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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-10-19 · Heft 42 (19.10.1917) · p. Seite 496

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 42 (19.10.1917)
Date
1917-10-19
Page
Seite 496 (sequence 4)
Language
German
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ist, wenn sie den Willen des Volkes in seiner wesentlichen Gesamtheit vertritt und verkörpert. Um des willen darf der zur Vertretung der auswärtigen Politik Berufene immer wieder ins Gedächtnis bringen, daß, fv hoch die Wogen der inneren politischen Meinungsverschiedenheiten auch gehen mögen, jetzt in dieser ernsten und schicksalsschweren Stunde jeder mitberusen ist, unserer auswärtigen Politik diejenige Wucht und Geschlossenheit zu verleihe», die sie braucht, um durch Ringen und Ausharren zu erreichen: Sieg und Frieden! Dieser unumwundenen Erklärung, die von allen Seiten des Hauses mit großem und häufigem Beifall ausgenommen wurde, ist nichts hinzuzufügen. Damit ist mit wünschenswerter Klarheit der deutsche Standpunkt auseinandergesetzl und jedes Gerede von schwächlicher Nachgiebigkeit beseitigt. Als Antwort auf diese Rede Kühlmanns hat Minister Asquith eine neue Rede gehalten. In dieser fordert er die .Herausgabe Elsaß-Lothringens, die Räumung und völlige Wiederherstellung Belgiens, die natürlichen Grenzen für Serbien und Rumänien. Das sind alles Forderungen, die von einem siegreichen Deutschland niemals zugestanden werden können. Wenn der Minister dann weiter auf das materielle und moralische Uebergewicht Englands und seiner Alliierten hinweist, so gibt er sich, wie wir hoffen, einer großen Täuschung hin. Aber bei dieser Stimmung unserer Feinde kann leider von einem nahen Frieden keine Rede sein. Denn um zu den Zielen zu gelangen, deren Erreichung Deutschlands Ehre erfordert, bedarf es noch vieler Kämpfe. Wenn auch die übrigen Gegner in ihren Angriffen erheblich nachgelassen haben, so daß von den meisten Staaten wenig oder nichts zu berichten ist, fahren die Engländer mit stets stärker iverdender Wut in ihrem machtvollen Anstürmen fort. Sie verkünden aller Welt und reden sich selbst ein, daß es ihnen über kurz oder lang gelingen müsse, Flandern von den Deutschen zu befreien, Zeevrügge zu erreichen, durch solche Erfolge eine wichtige Operationsvasis für unsere Unterseeboote zu unterbinden. Sache unserer genialen Heeresleitung und unserer unvergleichlichen, sturmerprobten und sieggewohnten Truppen muß es sein, diese Hoffnungen unserer Feinde zu zerstören und sie zum Ausgeben ihrer unbegründeten Hoffnungen zu zwingen. Da unsere Unterseeboote weiter mit großem Erfolge ihre Tätigkeit ausüben, da die Schädigung der feindlichen Luftseeflotte weiter fortschreitet, so ist eine Einkehr besserer Einsicht bei den Gegnern zu erhoffen. Um so mehr, als Frankreich offenbar immer widerftandsunsähiger wird — man spricht außerdem von inneren Krisen dieses allzu beweglichen Landes und von Meutereien im Heere —, da in Italien die Gärung allgemeiner wird, so daß zur Unterdrückung der Unruhen in manchen Teilen der Halbinsel bei der allzu geringen Berläßlichkeit der italienischen Armee französische und englische Truppen aufgeboten werden mußten, da sich, entgegen dem Ueberslusse, dessen sich England wenigstens rühmt, in Italien und Frankreich empfindlicher Mangel einzutreten beginnt. In Italien scheinen sich schwere Kämpfe vorzubereiten; die Blätter melden wenigstens, daß England und Frankreich große Truppenmassen dorthin gesandt haben. Auch wider diese werden sie uns gerüstet finden. Auf Rußland können die Alliierten herzlich wenig rechnen, da es durch immer wiederholte Gärungen vollständig in Atem gehalten wird, obgleich es bei jeder der zahlreichen Umformungen seines Regierungssystems die alte Erklärung abgibt, daß von einem Sonderfrieden keine Rede sein könne. Jetzt ist auch die Insel Oesel von den Deutschen genommen und Rußland von der See aus schwer bedroht. So bleibt England, dem es an Hartnäckigkeit gewiß nicht mangelt, fast vollständig auf seine eigene Kraft angewiesen, und es ist innigst zu wünschen und zu hoffen, daß diese Kraft geringer ist als die noch so stolze Zuversicht und der noch so prahlende Eigenwille. Wenn daher auch die allgemein verbreiteten Gerüchte sich nicht erfüllen sollten: der Friede werde noch vor dem Scheiden des Jahres 1917 eintreten, so ist doch ein Schimmer der Hoffnung vorhanden, daß das furchtbare Morden in absehbarer Zeit zu Ende geht und daß die Menschheit endlich wieder dazu gelange, sich ihren großen Kulturaufgaben zuzuwenden. Wenn wir auch nicht an einen ewigen Frieden und an einen Weltbund der Mächte, nicht an dauernde (oder auch nur zeitweilige) Abrüstung und am allerwenigsten an ein Schiedsgericht glauben, das in Zukunft die Zwistigkeiten, an denen es nicht fehlen kann, solange es Menschen und Staaten gibt, durch Machtsprüche entscheiden wird, gegen die es eine Berufung nicht gibt, so leben wir doch der Ueberzeugung, daß nach diesem ungeheuren Weltbrande, an dem sich auch in allerneuester Zeit Ecuador und Peru beteiligen, für viele Jahrzehnte Friede herrschen muß. Und ist es auch kein Friede, der seine Grundlagen im Gerechtigkeitssinn und freiheitlicher Geltenlassung des Nachbarn hat, ist es auch nur ein Friede, hervorgerusen durch allgemeine Erschöpfung und allseitige Sehnsucht nach Ruhe, nach Heilung der unsäglichen Wunden —, wir wollen ihn begrüßen und uns feiner freuen. Denn es muß doch eine Zeit kommen, in der eine Verständigung unter den Menschen wieder möglich sein wird. * Solange aber der Krieg währt, so lange muß jeder seine Pflicht tun. Die Millionen im Felde, die Millionen zu Hause. Unsere Pflicht, die der Daheimgebliebenen, ist zunächst die Sorge für die siebente Kriegsanleihe. Darum tönt noch einmal, in allerletzter Stunde der Ruf: Zeichnet die siebente Kriegsanleihe! Es ist ein heiliges Werk, zu dem sich alle Deutschen rüsten müssen. Und wir Juden, die wir uns stets als Deutsche gefühlt und bewährt haben, wir denken jetzt an keine Zurücksetzung, die uns früher betroffen, uns graut nicht vor Gehässigkeit, die sich etwa später zeigen kann; wir kennen nur die Bedürfnisse des Vaterlandes und unsere Pflicht und wollen bereit sein, jeder nach seinen Mitteln das zu opfern, was das Vaterland begehrt und dessen es bedarf. Der glänzende Erfolg der neuen Kriegsanleihe nach vierzig Atonalen eines nie dagewesenen Kampfes ist ein herrlicher Sieg, zu dessen Erringung jeder beitragen k a n n, m u ß und wird. ■* Uns wird geschrieben: Kleider und Schuhe für die arme jüdische Bevölkerung in Oberost. Wie wir erfahren, ist es den fortgesetzten Bemühungen des Berliner „Komitees für den Osten" gelungen, von der Schweizer Regierung die Ausfuhr- und von der deutschen Regierung die Durchfuhrerlaubnis für mehrere Waggons alter und neuer Stiefel zu erhalten, die an die jüdische Bevölkerung der besetzten Ostgebiete znm Selbstkostenpreis abgegeben werden sollen. Auch wurde dem gleichen Komitee ein Waggon alter Kleider von Menschenfreunden in der Schweiz zur Verfügung gestellt, letztere mit der Bestimmung, unter den ärmsten Bevölkerungsschichten kostenlos verteilt zu werden. Um die nur auf kurze Frist laufende Genehmigung der Schweizer und deutschen Behörden nicht zu überschreiten und dadurch das humanitäre Werk gänzlich in Frage zu stellen, tvar es nötig, nicht unevhebliche Betrüg« sofort greifbar zur Verfügung zu stellen. Die Verwaltung des Oberost, die von Beginn ihrer Tätigkeit an ihre Hauptforge neben den Ernährungssragen den nicht minder wich tigen Bekleidungsfragen zugewandt hat, zögerte keinen Augenblick, durch sofortige vorschußweise Hergabe von 100 000 Mark den Bewohnern der unter ihrer Leitung stehenden Gebiete einen wesentlichen Teil der dem „Komitee für den Osten" zur Verteilung übergebenen Kleidungsstücke zu sichern. Sie hat sich auf diese Weise erneut weite Bevölkerungskreise zu wärmstem Danke verpflichtet und den schönen zahlreichen Belegen für den menschenfreundlichen Geist, der ihren

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