Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 42 (19.10.1917)
- Date
- 1917-10-19
- Page
- Seite 497 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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497 gesamten Verwaltungskörper beseelt, einen neuen für sich allem sprechenden hinzugefügt. '*! Die zweimal wöchentlich in Kowno erscheinende „Korrespondenz 6", die Berichte und Mitteilungen über Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Kunst und Loben im Derwaltungsgebiet des Oberbefehlshabers Ost enthält, bringt in ihrer Nr. 54 folgenden Artikel: Wiedie Deutschen das religiöse und nationale Empfinden schonen. Eine Verordnung des Oberbefehlshabers Ost. Unter den Anklagen, die unsere feinde gegen die Verwaltung der von unserem Heere besetzten Gebiete zu richten pflegen, spielt eine nicht unwesentliche Rolle die Behauptung, daß den nationalen lind religiösen Bedürfnissen der Bevölkerung in keiner Weise Rechnung getragen werde. Die „Korrespondenz B" ist in der Lage, von dem Geiste der gerade nach dieser Richtung hin die Militärverwaltung des Oberbefehlshabers Ost beseelt, durch die Wiedergabe einer Verordnung beredtes Zeugnis abzulegen, die die B eh an dl u ng de r jüdischen L a n d e s e i n w o h n >e r a n d e n h o h e n Feiertagen regelt. Die bemerkenswerte Kundgebung, die für sich selbst spricht, hat folgenden Wortlaut: Bereits in dem Runderlatz des Oberbefehlshabers Ost vom 14. Oktober 1916 betr. die Behandlung der Landeseinwohner ist darauf hingewiesen worden, wie es im eigenen wohlverstandenen Interesse des Heeres notwendig sei, alle durch den Krieg gebotenen wirtschaftlichen und sonstigen Maßnahmen hinsichtlich der Landesbewohner daraufhin einer Prüfung zu unterziehen, ob besonders schwere Härten durch Rücksichtnahme aus das religiöse und nationale Empfinden ausaefchaltet werden können. Diese Prüfung sollte namentlich bei der Heranziehung der jüdischen Bevölkerung zum Arbeitsdienst und bei der Fürsorge für ihre religiösen und materiellen Bedürfnisse, insbesondere für ihre rituelle Beköstigung Platz greifen und namentlich auf die der jüdischen Bevölkerung ans Herz gewachsenen Feiertage gebührende Rücksicht nehmen. Diese Rücksichtnahme hat überall da, wo sie in richtiger Art gehaudhabt worden ist, schon im vergangenen Jahre die Stimmung der jüdischen Bevölkerung günstig beeinflußt. Um so mehr ist es notwendig, die gekennzeichnete Fürsorge und Rücksichtnahme der zuständigen Behörde auch bei den kommenden hohen Feiertagen der Juden überall in Erscheinung treten zu lassen. Zu diesem Behuse wird den Juden im besetzten Gebiete an ihren kommenden Feiertagen 1. Befreiung vom Arbeitsdienst zu gewähren sein, soweit nicht eine unbedingte Kriegsnotwendigkeit für die Heranziehung vorliegt, z. B. Derladearbeit, 2. rituelle BeDstigungsuröglichkeit zu verschaffen und 3. Gelegenheit zum Besuche des Gottesdienstes zu geben sein. Die in Betracht kommenden Feiertage sind-: Das Neujahrsfest am 17. und 18. September, das Versöhnungssest am 26. September, das Laubhüttenfest am 1. und 2. Oktober, das SchlU'ßfest am 8. und 9. Oktober 1917. Jeder der Feiertage beginnt am Abend vorher. Dieser Erlaß ist insbesondere auch bei den Arbeiterformationen und tn beit Strafgefängnissen zur Durchführung zu bringen, soweit die Kri>egsnoboendigkeiten dies nicht unbedingt verbieten. Seitens des Oberbefehlshabers Ost. Der Oberquartiermeister. Unterschrift. * Von der Presseabteilung des Verwaltu n g s -» chefsbeim Generalgouvernement Warschau ist soeben eine jüdischeParteitafel herausgegeben worden. Sie gruppiert die Parteien nach religiösen Strömungen und politischen Gruppen, unterscheidet unter den letzteren: Assimilanten, Verband der Orthodoxem, Zionisten, Nationalisten, Sozialisten; unter den ersteren: Orthodoxe und Fortschrittliche. Was über die letzteren gesagt wird, ist lehrreich, deckt sich aber ziemlich mit dem, was häufig in dieser Zeitung, namentlich in der letzten Wochenübersicht auseinandergesetzt worden ist. Dagegen halte ich die Ausführungen über die religiösen Parteien, wenn auch nicht für sonderlich neu, so doch für so lehrreich, daß ich sie hier folgen lasse: a Bezeichnung 1 Orthodoxe 2 Fortschrittliche b Zahlenmäßige Stärke Die überwiegende Mehrheit der polnischen Juden ist im religiöfen Sinne orthodox, d. h. sie hält an der religiösen Ueber- Lieferung — im Gegensatz zu den „Fortschrittlern" des Westens — fest. Die in religiösen Dingen „fortschrittlichen" oder „liberalen" Juden bilden im Verhältnis zu den Orthodoxen (beider Richtungen) eine nicht große Gruppe (etwa 10 bis 20%), die nur allmählich im Steigen begriffen ist. c Aeußere Merkmale Aeußerlich zeichnen sich die Orthodoxen durch ihre Tracht (langer Rock), im täglichen Leben durch Festhalten an „koscherer" Speise, durch strenges Feiern des „SabbarS", durch ständige Kopfbedeckung, überhaupt durch strenges Einhalten aller Ritualvorschriften aus. Tragen westeuropäischeKleidung und zeichnen sich äußerlich durch keinerlei beabsichtigten Merkmale von der übrigen Bevölkerung aus. Die Sabbatu. sonstigen Kultusvorschristen finden nur teilweise Beachtung. d Religiöses In religiöser Beziehung bilden die Orthodoxen keine einheitliche Gruppe, sondern zerfallen in In religiöser Beziehungläßt sich diese Gruppe nur negativ charakterisieren. Sie lehnt den Talmud — wenn auch nicht formell — im großen ganzen ab und mißt im wesentlichen nur der Thora dogmatische Bedeutung bei. Steht also im allgemeinen auf dem Standpunkt der Geigerschen Lehranstalt (in Berlin) — ohne aber so weit zu gehen, wie die jüdische Refornlgemeinde in Deutschland. Chassidim. Diese erkennen zwar die Thora und sogar auch den Talmud an, legen aber den Hauptwert auf die auf dem Gebiete der Mystik liegende religiöse Betätigung der „Wunderrebbes". Diese Richtung knüpft an das Auftreten des Baal Schein Tob an (abgekürzt: Bescht) — (inOstgalizien Mitte des 18. Jahrhunderts). Die polnischen orthodoxen Juden sind in ihrer überwiegenden Mehrheit chassidisch (bilden weit über 50 °/0 der polnischen Juden überhaupt). Eigentliche Orthodoxe. Diese stützen sich im religiösen Leben nur auf das geschriebene Wort, also auf Thora, Mischna usw. — vor allem aber aus den Talmud, an dem sie streng sesthalten. >!