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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-10-19 · Heft 42 (19.10.1917) · p. Seite 502

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 42 (19.10.1917)
Date
1917-10-19
Page
Seite 502 (sequence 10)
Language
German
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502 Da vergesse ich einmal alles Selbstische und weiß selbst nicht, wie ich auf die Straße, wie ich in die nächste Droschke gekommen bin. „Gute Nachrichten." Ja, ja, das sieht Tante Phine ähnlich, damit man nur gleich die Freude und nicht erst den Schreck hat. Die gute Nachricht kann ja nichts anderes sein, als die eine. Dr. Salomons sind nach Tantes Beschreibung nicht so unüberlegt liebenswürdige Leute, ein junges Mädchen, das noch dazu gar nicht ihrem Kreis angehört — soweit man ihre hochmütige Einsamkeit Kreis nennen kann —, einzuladen. Und als ich Tante sehe, da habe ich die Bestätigung. Rosa steht an sie angekuschelt, ihr Gesichtchen sieht ganz verheult aus vor Rührung und als ich komme, tritt sie bescheiden von der Großmama weg und läßt ihr den Vorrang. „Masseltow!" sagt die feierlich und drückt mich an sich. Jetzt erst fällt mir auf, wie ähnlich ihr die Löbmädchen sehen. Sie muß einmal ebenso reizend gewesen sein, dieselben leuchtend schwarzen seelenvollcn Judenaugen gehabt haben. Es ist ein Glanz darin wie bei den Mädchen. „Masseltow! Und du sollst bald ebensogut Nachfolgen!" Es verletzt mich nicht; die Weihe einer Freude, wie ich sie hier schauen darf, umfängt mich und läßt nichts Kleinliches, nichts Persönliches aufkoiNMeN. Und dann erzählt sie, wie sie die Nachricht bekommen hat. Sie wird es noch hundertmal beschreiben, es wird eins der Merksteine ihres Lebens bleiben: „Auf einmal ruft Rosa: Großmama, ne Depesche aus Roschmin." Ich denk, Paula hat doch geschrieben, se is gut angekommen, was kann da sein? Und e bißchen erschreck ich doch. Ich sag: nu les schon, auf einmal fällt se mer um den Hals, dann tanzt se wie toll in de Stube rum — du weißt doch, wie se's macht, un schreit nur immer: „Großmama, das Glück! Großmama, das Glück. Ich Hab' es gleich gesagt, ich Hab' es gleich gesagt. Ich bin de Allerklügste." Na, was soll ich dr viel erzählen, ich muß mer wirklich ve Brille suchen. Ich hatte sie doch kaum gehabt, ich hatte doch eben erst 's Fleisch abgewogen. Das wußt ich doch ganz genau — Der Heymann is doch e großer Gannef. Von dreimal fehlt sicher zweimal e Lot ans Pfund, aber — wie's mir nu geht, leider bin ich doch so zerstreut." „Und endlich fandest du sie doch und lasest diese Jubelnachricht", falle ich lachend ein und nehme die Depesche, die auf dem Tisch liegt, hoch. „Paula Löb Martin Bär Verlobte. Herzlichen Glückwunsch Salomons." Rosa tritt hinter mich und liest gedankenvoll die Depesche noch einmal laut mit. Da sehe ich, wie sich Tantes Rücken — sie sitzt in ihrer Sofaecke — leicht streckt. „Bankdirektor und Doktor haben sie gar nicht mit darauf geschrieben", meint Rosa. „Zu was"? sagt Tante stolz. „Se sins doch, wenn's auch nicht drauf steht, 's kost doch jedes Wort beis Depeschieren. Ja. und mein Tochter, wenn du so gut sein willst", sie wendet sich zu mir, „und willst 'ne Depesche aufsetzen. Rosa wollte schon durchaus zur Post, aber ich möcht doch, du machtest'?, 's muß doch dort hinpassen, 's kommt gar nicht auf e Wort an." Wie hoch muß Tante das Glück schätzen, daß sie zu dieser großzügigen Auffasiung kam. Während ich schreibe, hat sie die zitternden Hände zusammengelegt. Jetzt sagt sie leise, eine unnennbare Inbrunst spricht aus ihrem Worte: „Ich möchte doch nu' morgen so gern in Schul gehen." Da senke ich den Kopf tief und schuldbewußt auf das Papier. Ich wage nicht, ihr von dem alten Hut zu reden, in dem man doch auch in die Synagoge gehen könne. Das wären Redensarten. Der Gott, der einem einen Bankdirektor ins Haus schickt, den beleidigt man nicht durch einen abgetragenen Hut. . Die Depesche ist Tante nicht schwungvollnicht vielsagend genug, auch tut es ihr recht weh, daß ich, die ich natürlich gleich mit gratuliere, nur mit Gertrud Rehseld unterzeichnen. Hann. Aber der väterliche Geheimratstitel ist doch nun mal nicht erblich. Als ich die Depesche zur Post trage — zum großen Leidwesen von Rosa, der sie die Großmama nicht anvertrauen will, „nee, nee, se verliert se" oder „nee, nee, se trifft e Bekannten un vergißt alles" — begegnet mir Günther Westphal. Da fällt das neue Erlebnis, das mich ganz gefangen genommen hat, von mir ab und ich habe nur den einen Gedanken: wie sage ich es ihm! Tante Phine, gründlicher hätte deine kleine Enkelin ihre Mission auch nicht vergessen können als ich jetzt. Ich wurde erst wieder daran erinnert, als Günther mir freudig überrascht, entgegenruft: „Ja. Tante Trude, was machen Sie denn hier um diese Zeit?" Da sage ich es ihm, stockend, verlegen und in schwerer Bedrängnis. Sein harmlos heiterer Ton weckt mich. jäh. „Die kleine Löb? Wahrhaftig? Das freut mich aber ehrlich. Der gönne ich es von Herzen, das ist ein prächtiges Mädchen." Ich atme tief und hebe endlich meine Blicke- Ist es denn möglich? Habe ich mich denn in eine Welt verirrt, die ich nicht verstehe? Bin ich allein aus uralter Zeit zurückgeblieben, da die Menschen andere Wesen waren als die heutigen? Paula erzählt mir unter Tränen und Händeringen, daß sie „eine unglückliche Liebe zu Dr. Westphal habe" und verlobt sich, als sich ihr die erste gute Partie bietet. Günther hält fast um sie an, und jhre Verlobung „freut ihn aber ehrlich." Seine Mene läßt gar keinen Zweifel an der Aufrichtigkeit seiner Worte. „Sie ist schon so ein vernünftiges Ding", lobt er weiter, „so gesunde Ansichten hat sie, trotz ihrer Jugend. Was meinen Sie, Tante Trude, wie die für Sie schwärmt." Wieder der weiche zärtliche Ton, der seine Stimme so melodisch, so zu -Herzen gehend, macht. Günther, was ist denn das nur? Du bist so einfach im Denken und Fühlen und so kindlich Kar und so aufrichtig, und ich zerbreche mir den Kopf an dem schweren Exempel deines Wesens. Manchmal ist es mir doch als ob — Unsinn, du bist sechsundzwanzig, ich fast einundvierzig! „Frauenwürde! Sebstbeherrschung!" Sich nur nicht lächerlich machen durch märchenhafte Einbildungen. Hier ist eine alte ledige Wäscherin, bei der ein besserer Herr zur Miete wohnte. Die bat allen Leuten erzählt, er werde sie bestimmt heiraten. Der arme Herr mußte ausziehen um ihr dummes Geschwätz. Aber sie erzählt weiter ihre Glücksträume. Nun ist sie längst zum Straßenspott geworden und die Kinder ziehen lärmend und lachend hinter ihr her: „Dorchen, der Herr Amtmann hat schon das seidene Brautkleid für dich bestellt." „Dorchen, er hat mir erzählt, er kauft dir einen großen Federhut", und sie schaut sich selig grinsend um und sagt: „ja, hat e das gesagt?" Und Johlen und neues grausam Erfundenes antworten ihr. Wenn ich die Alte inmitten der jauchzenden Kinder sehe, dann schießen mir die Tränen hoch und ich flüchte in mein Zimmer, als wolle man mich verfolgen und verspotten. Schützen kann ich sie nicht. Schützen kann sich nur jeder selbst, und dazu fehles ihr leider an Verstand. * Zwei Menschen hat der grausame Krieg, der so unsagbar viel Elend in die Welt gebracht, restlos glücklich gemacht: Das sind Paula und Martin. Zwei Tage war er nur im ganzen hier, aber wir haben ihn alle liebgewonnen, so herzlich natürlich ist sein Wesen. Gerade, als seien wir schon immer mit ihm verwandt gewesen. Ich habe mich auch gleich mit ihm geduzt. Er ist wohl fünfzehn Jahre älter als Paula und man kann förmlich sehen.

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