Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 42 (19.10.1917)
- Date
- 1917-10-19
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Berlin, 19. Oktober 191? . Jahrgang. Nr. 41 Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. — Postscheckkonto 324. Begründet von Rabbiner vr. Ludwig Philippfon Unter Leitung des Geheimen Regierungsrats Professor vr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgein. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße 46 49, zu richten. Verlag von Rudolf 2Nosse, Berlin. Tlttfttftlt* dsalm 30. Von Dr. D. Leimdörser. — Die Woche. — IJJUJUU« Maximilian Horwitz. Von L. G. — Ein Monumentalwerk. Angezeigt vonI. Elbogen. — „Deborah." Von Dr. M. Spanier (Berlin). — Feuilleton: Tante Trude. Roman einer Vierzigjährigen. Von Anna Goldschmidt. — Literarische Mitteilungen. — Büchereinlauf. Der Geuiein-ebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Posen, Breslau, München, Nürnberg, Gaubickelheim, Köln, Frankfurt a. M., Straßburg i. E., Wien, Budapest. — Von Nah und Fern. Ksglm SO1*. Von Dr. D. Leimdörfer. ur Einweihung des neuen Gemeindehauses greife ich zurück auf einen heiligen Sang des biblischen Altertums, auf jenen Hymnus, mit dem wir alltäglich das Morgengebet einleiten, auf den dreißigsten Psalm, dessen Ueberschrift lautet: „Psalmlied zur Einweihung des Hauses von David." Vergleichen wir den Inhalt mit dieser Ueberschrift, so stehen wir vor einem Rätsel, vor einem religionswissenschaftlichen Problem. Was hat die Einweihung des Hauses gemein mit den Sätzen: „Du erhebest mich, daß meine Feinde nicht frohlocken über -mich." — „Daß du mich gesund machst." — „Daß du mich belebst, nicht unterzugehen im Grabe." — „Daß ich unberührt vom Zorn, vom Weinen vor der Nacht hoffe auf Lebensfreudigleit, auf Morgenjubel." — „Damit ich nicht wanke für die Ewigkeit." — Ferner: „Daß du meinen Berg festigst." — „Daß nieine Stimme, die des Flehens erhört werde, denn sonst verginge ich im flüchtigen Staube des Verderbens." — „Du wandelst meine Trauer in Reigen, lösest meinen Sack und gürtest mich mit Freude, damit dir lobsinge die Ehre." — Das ist der Inhalt des frommen Liedes. Wie stimmt dieser zur Ueberchrift: „Weihung des Hauses"? Wie so oft das Leben in Zeit und Geschichte Aufschluß gibt über dunkle Theoreme, so gibt nur die Wirksamkeit, zu der wir dieses Haus heute weihen, einen lebendigen Kommentar zur Lösung unseres religionswissenschaftlichen Problems. Der Name „Deutsch-Israelitische Gemeinde" erläutert die doppelte Bedeutung und Wirksamkeit ttr das Allgemeine, das uns mit allen Bürgern innig verbindet, und für das Besondere, das uns von ihnen trennt. Deutschtum und Judentum. 1. Unsere Gemeinde ist eine deutsche Gemeinde; deutsch ist ihr Denken, Sinnen und Empfinden, deutsch ist ihre Sprache, ihre Schule, deutsch ist der Geist, in dem sie wirkt. In dieser Gemeinde waltet alle Zeit ein treuer vaterländischer Geist, Hingabe an Kaiser und Reich, an die Vaterstadt und ihre Obrigkeit, ihre Bürgerschaft und ihre Interessen. Hier war die Geburtsstätte jenes Mannes, der hinausgedonnert hat in alle Lande: wer darf mir mein Recht auf mein Deutschtum h Uns einer Rede zur Einweihung des neuen Gemeindehauses der dentsch-Jsraelitischen Gemeinde in Hamburg. zu nehmen wagen? Der deutscheste der Juden in Deutschland, der allen die Emanzipation gebracht, Gabriel Rießer ist ein Kind dieser Gemeinde. Und wann sind wir uns unseres Deutschtums mehr bewußt als in unseren Tagen des fürchterlichen Weltkrieges? Für Deutschlands Ruhm bluten unsere Väter, Männer und Söhne draußen, und unsere Mütter, Frauen und Töchter daheim sind Märtyrerinnen für das Vaterland wie zur Zeit der Heldenkämpfe der Makkabäer. Der uns ausgenötigte Kampf gegen die gigantische Phalanx zahlloser Feinde, die Deutschlands Existenz bedroht, hat uns zu opsermutigen Blutzeugen für Deutschlands Ehre und Größe geweiht. Was einstens zu Davids Zeiten Judäa, das ist heute Deutschland für uns und unsere Kinder; seine Nöte und Kämpfe sind die unseren, seine glorreichen Siege die unseren. Dem deutschen Vaterland gelten die Sorgen unserer Gemeinde und Vorsteher zur Verpflegung unserer Heere und ihrer Angehörigen, zur Wohltat und Heilung zahlreicher Kranken und Verwundeten, zur Hilfeleistung an Erwerbslosen und Erwerbsgeschwächten. Da können wir wahrlich am Tage der Einweihung dieses Hauses als deutsche Gemeinde Gott erheben dafür, daß er nicht hat die Feinde über uns frohlocken lassen, daß er uns in den Stand gesetzt hat, gesund zu machen, zu helfe n und zu heilen, Hort und Schutz zu sein zahlreichen deutschen Brüdern und deutschen Schwestern, Wohlsahrtsheime zu . öffnen, in Lazaretten und Hospitälern zu wirken zur Erhaltung und Pflege deutscher Reichsbürger in der Ferne und daheim. Und geht ihr hinaus auf die Gottesäcker und seid ihr Zeugen der Ehrenbegräbnisse unserer Krieger, wenn sie aus feindlicher Erde heimgeschasst sind und unter tröstender Teilnahme unter der Leitung unseres Gemeindewesens und unter Begleitung wasfengeschmückter Kameraden in unserer Ehrcngräberreihe gebettet werden, da ist cs wieder Davids Wort in unserem Psalm, das mir vorschwebt: „Du brachtest heraus aus der Unterwelt meine Seele, daß ich nicht verschollen und verschüttet bleibe in den Gräben." All das rechtfertigt das Epitheton einer deutschen Gemeinde. Dieser Fürsorge für das deutsche Vaterland, seine Ehre und Würde dient für die Folge dieses Haus! Wir weihen es als einen Bau schirmender Pflege des deutschen vaterländischenundtreuenham b ur gischentzeimatg e i st e s. 2. Aber es ist zugleich die israelitische Gemeinde, die konfessionell jüdische Glaubensgenossenschaft, der dieses neue Gebäude gelten wird. Besorgt und bekümmert um unsere Zukunft beschleicht in dunkler -Gegenwart uns der bange Zweifel: wird wohl „der Zorn des Augenblicks" nachhalten oder „lange Lebensfreude" uns beschieden sein, wird „des Abends Tränenreichtum" oder „lenzhafter Morgenjubel" bei uns einziehen, so daß wir in der Sicherheit des Psalmisten uns wiegen dürfen: „Ich werde in Ewigkeit nicht