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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-10-19 · Heft 42 (19.10.1917) · p. Seite 494

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 42 (19.10.1917)
Date
1917-10-19
Page
Seite 494 (sequence 2)
Language
German
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wanken" — Bai emot ieaulom? — Siehe, da weist der Sänger unseres Psalms darauf hin, daß es für die Erhaltung des Judentums aus der Pflege der Grundpfeiler ankommt; diese sind: Thora — G o t t e s l ehr e, Aboda — G o t t e s d i e n st, Gemilut Chassadim — Wohltätigkeit. Das sind die Fundamente des Judentums, die Basis seiner Zukunft, Kraft und Lebensfähigkeit. Unsere Gemeinde trägt Fürsorge für alle diese. Indem ihr neben der allgemeinen Wissenschaft die religiöse Durchbildung unserer Söhne und Töchter am Herzen liegt, will sie, daß Gottes Antlitz der Jugend nicht verborgen bleibe, sondern daß Gott sie erleuchte und für die höchsten Ideale erwärme und begeistere in den von der Gemeinde geförderten Lehrhäusern, in der Realschule der Talmud-Thora und der israelitischen Töchterschule, an welch letzterer es mir vergönnt war, als Mitvorsteher 18 Jahre jeden Zweifel am Fortbestand des Judentums in dieser Stadt niederzuringen. „Dazu gabst du, Gott, meinem Sinai, dem heiligen Berge deiner Majestät — wie der Psalmist im Weiheliede seines Hauses singt — eine feste Burg" — Ireemacklo lehar'ri os en os eio tauro. Das Studium der Gotteslehre ist der festeste Grundpfeiler des Judentums und die leuchtende Fackel, die die morgenländische wie die abendländische Weltkultur durchleuchtete, ohne die Finsternis alle Nationen umhüllte. — Aboda — Gottesdienst, das ist die zweite Säule auch unserer Gemeinde. Da sehe ich so manches Haupt bedenklich stutzen: Wie, gilt es nicht als ein Unikum, daß sich die Gemeinde vom Kultus hier losgelöst hat und ihn seit 1867 zwei gesetzlich völlig gleichgestellten Verbänden, dem Synagogen- und dem Tempelverbande übergeben hat { — Doch nein - das beweist jeder Steuerzettel —, losgelöst hat sie sich nicht, sie leitete nur das Bestreben nach Brudersinn und Eintracht, nur der Wille, das Volk des einen Gottes in harmonischer Einheit friedlich neben- und miteinander weilen und wirken zu lassen und zu unterstützen, sie alle zu scharen um die Ahnenstandarte eines und desselben Gottes, eines und desselben Bekenntnisses, einer und derselben Thora; mögen die einen aus der Tiefe der alten frommen Herzensandacht Gott anveten, wie es David tat, — mögen die anderen mit Harfe, Zither und Posaunentönen Gott anbeten, wie es wiederum David tat. Kein Bruch, kein Riß und keine Trennung sollte bas einheitliche Gottesvolk auseinanderhalten: denn Frieden ist nach den Worten des Talmuds ,-der Behälter des höchsten j Segens für Israel". — Wurde doch die heiligste Stätte des Gottesdienstes, der Tempel von Zion durch Zwietracht und Bruderhaß eher zerstört als durch die feindlichen Wurfgeschosse der Babylonier und Römer. Die Hamburger Deutsch- Israelitische Gemeinde ist an sich keine Kultusgemeinde, aber sie fördert den Kultus und trägt Fürsorge, daß innerhalb der Verbände, denen sie den Kultus übertrug, der Bund des einzigen und einigen Gottes treulich zur Geltung gelange, daß das Friedensideal als Grundpfeiler beiden nicht abhandenkomme, daß wir ohne fanatische Unduldsamkeit und ohne kaltherzige Gleichgültigkeit gegen die Religion unserer Väter Verständnis und Achtung hegen für die ehrliche Ueberzeugung des Nächsten, daß wir dem Zersall, dem Verfall und Abfall von unserem allheiligen Gotte und seiner Religion nach Kräften steuern. So beten beide Kulte einmütig wie David in unserem Weihepsalm: „Zu dir, höchstes Wesen Adonai, rufe ich und flehe ich; was nützt sonst mein Blut, wenn ich ins Verderben ginge, nichtiger Staub kann deine Wahrheit nicht künden, höre mich, begnadige mich und hilf mir, einiger und einziger Gott!" Endlich Gemilut Chassodim — Wohltun, das ist die dkitte Grundsäule unserer Erhaltung. Die Deutsch-Israelitische Gemeinde unserer Stadt ist ein vielbewunderter Komplex^von Wohltätigkeitsanstalten; da thront und schwingt die Liebe ihr Zepter, jene Liebe, die Moses'Gotteslehre als ein Erziehungsbuch der Humanität für alle Menschenkinder krönt, ohne Unterschied des Glaubens, jene Liebe, die die weisesten Rabbiner, Hillel und Akiba, als den höchsten Grundsatz in der Thora bezeichnet haben. Barmherzigkeit und Nächstenliebe offenbaren sich hier in hervorragendem Maße — im Krankenhause, in den Waisenhäusern, im Pflege- und Siechenheim, im Altenhause, in den verschiedenen Wohlfahrts¬ und Humanitären Instituten, für welche die Deutsch-Israelitische Gemeinde überaus reichliche Mittel zur Verfügung stellt den Notleidenden, den Verlassenen, den Unglücklichen, von denen Tausende und aber Tausende ob der ihnen gewordenen Hilfe die Hände falten und den Spruch Davids in unserem Weihepsalm wiederholen: „Du wandelst meine Trauer in Jubel, du erlösest meinen Sack und gürtest mich mit Freude." Dieser Gemeinde Hauptwirken besteht eben in Wohltun im großen und im kleinen. Einer Wohltat sei noch besonders Erwähnung getan, nämlich der, die unsere Weisen „Wohltnn der Wahrheit und Treue" nennen, die Wohltat an Verstorbenen, weil hier von keiner Wiedervergeltung die Rede ,«..n uitm, Die Furiorge für das würdige Begräbnis, für die pietätvolle Bestattung unserer Toten, das Werk des heiligen Brudertums: Genannt und bekannt die „Chewra Kadischa". Unsere Deutsch-Israelitische Gemeinde ist für die Erhaltung der Religion und religiösen Institute nach allen Richtungen hin begeistert eingetreten. Das war und bleibt ihre Ehre und ihr Ruhm. „Damit die Ehre Dir lvbsinge" — so schließt unser Weihepsalm — „und niemals zur Stille gelange, Ewiger, mein Gott, laß ewig mich dir dankbar sein." Str Woche. Berlin, 16. Oktober 1917. ie vorige Woche wurde hauptsächlich beherrscht durch die . Fragen der inneren Politik. Im Deutschen Reichstag, der sich am 11. Oktober bis zum 5. Dezember vertagt hat, fanden heftige Debatten statt, mitunter lärmende Szenen. Gegenstand der Debatten war hauptsächlich die politische Zensur, deren Abschaffung von allen Parteien gefordert wurde, während.die Regierungsorgane, unter ihnen auch der neue Staatssekretär Wallraf, die Notwendigkeit ihrer Bei- : behaltung auseinanderzusetzen sich bemühten. Zu besonders lebhaften Szenen kam es, als der Staatssekretär v. Capelle drei Mitglieder der Unabhängigen sozialdemokratischen Partei beschuldigte, Anstifter aufrührerischer Bewegungen innerhalb unserer Marine gewesen zu sein, und ihre Verfolgung forderte. Diese Beschuldigung stellt sich, wie es nach den Erklärungen der Betreffenden den Anschein hat, als übereilt heraus; eine Aushebung der Immunität der Abgeordneten, die Vorbedingung für ihre strasrechtliche Verfolgung, ist daher nicht eingetreten, ja, es scheint, daß die Stellung des Staatssekretärs erschüttert sei. Auch mit dem Verhalten des Reichskanzlers sind die meisten Parteien nicht einverstanden. Trotzdem hat der Reichstag mit überwiegender Mehrheit den Nachtragsetat genehmigt, die geforderten Mittel zum Wiederaufbau der Handelsflotte bewilligt, auch der Schaffung des Amtes eines Stellvertreters des Reichskanzlers zugestimmt. Außer den inneren Verhältnissen wurden auch die äußeren beraten. Bemerkenswert in dieser Beziehung sind die Auseinandersetzungen des neuen Staatssekretärs Kühlmann, die wegen ihrer außerordentlichen Bedeutung als wahrhaft weltgeschichtliches Dokument hier wörtlich mitgeteilt werden müssen. Nachdem der Staatsmann auseinandergesetzt hatte, daß die deutscherseits angestrengten Bemühungen, einen Gedanken-

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