Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 42 (19.10.1917)
- Date
- 1917-10-19
- Page
- Seite 499 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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499 Lauterkeit seines Seins, durch die Superiorität seines ganzen Wesens. Wer ihn gesehen hat, mit Würde seines Amtes waltend in großen Versammlungen, die Ruhe wahrend selbst bei lebhaften Stürmen, die Vermittlung vorschlagend, die Einigkeit Predigend bei-auseinandergehenden Meinungen, die Lösung erreichend selbst bei unentwirrbar scheinenden Knäueln, der hatte die Empfindung, daß dieser Mann berufen war, als ein ungekrönter König der deutschen Judenheit zu walten und die Schar, die sich ihm anvertraut hatte und willig unterordnete, durch die Wirren der Gegenwart zu geleiten und in den sicheren Port zu führen. Von dem Lebensgang des Allverehrten ist in Nr. 22 dieser Leitung (Jahrgang 1910) die Rede gewesen; dort ist auch sein Bild zu finden. Es wird sich Gelegenheit bieten, auch später noch manches nachzutragen, was über Maximilian Horwitz zu sagen ist. Heute, unter dem mächtigen Eindruck der erschütternden Nachricht von seinem Hinscheiden, soll nur der Schmerz zum Ausdruck kommen über den Verlust, der die Gesamtheit betroffen hat. Er hat des Lebens Leid ausgekostet. Blühende Kinder gingen ihm im Tode voran. Des Vaterlandes Leid und Sorgen ertrug er mit blutendem Herzen; es war ihm nicht vergönnt, seinen Triumph zu erleben. Wir trauern an der Bahre eines Vortrefflichen. Und doch soll der Schmerz um den Hingang eines ausgezeichneten Mannes uns nicht niederbeugen und nicht die Frage uns bedrücken: Wer soll ihn ersetzen? Die Not schmiedet Männer und wenn das Alter dahingeht, die Jugend wird Ersatz stellen. Aber freuen wollen wir uns, daß wir einen solchen Mann besaßen, lauter im Denken, fest und unerschütterlich im Tun, Jude durch Glaube und Ueberzeugung, deutsch durch seine Sprache und Kultur, durch seine Gesinnung und Hoffnung. Und wie in ihm kein Gegensatz Raum finden konnte zwischen Deutschtum und Judentum, so wollen wir geloben, auszuharren und fest zu bleiben, heilig zu halten religiöse Ueberzeugung unv Anhänglichkeit an den väterlichen Glauben, zu kämpfen, zu leiden und zu siegen für unser großes, herrliches deutsches Vaterland. I- 6. Lin Monumrntalwrrk. Angezeigt von I. E l b o g c n. 3n allzu kühnem Schwünge der Gedanken und Wünsche hat die „Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums" unmittelbar nach ihre? Gründung sich an eine Reche monumentaler Werke gewagt, deren Ausführung die verfügbaren Mittel und Kräfte bei weitem überstieg. 'Aber in großen Dingen bedeutet ja schon das Wollen unendlich viel, und wo ein ernster Wille ist, da findet sich auch ein Weg. Ein großer Notstand in der jüdischen Literatur liegt in der schlechten Ueberlieferung der Quellen. Textausgaben, die den Anforderungen wissenschaftlicher Kritik standhalten, besitzen wir so gut wie gar nicht. Die so oft mit Stolz betonte Tatsache, daß die jüdische Literatur nicht Eigentum einer Gelehrtenzunft geblieben, sondern Volksliteratur im besten Sinne geworden ist, hat den Nächtest herbeigeführt, daß die Texte nicht mit derjenigen Sorgfalt gehütet wurden, wie es die Wissenschaft fordern muß. Die Drucker der ersten Ausgaben benutzten in der Regel die Handschriften, die ihnen zufällig zur Verfügung standen und sich nicht immer durch Korrektheit auszeichneten. Von den Herausgebern gilt vielfach dasselbe. Textkritik wurde wohl von einzelnen Gelehrten gelegentlich berücksichtigt, aber in den seltensten Fällen planvoll betrieben. Auch die moderne Wissenschaft des Judentums hat die ihr zugänglichen besseren Hilfsmittel und Mechoden nicht ausgenutzt. Diesem Uebelstande soll das von der Gesellschaft geplante 'Monumentalwerk Corpus Tannaiticum abhelfen, dem die Aufgabe gestellt ist, die ältesten Quellen der UeberlieferungSliteratur, die tannäischen Texte, in wissenschaftlich zureichenden Ausgaben gesammelt herauszügeben. Die M i s ch n a und ihr Parallelwerk, die T o s e f t a, sowie die alten halachischen Midraschim sollen, zu einem Korpus vereinigt, eine ihrer Bedeutung und ihrer Stellung innerhalb des jüdischen Schrifttums entsprechende Veröffentlichung erhalten. Nach langen Vorbereitungen, die durch den Weltkrieg eine unwillkommene Störung erfahren haben, ist nunmehr der erste Band dieses Korpus erschienen, der den Siphre und den Siphre zuta, die beiden halachischen Auslegungen zum 4. Buch Moses, enthülst). Die Bearbeitung lag in den denkbar besten Händen. Dozent Dr. H. S. Horovitz vom Jüdisch-Theologischen Seminar in Breslau, einer der wenigen hervorragenden Talmudgelehrten unserer Zeit, hat den Text mit Varianten und Anmerkungen versehen und in der Einleitung über die bearbeiteten Werke sowie über die Art seiner Edition Auskunft gegeben, — alles in einer so Prägnanten Kürze, daß sich auch in dieser Beschränkung der Meister verrät. Der Midrasch stellt die älteste Form der sogenannten „mündlichen Lehre" dar, er ist, wie sein Name sagt, Auslegung, er schließt sich dem Wortlaut der Thora an und deutet sie, um aus ihr neue Lehren zu entnehmen. Da die Schulen sich hauptsächlich mit den gesetzlichen Partien beschäftigten oder wenigstens die Sammler der uns erhaltenen Midraschwerke vorzugsweise die für das gesetzliche Leben maßgebenden Stücke berücksichtigten, nennen wir sie halachische Midraschim. Sie enthalten gewissermaßen das Rohmaterial für die späterhin in der Mischna zu abstrakten Sätzen umgewandelten und nach Art eines Gesetzbuches systematisch geordneten Lehren. Dem Midrasch wurde in den Lehrhäusern die eifrigste Pflege gewidmet, feste Methoden wurden für ihn ausgebildet. Berühmt wurden die beiden exegetischen Schulen des R. Akiba und R. Jsmael (100—135), deren jede die Auslegung des zweiten bis fünften Buch Moses — das erste blieb unberücksichtigt, weil es säst gar keine Halacha enthielt — mit Eifer betrieb. Beide Schulen hatten ihre Methode bis in alle Einzelheiten entwickelt, eine jede hatte sich besondere Deutnngsregeln, besondere Grundsätze, eine besondere Terminologie geschaffen, an deren Anwendung man die Zugehörigkeit eines Midrasch zu der einen oder anderen Schule sofort erkennen kann. Die beiden großen Midraschwerke dieser Schulen sind als Ganzes verloren, nur Bruchstücke von ihnen sind, in jüngerer Bearbeitung, auf uns gekommen; sie liegen zum Teil in den bekannten halachischen Midraschim vor, müssen zum Teil aus Sammelwerken rekonstruiert werden. Zur ersten Gruppe gehört Siphre, zur letzteren Siphre zuta. Der Name Siphre hat seine Geschichte. Im Talmud bezeichnet er den Midrasch zum zweiten, vierten und fünften Buch Moses im Gegensatz zu „Siphra", dem Midrasch zum dritten Buche. Späterhin löste man den Midrasch zum zweiten Buche unter dem Namen „Mechstta" ab und nannte Siphre die Auslegung zum vierten und fünften Buche. Seitdem es eine wissenschaftliche Durchforschung dieser Literatur gibt, ist >1 Corpus Tannaiticum. Sectio Tertia: Continens Veterum Doctorum ad Pentateuchum Interpretationes Halachicas. Pars Teiiia: Siphre D’Be Rab. Fasciculus primus: Siphre ad Numeros adjecto Siphre zutta. Cum variis lectionibus et adnotationibus edidit. H. S. Horovilz. nO“lPD D'dUstN 'VPD pW :nrwin rvona an w“r nfeo wbir rhrt .v'rttnn ’w-na fn-ipni Pn«Dl3 ’Bwn dp kdit nsoi -niso “isd Sp nsc priiORn 7>1«V D"N fIKÖ Leipzig, Fock. 1917. XXL 336 S. 8°,