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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-10-26 · Heft 43 (26.10.1917) · p. Seite 513

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 43 (26.10.1917)
Date
1917-10-26
Page
Seite 513 (sequence 9)
Language
German
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MS 3. Welches von den objektiven Momenten (Geburt, Boden, Sprache, Kultur usw.) das schwerwiegendste ist, brauche ich nicht zu entscheiden, weil mir und den anderen Zentralvereinlern, ja ich möchte sagen, der erdrückenden Mehrzahl der jüdischen Deutschen alle objektiven Begriffsmerkmale fehlen, die gemeinhin als Kriterien einer jüdischen Nation gelten könnten. Wir sprechen nicht hebräisch'), für uns ist Palästina nicht unser Geburtsland, die Wiege unserer Kindheit, nicht die Grabstätte unserer Eltern; ich kenne es nicht und es ist nicht einmal das Land meiner Sehnsucht, nicht die Heimat, der ich nachstrebe, nicht ille angulus, qui mihi praeter omnes ridet. Ich spreche deutsch, empfinde deutsch; deutsche Kultur und deutscher Geist erfüllen mich mehr als hebräische Dichtung und jüdische Kultur. Bin ich in der Fremde, so sind Deutschland, deutsche Natur, deutsche Volksgenoffen der Gegenstand meiner Sehnsucht; ich mag im Orient nicht leben und nicht sterben. Wie meine Eltern und Voreltern deutscher Staub geworden sind, so will auch ich es dereinst werden. Ich bin zwar ein Kind jüdischer Eltern, und unser Haus war ein jüdisches Haus; aber auch meine Eltern haben deutschnational empfunden, und der jüdische Einschlag, den ich bekommen habe, ist kein nationaler, sondern ein Einschlag anderer Art gewesen, auf den ich noch zurückkomme. IV. 1. Ich bin fest überzeugt, daß Tausende deutscher Zionisten gleich wie ich denken und fühlen. Für sie ist die Nationsfrage nicht eine Frage des Seins, sondern des Willens. Sie wollen national-jüdisch, nicht national-deutsch sein, oder sie glauben, deutsch und jüdisch-national sein zu können. Darin unterscheiden wir uns kunäitus: ich will nicht national-jüdisch sein und glaube, kein schlechterer Jude als sie zu sein. Ich will mir nicht auf meine alten Tage ein nationales Bewußtsein Einreden, das ich über 50 Jahre nicht gehabt habe. Meine Eltern und Großeltern sind ihr ganzes Leben, und ich den größten Teil meines Lebens gar nicht auf den Gedanken gekommen daß ich ein Fremder in Deutschland sein könnte, und auch als der Zionismus schon erwacht war, ist es mir Jahr und Tag unfaßbar gewesen, wie es deutsche Juden geben könnte, die jüdisch-national empfinden. Dabei habe ich von meiner Kindheit an den Antisemitismus gekannt und unter ihm gelitten. Schon als Schüler der jüdischen Elementarschule — ich habe sie bis zu meinem zwölften Lebensjahr besucht — haben wir mit den christlichen Jungen Kriege geführt und Schlachten geschlagen; das Schimpfwort „Judenjunge" und der gelegentlich darauf folgende Steinwurf sind mir in den Kindheitstagen voll vertraut gewesen, und noch auf dem Friedrichsghmnasium, das ich in Breslau besucht habe, hat es ein ausgesprochenes christliches und jüdisches Heerlager und ein gerütteltes Matz von Judenhaß gegeben. Aber das waren Balgereien und Raufereien nicht mit nationalem, sondern mit religiösem „Einschlag". Wir haßten uns von Religions, nicht von Nations wegen. In der Universitäts- und in der Referendarzeit, die für mich in die Mitte der siebziger Jahre fiel, schien der Haß geschwunden zu sein, bis die Stöckerbewegung, der Verlauf meines Offiziersexamens (1878), der Mißerfolg meiner HabilitationS- und Anstellungsbemühungen mir mein Judentum zum vollen Bewußtsein brachten. Ich bin frühzeitig in die Abwehrbewegung eingetreten; ich habe den Zentralverein Deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens mitbegründet, und obwohl ich, das kann ich wohl sagen, an jüdischem Selbstbewußtsein und jüdischer Stammestreue mich von keinem Zionisten übertresfen lasse, ') In der Unkenntnis der hebräischen Sprache sehe ich nicht eine „nationale Entehrung" (Klatzstein, „Der Jude" 1916, S. 828), sondern ein Moment der Entnationalisierung. fühle ich mich, trotzdem ich fast ein Menschenalter in der Bewegung stehe, in meinem Gemüt und in meiner Kultur so eins mit dem deutschen Volke, daß ich mich auch national zu ijjja bekenne. Für mich ist das Judentum eine Religions-, eW Stammesgemeinschast, keine Nation. Ich will nicht anders als deutsch-national sein und will mir nicht Einreden, daß ich jüdisch-national bin oder jüdisch-national werden müßte, upr das Judentum zu beleben und die Treue zu üben, die ich ihjn gegenüber schuldig bin. Für mich gilt der stolze Römersatz: Status permutatio est capitis deminutiv. 2. Es wäre unaufrichtig zu leugnen, daß ich als Jude eine besondere Eigenart habe, daß die jüdische Abstammung, das jüdische Vaterhaus mir nicht bloß eine religiöse, sondern auch eine besondere geistige und wohl auch körperliche Prägung mitgegeben haben. Was Achad Haam von sich sagt, kann ich auch von mir sagen: Ich denke deutsch und fühle jüdisch. „Ich bin ein Mensch in der angeborenen jüdischen Prägung, die als Erbschaft von Jahrtausenden in mir lebt und wirkt. Ich habe es nie nötig, mich vor der lebendigen Wirklichkeit abzuschließen, um weiter Jude bleiben zu können, und ich brauche nicht mir selbst mein Jude-sein wegzudisputieren, um Mensch unter Menschen sein zu können." (Vgl. Al Paraschat Derachim, I, 132; Ehrenpreis, „Der Jude" 1916 S. 364.) Für mich liegt die Synthese von Deutschtum und Judentum in folgendem: Ich bin Deutscher von Nation, Jude von Religion und Stammes wegen. Wie mir die Zugehörigkeit zu Preußen, die schlesische Heimat, das Kaufmannshaus der Eltern, die akademisch-juristisch-advokatorische Tätigkeit eine gewisse Prägung aufgedrückt haben, so hat es ganz besonders auch das jüdische Elternhaus, die jüdische Umwelt getan, in der ich erzogen bin und in der ich weiter lebe. Aber diese Art und Stammesprägung differenziert mich nicht in nationaler Beziehung von den deutschen Christen, beeinträchtigt meine Zugehörigkeit zur Gattung, Volk, nicht und entfremdet mich dem Deutschtum so wenig, so wenig die besondere Stammesprägung in nationaler Beziehung den friesischen Bauern vom rheinischen Industriearbeiter oder vom Berliner Proletarier trennt. Ich fühle mich als Anwalt sozial und geistig dem christlichen Anwalt näher als dem jüdischen Händler oder Handwerker. Hier in der Heimat werden wir uns nur mehr der trennenden als der gemeinsamen Eigentümlichkeiten bewußt. Ich bin fest überzeugt, daß, wenn ich mit einer Reihe von Menschen in die fremde Wildnis verschlagen würde, ich zuerst Annäherung an den Deutschen suchen werde, mag er Jude oder Christ sein, und daß ich nicht in allererster Reihe zu dem mich hingezogen fühlen würde, der nicht Deutscher, aber Jude ist. So wie ich, wenn die Erdteile gegeneinander stehen, mich auf die Seite der Europäer stellen würde, gleichgültig ob sie Christen oder Juden sind, und mich keineswegs zu Afrikanern oder Asiaten hingezogen fühlen würde, bloß weil sie Juden sind. 3. Ist Deutschtum und Christentum nicht identisch, kann man Christ sein, ohne Deutscher zu sein und Deutscher sein, ohne Christ zu sein, so wird mein Deutschtum auch nicht durch die Zugehörigkeit zum Judentum beeinträchtigt. Wenn v. Treitschke sagt, daß das Judentum nicht so deutsch ist wie das Christentum, das Christentum deutscher als das Judenum, so versündigt er sich in antisemitischer Verblendung nach meiner Ausfassung an den Gesetzen der Logik. Was er sagt, sind Begriffe, die für meinen schlichten Menschenverstand unfaßbar sind. Sind etwa die Christen in Frankreich französischer, in England englischer, in der Türkei türkischer als die Juden, und wie sind sie in den völkergemischten Staaten, in der Schweiz und in Oesterreich? Ist dort das Christentum schweizerischer und österreichischer als das Judentum? Will v. Treitschke sagen, daß es ein Vorrecht der Christen sei, vaterländischer

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