Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-10-12 · Heft 41 (12.10.1917) · p. Seite 492

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 41 (12.10.1917)
Date
1917-10-12
Page
Seite 492 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3229286-3229327--73477-3285961
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

492 ihr Urteil Gültigkeit hätte, könnte ich mich morgen als erste Modistin des Ortes niederlassen. Gott sei Dank hat ihr das späte Hinlegen nichts geschadet. Oder halten wohl ihre Gedanken und ihre Aufregung sie so munter? Ich habe heute früh Paula zur Bahn gebracht und konnte ihr noch deren Grüße ausrichten. Da legte sie wie betend die Hände zusammen. „Die Reise soll ihr bloß zum Guten ausschlagen", sagte sie feierlich. Und dann nach kurzer Pause: „Mein Tochter, möchste wohl mal mit mir ins Putzgeschäft gehen? Ich möcht' doch! gern Schabbes in Schul, wenn ich die Gesundheit habe, un ich habe keinen Hut- Ich hätts ja schon kennen besorgen, aber du weißt doch, Paula und Rosa, wie die sin. Den ganzen Tag stehen sie vorn Spiegel, aber wie de Großmutter aussieht, is se ganz egal. Die gucken gar nich hin, wenn ich was for mich kaufe." „Aber gern, Tante Phine. Sobald du dich einmal frisch genug fühlst und Lust hast, läßt du es mir durch Rosel sagen. Dann komme ich und hole dich mit dem Wagen ab." „Ohßer! Haste gleich geschworen! Auch noch ’it Wagen. Daß dr Hut gleich noch en Taler mehr kost." „Wenn ich nun aber zu faul zum Gehen bin?" sage ich heiter. „Früher mit Vater bin ich jeden weiten Weg gefahren, warum soll ich es denn jetzt soviel schlechter haben?" „Uz 'n alter Schicker, aber nicht deine Tante", sagt sie. In ihr ist eine frohe, heitere Erwartung. * Seit dem Kärtchen von Marie Harms war ich in einer Angst, Tantes Mut zu dem Hutweg könne aus den Nachmittag fallen. Richtig, mir Pechvogel mußte es so gehen. Rosel kam angestürzt: „Tante Trude, komm, Großmama wartet auf dich, sie fühlt sich heute sehr frisch zu dem Weg und zieht sich schon dazu an. Wir haben auch eine Karte von Paula bekommen, sie kann gar nicht genug erzählen, wie reizend Salomons zu ihr sind, und vom Herrn Bankdirektvr hat sie ein Bukett bekommen und Konfekt. Großmama war sehr abgespannt. Erst seit der Karte ist sie so munter." „Rosel, sag Großmama, sic soll es mir ja nicht übel nehmen. -Heute könnte ich nicht, morgen aber" — „Morgen ist ja Freitag", sagt Rosel kleinlaut. „Früh geht sie nicht aus der Wirtschaft — und nachmittag fängt gleich Schabbes an." Selbst das junge Kind ist erschreckt, daß ich der alten schwachen Frau das abschlageii! will. „Ich kann doch aber heute nicht, Rosel," sage ich und fühle doch selbst, wie unrecht ich tue. „Ja freilich, wenn du nicht kannst", sagt die Kleine einsichtig. „Du würdest wirklichnicht Großmama umsonst warten lassen." „Nein, nein, gewiß nicht- Sag ihr das." Rosa geht, und ich weiß gar nicht, ob ich ihr irgendeinen triftigen Grund angegeben habe für mein Fernbleiben. Tante Phine ist merkwürdig schwerfällig geworden in letzter Zeit. Es ist ein Ereignis, wenn sie sich zu einem Ausgang fertig macht. Und ich lasse sie nun« sitzen. Ob ich doch Rosa nachgehe, nachfahre lieber? Tann bekäme ich sie noch ein, ehe sie zu Hause meine Weigerung mitteilen könnte. Dann würde Tante so lieb und überdankbar sein, wie sie immer zu mir ist. Mir wird warm im Gedanken an ihr liebes und mütterliches Lob und ihre Ueberwertung meiner geringen Leistungen — und mit großen Schritten eile ich — der Heinzelstraße zu. „Herr Westphal ist so gut und borgt uns sein Zimmer, weil er so einen gemütlichen« Erker darin hat. Er behauptet, wir stören ihn gar nicht, im Gegenteil, er würde sich freuen, wenn er vom Lazarett heimkäme und den lieben Besuch noch anträfe", schreibt Fräulein Harms. Ich soll Günthers Zimmer fehen> in seinen Räumen weilen und auf seinem Sofa sitzen dürfen. Tante Phine, verzeih! Außerdem würden es mir ja die Harms übelnehmen, wenn ich nicht zu ihnen zum Tee käme. Sie waren doch auch bei mir. Wir haben viel Belangloses dort geredet. Frau Beyer, die mit uns Tee trank, als Hausmutter nahm die Oberstimme. Sie hatte den neusten Generalstabsbericht mit hineingebracht und da lassen sich immer.tausend Betrachtungen und Vermutungen daran knüpfen. Das Schicksal hat uns das Schlimmste angetan, was es uns antun konnte, das. Außergewöhnliche, das Furchtbare ist uns zur Gewohnheit geworden. Das Reden darum herum zur alltäglichen Unterhaltung. Freilich, auch im Anfang haben zwei, die beieinander waren, kaum ein Wort gesprochen, das nicht vom Krieg handelte, aber da geschah es in Hochstimmung, in glühender, ständiger Seelenerschütterung, die sich äußern mußte. Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über." Nun ist allzeit der Mund so voll, und gehen die Herzen immer nochso über? Warum verteidigen sich eigentlich alle Länder und alle maßgebende Persönlichkeiten so übereifrig gegen den Verdacht, Friedenssehnsucht zu haben? Wer wäre so ein Schuft, seinem Vaterland einen voreiligen, einen schimpflichen Frieden zu wünschen? Aber darf man nicht tiefe, inbrünstige Sehnsucht nach einem ehrenvollen Frieden haben? Ist und bleibt der Frieden nicht der Menschheit Ideal? Es kommt so wenig heraus bei dem vielen Reden über die Ereignisse. Die Leute sind alle so klug und wissen im Grunde genommen alle zusammen nichts. Marie Harms, das Baby, wird zum streitbaren Kämpfer, wenn von der Weltlage die Rede ist. Das heißt, sie streitet nicht, sie erklärt. Das bißchen Vertrautheit mit der Landkarte, das der Krieg uns allen beibrachte, läßt sie das Weltenleid so klar überblicken, daß es sündhaft erscheint, nicht -die Heerführer von ihrer höheren Voraussicht in Kenntnis zu setzen. Es könnte unser Glück sein. Als freilich Günther kam, war sie wieder der drollige kleine Backfisch, der sich von allem Geschehenenüberraschen ließ, wenn es ihr nicht ihr Mentor weissagte. „Was meinen Sie, Herr Doktor? Geht Rumänien mit un-:- oder gegen uns? Es rüstet doch jetzt?" Günther freute sichehrlich, uns in feinem Zimmer zn finden. „Ich habe michnicht schlecht beeilt, herzukommen," sagte er frisch. „Fürs erste darf unser seltener Gast mir nicht weg. Jcl, zeige ihm erst alle meine Habseligkeiten." „Und mit uns freuen Sie sich heute gar nicht, Herr Doktor", schmollte Marie und umfaßte rechts und links Frau Beyer und Lottchen. Wohlweislich legte sie ihr Trotzköpfchen ani Mutter Beyers Schulter. Neben Lottchens Kindergesicht hätte sie gar zu abstoßend gewirkt mit der kindlichen Schmollmiene, in die sich so verräterisch Linien gegraben haben«. „Euch habe ich ja immer", meinte er trocken, ohne die sv gut gestellte Gruppe nur eines Blickes zu würdigen. Er kramte eifrig in seinem Schubfach und zeigte mir Dinge, die ihm wichtig sind, seine Doktorarbeit, eine alte Handschrift. Reiseandenken, seine Instrumente usw. Und ich beugte mein Gesicht darüber und machte kurze, sachliche Bemerkungen. Man wird mir doch meinen etwas gedrückten Ton nicht angemerkt haben, wie es mir bis zum Halse hin«auf pochte, wie ich fast ersticken wollte in der Glut inseiner Nähe. War es mir doch schon, ehe er da war, so sonderbar, so atenibeklemmeud zumute gewesen in seinen Räumen zwischen seinen- Sachen. Und die anderen können das nun jeden Tag sehen, könne» alltagsmäßig hier walten und schalten. Ich sah auf Lottchen Beyer. Das glückliche Kind darf für ihn sorgen. (Fortsetzung folgt.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.