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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-10-12 · Heft 41 (12.10.1917) · p. Seite 491

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 41 (12.10.1917)
Date
1917-10-12
Page
Seite 491 (sequence 11)
Language
German
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491 Grün eisen versetzte dem Frager einen gelinden Rippenstoß und rief ärgerlich: „Mach mich nicht meschugge mit deinen Närrischkeiten! Wie heißt, was für Fische ich kenn'? Ich kenn' Hecht, gefüllt und ungefüllt. Ich kenn' Schleie, gekocht oder gebraten. Ich kenn' auch Karpfen, mit Rosinen und Mandeln oder auch mit polnischer Soße. Ich kenn' auch Barse, Bleie und, was weiß ich sonst noch!" „Es gibt auch Weißfisch, Schellfisch", fügte Himmelblau hinzu. Nathansohn lächelte schadenfroh und sprach mit siegeszuversichtlicher Miene: „Alsdann gehen mer noch ä Stückche weiter. Habt ihr nie eppes gehört von Walen, was auch Fische sind?" „Wie heißt Wahlen!" schrie Grüneisen, erbost aufspringend, wobei die Mohnzöpfe zur Erde fielen. „Ich Hab gehört von Repräsentantenwahlen, von Rabbinerwahlen, auch von Reichstagswahlen: aber von Fischwahlen Hab' ich noch nie nichts gehört. Herr Doktor, was meinen Sie? Ich glaube, er will uns nur zum Schaute machen." „Wahrhaftigen Gott nicht!" beteuerte Nathansohn. „Aber ich wollte dir nur zeigen, daß d u der Chammer bist. Ich soll wissen, was ä Mohnzopf is, wenn du nich einmal weißt, daß es Walen gibt, was auch Fische sind." Himmelblau, der aus Erfahrung wußte, daß beide, nachdem sie sich gegenseitig genügend geärgert, nunmehr ihre Spvttpfeile gemeinsam gegen ihn zu richten Pflegten, wollte diesem Vorbeugen, indem er ein politisches Gespräch aufs Tapet brachte, ein Thema, bei dem er sich als Weitgereister ihnen , überlegen fühlte, * „Was wird der Szoff sein mit der verschwarzter Milchome? Ich meine, es wird jetzt schon anders werden. In Ungarn haben sie doch jetzt den Tisza abgesägt und an die Wand gedrückt, und der Graf Esterhazy ist dort der Macher vons Ganze geworden." „Wie kommen die Rüben in den Sack?" widersprach Nathansohn. „Er soll mit der Milchome ein Szoff machen! Rede kein Schluß! Esterhazy! Auch ein Namen! In der Megille für Purim steht wohl, daß Esther ha-Dasso dem bösen Haman einen Szoff gemacht, indem er mitsamt seinem ganzen Lumpengesindel an einem.zugezogenen Halsübel' am Galgen gestorben, aber ein Esterhazy ist doch keine Esther für Purim." „Nu, wenn schon nicht für Purim, tommer is er ä O st e r - Hase für Pessach," witzelte Grüneisen. Dann könnte man ihm doch wünschen: Gut Jontew-töff —töff!" Bier Dolchstiche aus zwei Paar Augen ließen ihn wieder verstummen, wobei er sich den abgebröckelten Mohn von dem Gebäck mit der hohlen Hand in den Mund schüttete. Inzwischen war der Zug oben angelangt, und die ganze Gesellschaft stieg aus. In demselben Augenblick rauschte eine aufgeputzte Dame bei ihnen vorbei, der alle drei erstaunt nachblickten. Grüneisen stieß Nathanson an und flüsterte ihm zu: „Kennst du sie denn nicht?" „Warum soll ich sie nicht kennen? Jeder weiß doch, daß sie eine Jüddene aus Schönlanke is. Hier macht sie ä Pflanz, wer weiß wie, und ihr Mann is nebbich zu Hause ein kleiner Versicherungsmensch bei der Viktoria und quält sich, wer weiß wie. Sie zieht sich an nach dem Modejvurnal, und er zieht sich aus, damit sie sich seidene Schleier kaufen kann." „Hast wirklich recht, Nathansohn," belächelte Grüneisen pflichtschuldigst den Witz seines Freundes. „Aber du hast wiederum nicht recht, weil sie gar keine Jüddene is, denn vorige Woche hat sie sich mit Mann und Kinder taufen lassen." „Das Hab' ich auch schon gehört," bestätigte Nathansohn, „aber deswegen is sie doch ä »ließe Jüddene geblieben, und das Man zeichnet Kriegsanleihe hei jeder Sank, Spattasse, Kreditgenossenschaft, Lebensversicherungs - Gesellschaft, Postanstalt. bische Wasser wird ihr die krumme Näse auch nicht gerade machen." Himmelblau, der in ganz Birnbaum und Umgegend als Schwerenöter bekannt war und gestern schon mit der geputzten Dame einen kleinen Flirt durch die Augensprache begonnen, erachtete es als seine Ritterpflicht, sich der Dame anzunehmen. „Sie haben es gewiß nur der Kinder wegen getan," sprach er, „innerlich sind sie gewiß noch Juden geblieben." „Innerlich!" ereiferte sich Nathansohn schon wieder. „Und äußerlich? Kommt mir vor, akkurat wie Schlaume Apfelquetscher aus Laboschin, der sich für fünf Taler durch den Missionär hat schmadden lassen, weil er das Geld zu Mazzes aus Jontew gebraucht." „Jontew-töff-töff!" echote Grüneisen seinen abgedroschenen Witz. Inzwischen waren sie zum Frühstücksplatz gelangt, wo Grüneisen noch den einzigen leeren Stuhl erwischte.- Nathansohn fand keinen und fing wieder an zu kollern: „Grüneisen, du kommst mir vor, akkurat wie jener Schnorrer, Molsche Essigsauer, aus Mogilno, den der Roof auf Schabbes zu Gast geladen. Kaum hatte man den Fisch hereingebracht, nimmt sich der Parechkopf das größte und schönste Mittelstück. Der Roow wurde wütend und schreit: „Das is aber eine große Chuzpe, sich das schönste und größte Stück Fisch zu nehmen!" Antwortet jener: „Rebbeleben, wer es kommt zuerst, mahlt zuerst," und aß ruhig seinen Fisch. Und akkurat ein solcher Chuzpenik bist du auch, Grüneisen, und jeden Tag schnappst du mir den Stuhl vor der Nase weg. Uebrigens" am Nebentisch war ein Platz leer geworden, den er schnell einnahm, „werde ich euch bald gepattert haben, denn in zwei Wochen bin ich wieder zu Hause und kann sitzen, wo ich will und essen, wo ich will!" „In der großen, großen Residenze, Neustadt bei Pinne!" spöttelte Grüneisen mit vollem Munde. „Wo der Fuchs schon am frühen Morgen allen totgebissenen Hühnern und Gänsen „Gute Nacht" wünscht." Puterrot und zornfunkelnd wollte Nathansohn schon wieder ausfällig werden, als der stets beschwichtigende Himmelblau, der so glücklich war, einen Platz neben der geputzten Dame ergattert zu haben, ihm warnend zurief: „Ja, wo bit dir mit Gänsefeder und Kartoffelklöße wieder eine neue Zuckerfabrik im Magen anlegen wirst, um im nächsten Jahre, zu gesund, wieder nach Kalsbad reisen zu müssen!" „Im nächsten Jahr!" mußte natürlich der witzige Grüneisen das letzte Wort behalten. „Wie es so schön in der „Gode" für Pessach heißt: ,Le-Schono haboo bi Jeruschelajim!’ Ja, im nächsten Jahre sehen wir alle drei uns wieder in Karlsbad! Mahlzeit, meine Herren und Damen!" Tante Trude. Roman einer Vierzigjährigen. Von Anna Goldschmidt. (32. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.) Cante war nicht zu bewegen, sich hinzulegen, so nachdrücklich ich mich auf den Arzt berief. Es interessierte sie gar zu sehr, was da unter unseren Händen entstand, und wenn

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