Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 43 (26.10.1917)
- Date
- 1917-10-26
- Page
- Seite 514 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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zu sein als die Inden, so würde , er sich qn. h^r Wahrheit versündigen: denn das Judentum, gebietet seinW Bekenner», den König zu lieben uird zu segnen, Vas VateMnd zu ehren und ihm in Treue anzuhängen. Daß es .auf'der Welt nichts Unchristlicheres als den christlichen Staat)gibt, haben nicht Juden, sondern überzeugte Christen gesagt. („I. D. R. 1912, S. 399)"). . . .' . 4. So wenig mein Deutschtum durch mein Judentum verkümmert wird, so wenig wird mein Judentum, d. h. meine Glaubens- und Stammestreue, dadurch beeinträchtigt, daß ich sie nicht zu einem Nationalbewußtsein mache. „Auch wir wollen innere Wiederbelebung, Renaissance des Judentums, nicht Assimilation, stolz in der Eigenart und'unserer geschichtlichen Entwicklung treu bleiben" "). Wie ich über.das Assimilantentum denkehabe -ich seit mehr als-einem Jahrzehnt wiederholt dargelegt. (Schluß folgt.) Tante Truyr. Roman einer Vierzigjährigen. Von A n n a Goldschmidt. (34. Fortsetzung.) (Nack.brnck verboten.) d) bin überzeugt, aus diese ungeahnte Weise war 1 Dantes und der Kinder Wegzug aus Roschmin wirklich ein kluger Streich. Er hat Paulas nunmehriger Schwägerin, Frau Dr. Salomon, das Nachgeben erleichtert. Was konnte sie auch mit Recht dagegen Vorbringen? Paula hat wenig Geld — das kann in seinen Verhältnissen nichts ausmachen. Und in ganz Roschmin ist sicher keiner, der über sie oder Tante oder sonst einen der Ihren etwas Nachteiliges sagen könnte. Paula ist ganz Glück und Hingebung, und ich glaube, wenn ich ihr sagen würde: „du hast dich einmal für Dr. Westphal interessiert," so; würde sie so belustigt auflachen wie über all ihre früheren! „Flammen", von denen sie ihrem Bräutigam zü seiner und ' ihrer Belustigung unter Kichern und Necken erzählt und die Rosa alle mit so sorgsamer Miene für das Hochzeitscarmen: bucht. Das ist doch zu schön und Praktisch im Leben einge-- richtet, daß der, der dann wirklich kommt und Ernst macht,! auch immer der Einzige und Wahre ist. Rosa berauscht sichi mit am Glück der Schwester. Jedes Geschenk des Bräutigams - schleppt sie herbei und läßt es stolz bewundern, „Paula tut/ne ' himmlische Partie", sagt sie neidlos froh, „noch nicht mal eine; Schwiegermutter kriegt sie. Seine Eltern sind schon zehn; Jahre tot " Das Dummchen ahnt gar nicht, wie grausam roh es redetj Man könnte glauben, in der Karlstraße gäbees nicht j eine Braut, sondern nur Bräute. Selbst Benno ist sehr der- - gnügt, wenn auch, wie er selbst zugesteht, nicht nur aus brüderlichen Gefühlen heraus. ' 8) „Daß man auf dem Boden der Evangelien stehen" und doch „den christlichen Staat wollen könne" und daß man obendrein Jude sein könne, will uns Walter Rathenaus Streitschrift vom Glauben (S. 28,41) lehren. Eine verblüffende Vielseitigkeit! Rathenau nennt den Satz vom christlichen Staat einen unangreisbaren. Daß rechtgläubige Christen über den Begriff des christlichen Staates ganz anders gedacht, daß Männer, wie der Abgeordnete v. Vincke, der Professor des Kirchenrechts Sohm, der Historiker v. Treitschke, Gildemeister u. a. ihn als Mythe einen. Begriff ohne Inhalt, als eine Idee, von der man sich kein Bild machen könne, bezeichnet haben, darüber vgl. meine Vorrräge in „I. D. R." 1903, S. 198, 398. »V „I. D. R." 1912, S. 269. Er war sofort bereit, dass Brautpaar aus Roschmin abzuholen, worüber Grobmama und Rosa starr waren. Er hat die Seinen nicht verwohnt durch Gefälligkeiten. „Ich finde 's nicht bekowet, wenn das Brautpaar allein fährt", hat Großmama gemeint, und Benno fügt sich ln seiner Frohstimmung. Er glaubt, daß Großmama nun auch seinen Plänen geneigter, zum mindesten, daß die Freude über Paula den Kummer und die Enttäuschung, die seine Heirat ihr bereiten Wird, etwas auswetzen möge. Ich glaube, hierin irrt er, wenngleich die Freude groß genug wäre, Wunder zu vollbringen. Denn die glücklichste, die bräutlichste im Hause ist — die Großmama. Der Glanz ist nicht wieder gewichen aus ihren schwarzen Augen, und wenn sie jetzt an jedem gewöhnlichen Alltag in der Schabbeshaube mit den lila Bändern und der Schabbes- Atlasschürze dasitzt, so lieb und breit, als reiche der weite Lehnstuhl aus Korbgeflecht gar nicht für die Bankdirektors- Schwieger-Großmama — so breit wie das Wort ist, sitzt , sie da —, sieht es aus, als umflute sie Heller, lichter Feiertag. Dabei läßt ihr das frohe Ereignis wenig feiertägliche Ruhe. Sie Hai unendlich viel zu überlegen mit mir und — Paula. Jawohl, mit Paula! Die ist in eine ganz andere Stellung aufgerückt. Tante leitet selten ein Gespräch anders ein, als mit den Worten: „Paula meint" — „Paula hat je nu freilich die Ansicht." Mit mir ist Tante unendlich gut. Ich sehe, ich tue ihr so unsagbar leid. Sie weiß nicht, daß es mir schon schlimmer gegangen ist. Merkwürdig, in dem Punkt bleibe ich mir treu. Nichts wäre mir so unerträglich gewesen, als wenn Paula und — Günther Westphal — heute erscheint mir das beinahe lächerlich in seiner Unmöglichkeit — sich gefunden hätten. Freilich, an all dem Glück sehe ich erst wieder, wieviel ich selber versäumt habe. Vater hat mir früher öfter erzählt, wie sparsam seine Eltern haben wirtschaften müssen, um anständig durchzukommen. Zum Jahrmarkt, der mir als Kind als das höchste der Feste erschien, haben die Geschwister nie Jahrmarktsgeld bekommen. Dann seien sein Schwesterchen Phine und er immer angefaßt durch die Reihen der Schau- und Verkaufsbuden gegangen und haben die kaufenden Kinder beobachtet und großes Herzweh gehabt. Eine Uhr aus der Groschenbude sei einmal sein besonders heißer Wunsch gewesen und als er mit brennenden Augen zugeschaut habe, wie ein anderer Junge sich eine erstand, habe ihm Schwester Phine, die ältere und klügere, tröstend zugeflüstert: „Ach, laß doch nur, Moritz, den dummen Jungen seine Uhr geht je doch bald kaput." Die kleine Szene hat mich als Kind immer so gerührt, ich hatte solches Erbarmen mit Vater, daß Mutter schalt, er solle mir doch nicht immer so etwas erzählen. Ich begreife heute noch das Weh der zwei zurückgesetzten Kinder. Wenn ich all das flimmernde Glück sehe, dann entsetze ich mich oft, wenn der Neid den. mißgünstigen Trost der kleinen Phine hervorbringt. Wißt ihr denn, ob ihr das Glück wirklich fest habt, in dem ihr euch so wohlig sonnt? Er geht ja wieder ins Feld zurück? Wenn er nun — heute ist keiner seines Lebens sicher — wenn er — nun fiele?- Nie bete ich heißer, nie inbrünstiger um Martins Leben, als wenn Her schreckliche Gedanke mir durch den Kopf gehuscht ist und mich gepeinigt hat. Es ist beinahe drollig, wie Tante Phine aus dem Geschick . ihrer, jungen hübschen Enkeltochter tausend Glücksmöglichkeiten für mich heraussuchen möchte. „Hat einer aus so en Glück — unberufen, unberufen, dreimal untern Tisch gekloppt — ich will's gar nicht beschreien. Rosa, spuck aus — rechnen können? Ich Hab' se doch schon woll'n den Schlemihl aus Grindeln geben."