Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 42 (19.10.1917)
- Date
- 1917-10-19
- Page
- Seite 503 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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wie ihrefrische Jugend ihn. entzückt und beglückt. Er erzählt selbstdaß der Plan Mch sein Lieb zu sichern"; - ohneden Schützengraben mit seinen Schrecknissen und der heißen Sehnsucht nach der Heimat, wohl gar nicht so schnell in ihm gereist wäre. Er hat sich den Zauber der Heimat, von dem unsere hungernden, frierenden, übermüdeten Krieger wohl alle träumen, nicht mehr ohne Paulas Zauber denken können; die lieblichen Bilder verflossen ineinander. Und da teilte er den Seinen seinen festen Entschluß mit, den sie ihm wohl auch in der Nachgiebigkeit, die die Angst um das Leben derer da draußen mit sich bringt, nicht allzuschwer-gemacht haben Mögen. (Fortsetzung folgt.) -Literarische Mitteilungen. — Die Emanzipation der O st j u d e n und ihr Einfluß auf die We stj u d e n. Von L a z. Fr i ed m a nn. Verleg Z. Kauffmann (Frankfurt). Die welterschütternden Vorgänge im Osten unseres Erdteils haben wohl in das Schicksal keiner der vielen dort wohnenden Völkerschaften tiefer eingegriffen als in das des jüdischen Volkes. Der größte Teil von allen Juden ist seit vielen Jahrhunderten dort ansässig. Vor dem Kriege seit Menschengedenken vom russischen Zarismus niedergetreten, sind sie während des Krieges am meisten den grausamen Härten der nie gesehenen gewaltigen Kämpfe ausgesetzt. Wie wird sich nach dem Kriege das Geschick der russischen Juden gestaltet? Werden sie auch tatsächlich ihre Gleichberechtigung erlangen oder wird eine der süßen Gewohnheit der Pogrome huldigende Plebs durch eine Reaktion und Gegenrevolution ihre Rechte wieder zu beschneiden suchen? Und wie wird es mit den Glaubensgenossen in den gegenwärtig besetzten Gebieten gehen? Werden die Polen, wenn sie die Macht erlangen, ihren alten raffinierten Antisemitismus plötzlich ablegen und die Juden als Freunde und Brüder behandeln? Und wie wird es in -Deutschland sein? Seitdem 4. August 1914 sollte es eigentlich keine Antisemiten mehr geben. Seit jenen Tagen, da der Kaiser das Bekenntnis aussprach, daß es für ihn keine Parteien, sondern nur noch Deutsche gäbe, als der Deutsche Reichstag sich in machtvoller Geschlossenheit für eins mit dem angegriffenen Vaterlande erklärte, als das deutsche Volk sich wie ein Mann um das Banner des Reiches scharte. Man sagte uns damals, daß dies fortdauern, daß dies tatsächlich Geschichte sein solle. Seitdem sind drei furchtbar schwere Kriegsjahre vergangen, in denen das ganze Volk, wir Juden miteinbegriffen, Opfer von einem Ausmaße gebracht hat, das vordem niemals jemand für möglich gehalten hätte, und wir stehen vor einem bitterschweren vierten Kriegswinter — aber die Antisemiten haben aus alledem keine Folgerungen gezogen. Ihr engherziger und kurzsichtiger Rassenstandpunkt, dessen Hohlheit und Nichtigkeit ja gerade dieser Weltkrieg gezeigt hat, würde die deutschen Juden auch jetzt gern wieder in die Gettos sperren. Irgendeine Vermutung über die Zukunft des jüdischen Volkes auszusprechen, erscheint heute verfrüht, da noch alles im Flusse ist und jeder Tag neue Umwälzungen und Umgruppierungen ans Licht bringt. Anders denkt Herr Lazarus Friedmann hierüber, der soeben bei Kauffmann in Frankfurt a. M. eine Schrift hat erscheinen lassen, in der diese Fragen ausführlich behandelt werden. Wahrhaft herzerfrischend wirkt es, wie dieser Herr alle diese Dinge in rosigstem Lichte erblickt. Für ihn sind die Juden im Osten, sowohl diesseits wie jenseits der russischen Front, bereits alle freie Staatsbürger, die sich in Nation, Religion, Geschäft und Industrie, Kunst und Wissenschaft auf das stärkste betätigen; auch den Juden in Deutschland wird es nach seiner Auffassung recht bald glänzend gehen und er macht sich nun daran, das Verhältnis zu untersuchen, das in diesen herrlichen Zeiten zwischen den Juden im Osten und denen im Westen sich herausbilden wird. Wie die Antisemiten gegen uns, so, meint der Verfasser, haben wir Westjuden viele Vorurteile gegen unsere Brüder im Osten; wir verwechselten häufig die oft nicht schöne Außenseite mit ihren hervorragenden inneren Eigenschaften, und er glaubt, eine Annäherung und Verbrüderung zwischen Ost und West wird den westlichen Glaubensgenossen vielleicht in demselben Maßstabe zunutze sein wie den östlichen. „Darum fort", so ruft der Verfasser pathetisch aus, „mit der Selbstüberhebung, der Abgeschlossenheit und Zugeknöpftheit, mit dem un¬ 503 - jüdischen Dünkel! Halte ein jeder das; Motze einigende und verbrüdernde Ziel des Judentums sich vor Augen und meide Zersplitterung! Reicht euch, die Hände und seid einig! Das Judentum wird dadurch gedeihen und keinen Untergang befürchten . müssen." Die in Deutschland eingewanderten russischen Juden teilt der Verfasser in drei Gruppen: studierende Jugend,. Handwerker und Händler, Kaufleute und Kultusbeamte. Rührend schildert Friedmann den Bildungshunger der russischen Studenten, denen, um die Wissenschaft zu schlürfen, kein Opfer und keine Entbehrung zu groß ist. In psychoanalitischer Vertiefung wird; dann das..Leben der Handwerker .und Händler beschrieben, die, herausgerissen aus ihrer östlichen Umgebung, in ihrem Gemüt und in ihrem Seelenleben vielfach verarmen. Hoch klingt das Lied der russisch-polnischen. Kaufmannschaft, die hier vielfach noch höher eingestellt wird wie ihre Zunftgenossen in Deutschland, da sie ihre freie Zeit zu gelehrten Studien verwenden und es oft in der jüdischen Wissenschaft bedeutend weiter bringen unc so mancher westliche Rabbiner. Der Einfluß der in Deutschland tätigen russisch-jüdischen Kultusbeamten mit ihrem tiefgründigen jüdischen Wissen wird in bezug auf ihre westlichen Brüder nicht minder hoch eingeschätzt. Die deutsche Judenheit soll also mehr wie seither das Wesen der Ostjuden kennenlernen. Erst so würde die westliche Judenheit ^ie hohen kulturellen Aufgaben, die von ihr gebieterisch gefordert werden, auch zu lösen imstande sein. An Stelle der Alliance israelite universelle muß eine deutsche Organisation treten. Eine hebräische Universität in Jerusalem soll das Werk krönen. — Ob eine allzu große Auswanderung nach dem Westen unsere staatlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse verbessert, mag dahingestellt sein, jedenfalls ist ein Sichbesserkennenlernen für beide von Vorteil. 0. L. — Paul Lindau: Nur Erinner u.n. gen. II. Band. Stuttgart, I. G. Cottasche Buchhandlung, 1917. Der zweite Band dieses Werkes ist unendlich viel amüsanter und belehrender als der erste. Es soll kein Vorwurf, für den verehrten Verfasser sein, der in ungemein fesselnder Weise zu plaudern versteht, daß alle die Abschnitte wichtiger sind, in denen mehr voll anderen die Rede ist als von dem Erzähler selbst. Die großen Vorzüge seiner lebendigen Schilderung, seiner tief eindringenden Charakteristik treten z. B. in den ganz vortrefflichen Porträts von Heinrich Laube, Franz v. Dingelstedt, Adolf Wilbrandt, in dem Prachtabschnitt über Wien, ans dem besonders Johannes Strauß und Johannes Brahms hervorzuheben sind, in der Schilderung des Münchener Kreises, vor allem. Franz v. Lenbachs, zutage; auch die kleineren Abschnitte über Wilhelm Busch und Fritz Reuter sind anziehend, ohne daß ihnen eine ähnliche Bedeutung zuzusprechen ist wie den vorher angeführten. Theatergeschichtlich ungemein wichtig ist der Abschnitt über das Meininger Theaterkulturgeschichtlich höchst interessant sind die den Berliner Schriftstellern und Theaterleuten gewidmeten Abhandlungen. Was uns veranlaßt, an dieser Stelle von diesem Buche zu reden, sind vor allem, die Partien, in denen von Juden gesprochen wird. Unter diesen ist vor allem das recht ausführliche literarische Porträt Julius Stettenheims anzuführen, der in seiner Unverwü'stilichkeit, in seinen Erfolgen und in seinem heiteren Wesen vortrefflich dargestellt wird, ferner die höchst liebevoll gezeichneten Bilder von Rudolf Löwenstein .und David Kalisch in Berlin, von Daniel Spitzer in Wien. Lindau will keine Literaturgeschichte schreiben, sondern beschränkt sich gemäß dem Titel seines Buches aus das^ was er erlebt hat, aber die Abschnitte über die Genannten führen mehrere jüdische Schriftsteller vor ohne jede Voreingenommenheit, vielmehr mit liebevoller Teilnahme und Herzlichkeit des. von ihnen Geleisteten. Schon aus diesem Grunde verdient das ungemeinanziehende, an neuen Ausschlüssen reiche Buch hier eine Erwähnung und eine warme Empfehlung. L. G. Georg H e r m ann: Nachbar Ameise. Spiel in drei Akten. Berlin, Egon Fleische» n. Co. 1917. Georg Hermann, einer der bedeutendsten deutschen Schriftsteller jüdischen Glaubens verdient. es>, daß man sein literarisches Wirken verfolgt.. Darum mag sein neuestes „Spiel" kurz angezeigt sein,, da man es ans einer Berliner Bühne schwerlich wird zu sehen bekommen infolge des Vorkommens Friedrichs des Großen, dessen Erscheinen aus. der Bühne, wie man ja weiß, nach einer noch immer geltenden Bestimmung nicht geduldet wird. „Nachbar Ameise" nämlich ist Lord Keith, Erbmarschall von Schottland, der in Potsdam im