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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-10-26 · Heft 43 (26.10.1917) · p. Seite 509

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 43 (26.10.1917)
Date
1917-10-26
Page
Seite 509 (sequence 5)
Language
German
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Die Stunden vergehen langsam, man sinnt und grübelt und träumt, ohne daß man es will; man wird feiner Hoffnungen und Sorgen sich bewußter, und man meint, daß der andere doch das gleiche empfinden müsse. So wird der Wunsch lebendig, etwas von ihm zu hören, was sich mit den eigenen Gedanken begegnet, und worüber man dann weiter Nachdenken kann; das Verlangen nach dem wirklichen Gespräch wird wach. Nirgends wendet sich die Unterhaltung so gern wie im Lazarette dem Ernsteren zu, nirgends so viel allen den Fragen von Leben und Zukunft. Auch der Stillere redet dann mit, und der Beredtere hört zu; man will miteinander sprechen. Dieses Gespräch zu gewähren und anzuregen, ist dem Feldgeistlichen auch als Aufgabe gestellt. Wenn er hierher kommt, so soll er als denkender Mensch zum Menschen, der denken will, sprechen. Er soll nicht mehr tun, nicht predigen wollen, aber auch nicht weniger tun, nicht den, der ihm gegenüber ist, unterschätzen. Wenn er es so vermag, dann hat er nicht zu einem allein gesprochen, dann geht sein Wort weiter im Saale. Was er dazu noch übt, die kleine Mühe, die er übernimmt, wenn er eine Verbindung mit Angehörigen im Briefwechsel aufrechterhält, oder die kleine Gabe, die er einem beschert, das alles gewinnt den Wert des Persönlichen erst, wenn er mit einem zu sprechen verstanden hat. Viel Persönliches kann auch die Arbeit des Arztes hier besitzen. So sehr Ordnung und Regel heute allen Lazaretten im Felde eine gleiche Gestalt gegeben haben, so erhält doch jedes ein eigenes Antlitz durch die Männer, die an ihm wirken. Es ist bisher zu viel an Geschichten aus dem Kriege geschrieben worden und zu wenig von seiner Geschichte, zu viel an Aeußerlichem und zu wenig vom Wesentlichen, und es ist daher auch im Grunde kaum etwas vom Arzte im Heere gesagt worden. Man hat von der Arbeit, die er hier leistet, zwar mancherlei erzählt, aber beinahe nichts von seiner Persönlichkeit, seiner Menschlichkeit, durch die er sich seine Stelle bereitet. Unserem engeren Kreise, unserer jüdischen Gemeinschaft, aus der Aerzte so zahlreich hinausgezogen sind, würde diese Geschichte Wertvolles berichten. Von jedem, der leiten und bestimmen soll, wird sowohl Technisches wie Menschliches erwartet. xUber dem Arzte ist es ganz besonders geschenkt, daß er beides harmonisch verbinden kann. Nicht durch alles das allein, was er zu vollbringen und zu ordnen imstande ist, bedeutet er etwas, sondern ebenso durch das, was er durch sich selber zu geben, was er zu sein vermag. Er kann hier draußen seinen eigenen Platz haben. Wie eine Insel der Stille inmitten der Unruhe will das Lazarett dnliegen. Das Menschliche soll darin wohnen und das Gefühl für das Menschliche den begleiten, den feine Pflicht durch diese Stätten führt. Es wird dann mit ihm gehen auf den Wegen, wo nudere Aufgaben ihn erwarten. Lum IW. Geburtstsse von Heinrich Gesetz. 1817-1917. Von A. Lewinsky. or wenigen Wochen, am 8. September d. I., brachte der Allbezwinger Tod eine der Hellstglänzenden Leuchten der Wissenschaft des Judentums zu allzu frühem Erlöschen. An ienem Tage ward der Seminarrabbiner Professor Dr. Israel Lewtst) seinem vorbildlichen, segenspendenden Wirken als Meister talmudischer Gelehrsamkeit am Breslauer jüdischtheologischen Seminar entrissen. Er folgte gerade 26 Jahre später seinem einstigen Lehrer und nachmaligen Mitarbeiter, Professor Dr. Heinrich Graetz, ins Reich der Ewigkeit. Des ') Vgl. Nekrolog von I. Elbogen in dieser „Allgem. Ztg. d. Jud", 1017, Nr. 39, S. 460 ff. letzteren in diesen Tagen zu gedenken, ist uns besonders heilige Pflicht, werden doch am 31. Oktober d. I. hundert Jahre verflossen sein seit dem Tage, an dem dieser berühmte Historiker das Licht der Welt erblickte. Das folgende Gedenkblatt an den Mmeister jüdischer Geschichtsforschung, das eine Schilderung seines Lebenslaufes und Werdeganges bieten soll, sei ein Tribut dankbarer Verehrung, der anläßlich des Zentenariums seinen Manen geweiht wird. Heinrich (Hirsch) Graetz') wurde am 31. Oktober 1817 zu Aions, einem Städtchen der Provinz Posen, geboren als Sohn des Fleischers Jakob Graetz (gestorben, über 90 Jahre alt, 1876 in Posen) und seiner Frau Vogel, geb. Hirsch (aus Wollstein, gestorben, über 50 Jahre alt, 1848 in Kosten). Die Eltern verzogen nach Zerkow (Provinz Posen), woselbst der begabte Knabe Unterricht im Hebräischen, Uebersetzen der Gebete und der Bibel, sowie in den profanen Gegenständen erhielt. Der lernbegierige und geweckte Schüler wurde auch dem Talmudstudium zugeführt, um dereinst als Rabbiner wirken zu können. Nach Vollendung des 13. Lebensjahres (1831) wurde der junge Graetz nach Wollstein, woher seine Mutter stammte, geschickt. Dort besuchte er die Talmudschule des Rabbiners Samuel Sanwel MuE). Wohl lauschte er als „Bachur" (Talmudjünger) voll Eifer und Fleiß den Vorträgen jenes Rabbi, allein sein reger Geist fand darin keine volle Befriedigung. Sein Wissensdurst trieb ihn dazu, Werke der Literatur, wie die moralischen Schriften von Campe, geschichtliche Bücher zu lesen und ohne Lehrer und ohne Anleitung fremde Sprachen (Französisch und Lateinisch) zu erlernen. Seine schnelle Auffassungsfähigkeit, sein hervorragendes Gedächtnis und seine rastlose Arbeitskraft ließen ihn bei allen Entbehrungen und materiellen Sorgen, mit denen er zu kämpfen hatte, einen großen Wissensschatz sich aneignen. Allein, die planlos und unmethodisch aufgenommenen Wissensstoffe lösten in ihm, dem Autodidakten, einen „disharmonischen Seelenzustand" aus, in dem er jedoch durch seinen unerschütterlichen Gottesglauben einen festen Halt fand. 4% Jahre weilte Graetz in Wollstein und hatte sich daselbst des Wohlwollens seines Meisters zu erfreuen, der ihn, den Talmudbeflissenen, im Oktober 1834 durch Verleihung des Ehaber-Titels auszeichnete. Damals fühlte er sich aber von der geist- und formlosen Ausübung der religiösen Gepflogenheiten, wie sie ihm in seiner dortigen Umgebung häufig entgegentrat, abgestoßen, und wenn er auch selbst noch wie bisher den Zeremonien treu geblieben war, lief er doch Gefahr, von seinem Lebensziel sich immer mehr entfernt zu sehen. Da trat ein für seine Gemütsverfassung günstiger Wendepunkt ein. Durch das von Samson Raphael Hirsch veröffentlichte Werk „Neunzehn Briefe über das Judentum" (herausgegeben von Ben Usiel), in dem der junge Landrabbiner zu Oldenburg gewandt und mannhaft für die Verbindlichkeit der Religionsgesetze eintrat, wurde Graetz, der sich damals von der rabbinischen Literatur abgestoßen fühlte, derselben wieder gewonnen. -) lieber den Lebensgang von Graetz ist außer den von Brunn, Geschichte des jüdisch-theologiscl)en Seminars (Fraenckelsche Stiftung) in Breslau. Festschrift zum 50jährigen Jubiläum der Anstalt (Breslau, 1914), S. 42, A. 4, erwähnten Schriften noch Jew. Enchcl. VI, 64 ff. s. v. „Graetz" (mit Bild) zu vergleichen. Ein erneuter Abdruck von D. Kaufmanns H. Graetz (von Brenn a. a. O. genannt) findet sich in seinen „Gesammelten Schriften" I. Bd. (Frankfurt a. M., 1908), S. 272 ff. Des von Dr. Josef Meisl anläßlich des 100. Geburtstages von Graetz verfaßten Werkes, das eine Würdigung seiner historischen Arbeiten und seines jüdisch-politischen Standpunktes enthält, sei ebenfalls hier gedacht. '•') Vgl. über ihn Heppner-Herzberg, „Aus Vergangenheit und Gegenwart der Juden und der jüdischen Gemeinden in den Posener Landen", H. Teil, S. 310 f. („Bojanowo") und Jew. Enchcl. III, 292 s. v. „Bojanowo". \\ 5 i! I! 1

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