Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 42 (19.10.1917)
- Date
- 1917-10-19
- Page
- Seite 498 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3229286-3229328--73488-3285973- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
498 Bezeichnung 1 Orthodoxe 2; Fortschrittliche, Amt der Reb- Ihre reli¬ Die religiöse Leibes erblich in giösen Ober-- tung wird durch fort¬ Familien. Ein- Häupter sind schrittliche (oft in fluß weit über die orthodoxen Deutschland ausgedas Religiöse hinaus. Leidenschaftlicher Kampf um Rabbiner. vildete) Rabbiner versorgt, deren Einfluß aber kaum über e Leitung den Einfluß auf die bis. zum Fanatismus ergebenen Anhänger. Die Einflußreichsten sitzen in Güra -Kalwarja, Sochaczew. Alexandrow, Kozienice u. a. j j i das religiöse Gebiet hinausreicht. G Daran schließen wir eine nicht sehr erfreuliche Mitteilung aus O e st e r r e i ch. Dort hat der Minister für Landesverteidigung eine Interpellation folgendermaßen beantwortet: Airs die Interpellation der Abgeordneten Witos, Dylo, Bomba, Myjak und Geiwssen, betreffend die bevorzugte Stellung der Juden imb ihre Verwendung, beehre ich mich mitzuteilen, daß der Militärverwaltung von einer auf rechtlicher Grundlage beruhenden oder gar zugestandenen bevorzugten Stellung der Juden in der Armee nichts bekannt ist. Die gesetzmäßigen Bestimmungen, bezüglich Erfüllung der Wehrpflicht werden — dein Prinzipe der allgemeinen Wehrpflicht entsprechend — gegenüber jedem Staatsbürger ohne Rücksicht auf seine Nation oder Religion in jeder Beziehrrng objektiv und gleich gehandhabt, Ausnahmen in keiner Richtung gemacht und auch unter keiner Bedingung geduldet. Daß Frontentziehungen, erschwindelte Enthebungen und Militärbesreiungen da und dort leider Vorkommen, kann nicht geleugnet werden. Mit rücksichtsloser Strenge geht aber die Militärverwaltung jedem einzelnen ihr zur Kenntnis gebrachten Falle nach und führt die Schuldigen der gerechten Strafe zu. Periodisch wied-erkehrende gründliche lleberprüfnngen des Tanglichkeitsgrades aller außerhalb der Kampffront stehenden frontdienstuntauglichen Manusck-asten führen übrigens einen jeden tauglich Befundenen wieder der Front zu, so daß heute m Verwendungen außerhalb der Front bis auf wenige auf ihrem Posten Unentbehrliche nur frontdienstuntaugliche Personen stehen Die Ursache, daß nur ein relativ geringer Prozentsatz namentlich der galizifchen Juden im Schützengraben zu finden ist, dürste hauptsächlich auf den geringen Tanglichkeitsgrad dieser Leute zurückzuführen sein, was dlrrch die Friedensassentergebnisse auch bestätigt erscheint. Gewiß sind die galizifchen Juden im allgemeinen keine Riesen und gar manche von ihnen mögen sich nicht in die Schützengräben drängen'. Aber der Grund ihrer körperlichen Minderwertigkeit und vielleicht auch ihrer moralischen Untauglichkeit liegt nicht in ihrem Glauben, sondern in der Dürftigkeit, in der Zurückgebliebenheit, in der sie bisher schmachteten. Gebt ihnen Licht, die Sonne wird sie stärken; gewährt ihnen Freiheit, sie werden sich frei entfalten; gönnt ihnen in Wahrheit ein Vaterland, sie werden ihm nicht mehr gezwungen dienen, sondern freudig und begeistert wie für 'die wahre Mutter kämpfem, leiden, siegen. * Aeußerst traurig ist folgende Nachricht: Judenverfolgungen in Rumänien. Stockholm, 14. Oktober. Das jüdische Pressebureau meldet aus Petersburg, daß die russischen Zeitungen zahlreiche Dokunnnte nnb Berichte von Augenzeugen über grausame Judenverfolgungen in Rumänien bringen. Alle Proteste russischer Organisationen an die rumänischen Machthaber haben bisher nichts geholfen. . Man wirst der rumänischen Regierung vor, sie habe einen systematischen Vernichtungskrieg gegen die jüdische Bevölkerung geduldet, ja selbst organisiert. So seien vom Feldgericht in Baku allein 34 jüdische Soldaten, darunter.sieben aktive jüdische Sozialdemokraten, gehängt worden. An mehreren Orten sei es zu regelrechten Judenpogroms gekommen. Außerdem verhindert man die Aufnahme verwundeter jüdischer Soldaten in öffentliche Spitäler und den Verkauf von Nahrungsmitteln an die jüdische Bevölkerung. Der Gebrauch der jüdischen Sprache sei überall strengstens verboten. Zum Schluß teilt das jüdische Pressebureau den Wortlaut eines Protestes gegen diese Vorgänge mit, den eine Versamlung von Offizieren und Soldaten des militärisch-republikanischen Verbandes in ‘ Kiew angenommen hat. Und für ein derartiges Land, das bei eigenen schweren Nöten schamlos genug ist, finsterster Barbarei sich, hinzugeben, wagen es die sogenannten freiheitlichen Mächte des Westens einzutreten. * Der jüdische K o n greß in R u ß l a u d. Stvckhol nt, 7. Oktober. (Meldung des Svenska Telegrambhran.) Das neugebildete jüdische Pressebureau in Stockholm meldet: Die Vorbereitungen zum jüdischen Kongreß in Rußland haben begonnen. Der Kongreß versammelt sich in Petersburg einen oder zwei Monate nach Eröffnung der verfassunggebenden Versammlung und hat den Zweck, die jüdischen Forderungen andie Konstituante Rußlands, an den Friedenskongreß und an die Mächte zu formulieren. Die Wahlen finden Mitte Dezember statt. Alle Juden beiderlei Geschlechts sind wahlberechtigt. Das Kongreßprogramm umfaßt die Ausarbeitung des Grundsatzes des nationalen Selbstbestintmungsrechts der Juden Rußlands. Bestimmung der Fornt der Rechtsgarantien .für nationale jüdische Minderheiten, Festsetzung der Uebergangsformen der Gemeindeorganisation der russischen Judenheit und Sicherstellung der bürgerlichen und nationalen Rechte der Juden. * Das „Gemeindeblatt der Jüdischen Gemeinde zu Berlin" (Oktober) bringt wiederum Berichte des Herrn Rabbiner Dr. Baeck. Wir können aus Raummangel in btefer Nummer nicht darauf eingehen, wollen daher einstweilen nur auf diese Mitteilung verweisen. | WgLimilmn horwitz. | ach schwerem Leiden ist Justizrat Maximilian Horwitz am 18. Oktober entschlafen. Mit ihm scheidet eine der markantesten Persönlichkeiten aus dem Berliner Leben, eine der vornehmsten Erscheinungen der deutschen Judenheit. Bornehm — das ist das Wort, das sich dem Beurteiler aufdrängt, wenn man des herrlichen Mannes gedenkt. Vornehm in seiner äußeren Erscheinung, vornehm im gesellschaftlichen Leben und in seinem Beruf, vornehm in jedem Worte, das er sprach, vornehm in dem Takt, den er bei der Leitung der großen Organisationen .bewies, an deren Spitze er stand: des Zentralvereins der deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens und des Verbandes der deutschen Juden. Ein scharfer Denker, ein glänzender Redner, ein zielbewußter und seines Weges sicherer Organisator. Und doch war nicht nur der Geist, die Sprachgewandtheit und die ruhige unzerstörbare Kraft des Vorwärtsschreitens das Bewundernswerte an ihm, sondern die schlichte Erhabenheit seines Wesens, die Selbstverständlichkeit seines Tuns, die hohe Idealität seines Sinnes, die zur Bewunderung hinrissen. Es war an ihm keine Spur eines Makels, kein Haschen nach Erfolg, kein Streben nach äußeren Ehren, sondern fein Tun war bestimmt durch Pslichtbewußtsein und durch deu Eifer, der Sache zu dienen, die ihm als eine heilige erschien. So war er der geborene Vorsitzende, nicht nur durch die ihn: eingeborene Kunst der Repräsentation, vielmehr durch die