Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 42 (19.10.1917)
- Date
- 1917-10-19
- Page
- Seite 500 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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500 erkannt, daß das uns vorliegende Werk dieses Namens nicht einheitlich ist, sondern aus zwei nicht zusammengehörigen Teilen besteht. Der Midrasch zum vierten Buch Moses und zum fünften bis zum Abschnitt n*n, etwa bis Kap. 11, gehört der Schule R. I s m a e l s an, während die Fortsetzung sich als ein Midrasch aus der Schule R. Akibas kundgibt. In markanten Strichen führt der Herausgeber in der Einleitung (S. VI ff.) die Merkmale an, die deutlich die Zugehörigkeit des Siphre Numeri zur Schule R. Ismaels beweisen. Die ganze Methode der Auslegung folgt der Anschauung dieses Meisters, der aus die Ausdeutung sprachlicher Besonderheiten wie Pleonasmen oder eigentümliche Wortverbindungen oder gar Partikeln keinen Wert legt, da er in ihnen nichts Auffälliges erblickt, sondern lediglich Eigentümlichkeiten des Sprachgebrauchs findet. Auch die Terminologie ist durchaus die dieser Schule. Dazu kommt verstärkend die Tatsache, daß die im Talmud zitierten Schriftauslegungen R. Ismaels zu 4. Moses sich im Siphre nahezu vollständig wiedersinden, sowie die vielen Parallelen zur Mechilta, die den Namen R. Ismaels trägt. Damit ist nicht gesagt, daß wir im Siphre den originalen Midrasch des R. Jsmaell) besitzen, vielmehr hat der Sammler oder Redaktor manches von anderwärts ausgenommen, insbesondere, wie sich Nachweisen läßt (S. XI), Agadas des R. Simon ben Jochai. Ganz anderen Charakter trägt der Siphre zuta* 3) (XX). Von seiner Methode und seiner Terminologie, von seiner Anwendung der Regeln der Schriftauslegung läßt sich das gerade Gegenteil aussagen; er trägt deutlich die Zeichen der Zugehörigkeit zur Schule R. A k i b a s an der Stirn. Auch dieser Midrasch hat jedoch seine Eigentümlichkeiten, die ihm ein spezifisches Gepräge verleihen. Er hat seine eigene Terminologie, er wird im Talmud nur äußerst selten und fast nie wörtlich zitiert, wie er selbst wiederum einen Mischnatext ansührt, der nicht der rezipierte ist. Ein Teil dieser Eigentümlichkeiten erklärt sich daraus, daß dieser Midrasch aus der Schule R. Elieser ben Jakobs hervorging und von ihr seine Besonderheit erhielt. Die fremdartigen Mischnazitate wiederum scheinen auf die verlorene Mischnasammlung des Babyloniers R. Nathan hinzuweisen. Der Tert des Siphre zuta (S. 227 bis 336) hat sich nicht vollständig erhalten, wir besitzen nur Fragmente desselben in den Exzerpten des Jalkut, des Midrasch rabba, des aus Pemen nach Europa gebrachten Midrasch Haggadol und in den Zitaten einzelner mittelalterlicher Autoren. Aus diesen Ausführungen hat ihn der Herausgeber schon früher zusammengestellt (Breslau 1910), er gesteht jedoch, daß über die Echtheit mancher Stellen aus dem Midrasch Haggadol gestritten werden kann, so daß in dem vorliegenden Text wahrscheinlich manches ausgenommen ist, was nicht hinzugehört, während vieles in demselben fehlen dürfte, was ursprünglich im Siphre zuta enthalten war (XX). Dem Text des Siphre (S. 1 bis 223) ist die erste Ausgabe, Venedig 1545, zugrunde gelegt. Zur Verbesserung des Tertes sind eine Londoner und eine vatikanische Handschrift sowie zwei handschriftliche mittelalterliche Werke mit umfangreichen Exzerpten und die zahlreichen Zitate in der Literatur herangezogen. Nur ungern vermissen wir eine genaue Beschreibung der Handschriften und eine Auskunft darüber, ob die benutzten die einzigen erhaltenen sind. Auch darüber, wie weit der Herausgeber — gegen seinen Willen (S. XIV) — den Text rezensiert hat, würden wir gern mehr erfahren. Welch ungeheure Arbeit und Gelehrsamkeit sich in dem tertkritischen Apparat und dem aufs knappste bemessenen und I S. XI Zeile 5 steht R. Akibcr, wo es R. Jsmael heißen muß. 3) Es ist nicht zu verstehen, weshalb der Herausgeber stets zutta schreibt, nicht zuta, wie er in Jew. Enzycl. Xl, 333 tut. doch so inhaltreichen Kommentar verbirgt, das kann hier nicht ausgeführt und nur durch Benutzung des Werkes ermessen werden. Die notwendigen Register und die zusammenhängende Einleitung zu den halachischen Midraschim, die mancher vermissen wird, werden wir von dem Herausgeber nach Fertigstellung der anderen Teile dieser Abteilung, die ebenfalls von ihm bearbeitet werden, erhalten. Der erste Band des groß angelegten Werkes stellt sich in einer seiner Bedeutung würdigen Weise dar. Wir begrüßen ihn mit Dank gegen die Gesellschaft und gegen den Herausgeber sowie mit dem Wunsche, daß ihm die Fortsetzungen recht bald folgen mögen. „Debora." ~~ Von Dr. M. Spanier (Berlin). uf das kleine Buch des Hamburger Seminarlehrers Aug. KrohnJ wurde ich aufmerksam gemacht durch die etwas spitzige Bemerkung des Herausgebers einer pädagogischen Zeitschrift, der mit verhaltenem Bedauern feststelltc, daß hier mit sehr viel Liebe ein Stück — jüdischer Geschichte behandelt sei. Nachdem ich die Schrift kennengelernt habe, muß ich dem Kritiker — wenn auch mit anderen Empfindungen — recht geben. Sie zeugt wirklich von liebevoller Versenkung in die Anfänge jüdischer Volksgeschichte. Das Büchlein bietet aber des Erquicklichen noch mehr. Man sicht unmittelbar in die Werkstatt eines begnadeten Lehrers. Man spürt die anregende-Frische einer Persönlichkeit, die die jugendlichen Geister zu freudiger Mitarbeit heranlockt. Bei solcher Saat kann man auf gute Ernten hoffen. Geschichte wird hier gelehrt, indem das Tatsachenmaterial so beleuchtet wird, daß sich wertvolle Erkenntuisse für die lebendige Gegenwart daraus wie von selbst ergeben. Wenn es nützlich erscheint, wird aus llug ausgewähltein und beschränktem Quellenmaterial durch gedankliche Selbsttätigkeit des Schülers das Bild des interessanten Neuen oder doch das Gefühl für die fremdartige Färbung der Zeitverhältnisse gewonnen. Aber dem Schüler wird nicht „wissenschaftliches" Arbeiten vorgetäuscht, „das ist heiliger Boden, auf dem selbst Schüler höherer Schulen ihre Schuhe ausziehen sollten. Freuen wir uns des jetzt vollauf geweckten Interesses, das in dem Labyrinth der kleinen und kleinsten Fragen der Kritik und Vergleichung unrettbar zugrunde gehen würde. Sv kann der Lehrer immer auf dankbare Hörer rechnen, wenn er nun zur Schilderung übergeht und ein Gemälde dessen entrollt, was hier einst in grauer Vorzeit und doch geschichtlich so oft sich wiederholend vor sich gegangen ist. Sich dieses Bild mit Hilfe der Forschung zu erarbeiten, das ist seine Sache. Er mutz hier, wie immer, mehr wissen und Gründlicheres, als seine Schüler nötig haben." Alles Tatsächliche wird in den großen Zusammenhang gestellt. Der Blick für das Typische in der geschichtlichen Entwicklung wird in ungezwungener Weise geweckt. Die Israeliten verlassen das furchtbare Kades. Warum? Das Land wird zu eng. Auf der Suche nach Weide und Wasser dringen die einzelnen Stämme vor. Erst ins Ostjordanland, dann über den Jordan -- die Kinder erinnern sich aus der Geschichtsstunde der Gründe für das Hinüberfluten der Germanen über den Rhein. Immer bieten sich Anknüpfungen und Vergleiche mit der Gegenwart. Man unterscheidet das Tatsächliche — von dem Bericht über die Tatsachen, und man spürt den Geist, in dein berichtet wird. Hier mündet nun das Geschichtliche ins Religiöse. Der Lehrer liest aus dem Buche Josua selbst vor. „Sind es doch g Bausteine für den Religionsunterricht. I. Reihe, 5. Heft. „Debora", von Aug. E. Krohn. Göttingen, Vandenhoek u. Ruprecht. 1916.