dieses nicht beeinträchtigt, sondern fördert? . Blicken wir auf das Judentum, wie es aus seinem Weltgang sich därstellt, so ist es gerade die maßvolle Vereinigung der kosmopolitischen Humanität und der Nationalität, die es von Anbeginn kennzeichnet. Niemand war zu einer Vertiefung der Nationalität geeigneter als der Israelit. Bei dem geringen Verkehr, den er im Land seiner Väter mit dem Ausland hatte, wo noch dazu die auswärtigen Verhältnisse fast immer als feindliche erschienen, bei den vielen Momenten nationaler Erhebung und nationalen Stolzes, betrachtete und fühlte der Israelit seine Nation abgeschlossen, ja, in Opposition mit der übrigen Welt. Dessenungeachtet hatte die geistige Anschauung des Jsraelitentums die ausgesprochene Tendenz zur kosmopolitischen Humanität. Schon in Mose, fortschreitend in den Propheten, den Psalmisten nsw. ist der Blick von der Nation auf die ganze Menschheit gerichtet. Je mehr die Religion in ihrer konkreten Erscheinung das Leben der israelitischen Nation zum Bild nahm, desto mehr dehnte sie sich in der Abstraktion anfalle Völker aus. Die Reinheit einer ausgedehnten Familie gegen das Eindringen fremdartiger Elemente zu behaupten, war das volksbildende Prinzip der alten Welt. Der Mensch lebte in der Sphäre des Gefühls, ließ sich nach objektiv gegebenen Normen wie Glieder der Natur in Rassen einteilen und behauptete auf dem ihm angewiesenen Gebiet, gegen alles Fremdartige partikularistisch sich abschließend, wie die Natur ihre Rassen gegen Abarten schützt, streng seine Eigentümlichkeit. Darum behauptete auch das Judentum der alten Welt, solange cs gegen das gewaltige Eindringen heidnischer Elemente kräftig zu kämpfen hatte, den strengsten Partikularismus, stellte seinen Gott als Gott Israels dar, der keinem anderen Volk sich geoffenbart habe (2. Mos. 6, 7; 3. Mos. 26, 12 usw.), zeigte die feindlichste Abstoßungskraft gegen alle heidnischen Völker und stellte Vorschriften auf, denen es gegenwärtig, bei den veränderten Verhältnissen, nicht mehr huldigen kann. In dein strengen Partikularismus zeigt das Volk des Judentums sowohl als das des Heidentums die lebenssrische Tatkraft, sich gegen den Einfluß feindlicher Elemente rein zu behaupten. Jedoch zeigen beide ihre gegensätzliche Verschiedenheit, insofern beider Ideale als reine Gegensätze sich därstellen. Heidentum ist Naturdienst; zeigt nun die Natur in einem jeden Klima einen besonderen eigentümlichen Typus, so; muß auch das Volk jedes Klimas seinen eigenen Gott verehren. Das heidnische Volk läßt daher auch seinen Gott ausschließlich in seinem Vaterland residieren: der Index am Ganges, der Aeghpter am Nil, so wie der Perser und der Grieche nur in seinem Geburtsort seine Gottheit findet. Deswegen umklammert das .heidnische Volk krampfhaft die Erdscholle,-dies gebar; denn es fühlt, daß, getrennt von diesem, es hinwelkt wie die entwurzelte Pflanze. - Dem Judentum dagegen ist die Natur zwar Gottes Geschöpf, belebt durch Gottes Odem; doch ist sein Gott hoch erhaben über die Natur und findet nirgends im Dasein einen ihn fassenden Wohnsitz. In dem Tempel läßt der Jude nur den Namen, die begeisternde Herrlichkeit seines Gottes thronen, ihn selbst aber kann nicht ein Himmel, nicht ein Himmel der Himmel fassen. Das Judentum ist an keinem Boden angewurzelt, weshalb sein nationaler Partikularismtis nicht wie der des Heidentums eine wesentliche, sondern nur

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