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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-10-26 · Heft 43 (26.10.1917) · p. Seite 508

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 43 (26.10.1917)
Date
1917-10-26
Page
Seite 508 (sequence 4)
Language
German
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auf sie, die in dem betreffenden Staat jeder anderen bewußten, differenzierten unb organisierten Nationalität gemacht wird. 3. Für die Juden, die unter sich national leben und nichts als Juden sein wollen, Palästina, das heißt das Recht der ungehinderten lind unbeschränkten Einwanderung, Bodenerwerbung und Ansiedlung mit innerer Selbstverwaltung unter der Regierung, die in dem Lande die territorialen Hoheitsrechte ausüben wird. Dieses läßt sich darum ganz in das Kader unseres Programms einfügen. Wenn die jüdische Bewegung, die heute in verschiedenen Ländern im Gange ist, als ihre Forderung die Anerkennung der jüdischen Nationalität in den Ländern jüdischer Massensiedlung erheben wird, dann steht nichts im Wege, unsere Grundsätze ans die Juden zu erstrecken. Wenn das naturgemäß in Holland nicht der Fall sein wird, so kann ich mir wohl vorstellen, daß für die Juden dort, wo sie einen eigenen Organismus bilden, wie in Palästina, Polen oder Galizien, unser Programmpunkt von Bedeutung werden wird. * Unendlich betrübend ist es, daß, außer in Rumänien, wo Judenverfolgungen planmäßig betrieben werden, an nicht weniger als drei Orten Ausschreitungen gegen Juden stattgefunden haben. Wir stellen die Nachrichten über solche schmählichen Ereignisse, die doppelt schmählich sind, weil sie in den sogenannten Kulturländern oder unter dem Schutze der Mächte stattgesunden haben, welche sich als Schutzherren der Kultur ausgeben, hier zusammen. Sie lauten: Pogrom i w L o n d o n. Wie jüdische und englische Zeitungen berichten, fanden am 24. und 25. September, unmittelbar vor dem jüdischen Versöhnungsfest, pogromartige Ausschreitungen gegen die Juden im Londoner Cast- End statt. Viele Juden, meist russischer Herkunft, selbst jüdische Soldaten, wurden vom Pöbel, dem sich auch englische Soldaten angeschlossen hatten, mißhandelt; die Fensterscheiben vieler jüdischer Häuser wurden eingeschlagen, die jüdischen Passanten beschimpft und verprügelt. Nur mit Mühe gelang es der Polizei, schlimmere Ausschreitungen und Plünderungen zu verhindern. Bekanntlich hatten vor einigen Monaten auch in Leeds pogromartige antisemitische Exzesse stattgefunden. Schuld daran trägt die antisemitische Hetze gegen die russischen Juden in England, die die reaktionären englischen Zeitungen, vor allen die „Northclisfe- Presse", in letzter Zeit betrieben. Dieselben Zeitungen suchen auch jetzt die Exzesse in London zu rechtfertigen, indem sie behaupten, die Juden hätten die englischen Soldaten beschimpft und sogar auf sie geschossen, was aber die jüdischen Zeitungen in England als grobe Lüge erklären. Charakteristisch ist, daß bis jetzt nur ein einziger Pogromteilnehmer zur Bestrafung gezogen wurde, und zwar ein sechszehnjähriger Junge, der zu einer Geldstrafe von 40 Schilling verurteilt wurde. I u d e n f e i n d l i ch e Bewegung in Saloniki. Das Jüdische Korrespondenzbureau im Haag meldet aus Saloniki: Die Regierung in Athen scheint das Unglück, das die Hauptstadt Neugriechenlands heimgesucht hat, benutzen zu wollen, um die Juden daraus zu entfernen. Die Regierung legte einen Gesetzentwurf vor, wonach alle Immobilien, die Juden gehören, zwangsweise enteignet werden können. Die Vergütung soll dann in griechischen Schatzscheinen geleistet werden. Die gesamte liberale Presse und die öffentliche Meinung verurteilen diese Pläne als einen listigen Ueberfall gegen die spanisch-jüdische Bevölkerung, die Saloniki aus einer unbedeutenden Balkanstadt zu einem Weltmarkt ersten Ranges und einem wichtigen Hafen entwickelt habe. Judenverfolgungen in Tunis. Berlin, 16. Oktober. Ueber die Judenverfolgungen in Tunis sickern jetzt trotz der strengen französischen Zensur einzelne Nachrichten durch, aus denen der große Umfang der Exzesse mit Deutlichkeit zu ersehen ist. Ganz besonders umfangreiche Plünderungen und Verwüstungen werden aus der Stadt Tunis berichtet. Hier sind auch mehrere Morde vorgekommen. Verfolgungen ernstester Art werden aber auch aus der tunesischen Provinz gemeldet. So sind in Ssax, Sousse, Biversa und in anderen Städten Juden gemißhandelt worden, Läden geplündert, Waren auf die Straßen geworfen worden. Besonders wird in allen Berichten hervorgehoben, daß an den Exzessen sich in umfangreichster Weise französische Soldaten beteiligt haben. Die Erregung unter der nordafrikanischen jüdischen Bevölkerung ist begreiflicherweise außerordentlich groß. * Gegenüber solchen die Menschheit entehrenden Vorgängen ist es eine wahrhafte Erquickung zu sehen, wie unter den Juden echte Menschlichkeit nicht verstummt ja gerade im Kriege wächst und sich stärkt. Ein Zeugnis dafür bildet der Bericht des Rabbiners D r. B a e ck, den wir dem „Gemeindeblatt der jüdischen Gemeinde zu Berlin" entnehmen: Den 19. August 1917. In den letzten Wochen fielen im hiesigen Gebiete Kampfestage, die ihre Wunden geschlagen haben. So stellte denn der Dienst in den Lazaretten seine größere Anforderung, und mit ihr erwachte wieder manche Erinnerung an gleiche Wege, welche die vergangenen Jahre geführt hatten. In den ersten Monaten des Krieges war es die schmerzliche Mannigfaltigkeit der Bilder, die an diesen Stätten entgegentrat. Bald war es eine Dorfkirche, bald eine Schule, hier eine Fabrik und dort ein Theater, hier ein Bauernhaus, dort ein Zelt, oft eben erst eilig bereitgestellt, in denen Verwundete und Kranke gebettet waren. Jeder neue Tag, bisweilen Stunde um Stunde, gab Aerzten und Pflegern neue größere Pflichten auf; im engen Raum mußte immer wieder Platz geschaffen, mußten wieder andere Lager zu den alten, oft nur kümmerlichen, bereitet werden. Es war wie ein . steter Kampf zwischen der Weite des Bedürfniffes und der Bedrängtheit des Platzes, zwischen der Fülle der Forderung und der Begrenztheit des Könnens, ein seltsamer Kontrast auch oft zwischen dem, was die Umgebung bot, und was sie nun umschloß und gewähren sollte. Aber schon bald sind Ordnung und Bestimmtheit mit ihrem Plan und Maß dann dieser bewegten Mannigfaltigkeit Herr geworden. Wo nicht das rasche Vordringen eines Heeres es verlangt, daß ein Lazarett, um folgen zu können, häufiger den Ort wechselt, steht ein jedes auf seinem geräumigen Boden, in fast behaglichem Umkreis. Helle, klare Regelmäßigkeit, durch immer neue Erfahrungen bereichert, hat sich überall mit all ihrem Nüchternen, aber Nützlichen den Platz bereitet. Eines ist aber gleich geblieben; die besondere Art der Kameradschaftlichkeit, die in den Lazaretten wohnt. Vielleicht könnte es wundernehmen, daß sich dieses Verhältnis hier überhaupt in eigener Weise entwickelt. Schmerz und Krankheit pflegen doch selbstsüchtig zu machen; jeder Leidende ist doch geneigt, zuerst an sich zu denken. In den Krankenhäusern der Heimat wird es auch zumeist so sein: denn in ihnen lernt einer nach Tagen, die ihm ruhig dahingeflossen waren, nun *das Bangen um Gesundheit und Leben kennen, er fühlt sich von Zagen und Sorgen umgeben, er sieht sich an einem Platze, wo es sich um das Leben handelt. Hier draußen ist es anders, ist es beinahe umgekehrt. Der Gedanke an die Gefährdung des Daseins hatte vor dem Soldaten Tag um Tag mit ernstem Angesicht gestanden; hier im Lazarett fühlt er sich jetzt geborgen, fern von der steten Gefahr; hier hat er nur die Empfindung, behütet und beschützt, fast gerettet zu sein. Der Gedanke an die Wunde oder die Krankheit und ihre Gefahr tritt, besonders in den ersten Tagen, ganz zurück hinter diesen anderen wohltuenden Gedanken, daß er nun außerhalb der Linien des drohenden Verderbens, fern von der Stätte des Furchtbaren sei, daß er hier betreut und gepflegt werde. Schon der erste Schritt zur Heimat zurück scheint ihm getan zu sein, und er hat beinahe das Gefühl, welches daheim der Genesende hat, der geheilt in sein Haus zurückkehren darf, um dort Gesundheit und Kraft ganz wiederzusinden. Eine innige dankbare Zufriedenheit zieht in ihn ein, und unter ihr schwindet manches Harte und Kalte,, das im Herzen war, schwindet die alte Selbstsucht sowohl wie die neue, die den Leidenden leicht beherrschen kann. So beginnt eine gewisse weichere, stillere Kameradschaft, eine sanftere Hilfsbereitschaft, ein Wunsch, zur Rechten und Linken mitzusorgen, sich in jedem zu regen, schon in dem, welcher auf seinem Lager ruht und noch mehr in jedem, der bereits in seinem gestreiftere

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