Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 41 (12.10.1917)
- Date
- 1917-10-12
- Page
- Seite 490 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Marianer können wir Juden nicht werden! Offener Brief an den Raiscrlichen Rat Josef N. GaUy zu Wien. ^^^ie Karte, die Sie mir senden, lautet: „Falls Ew. Hochw. Interesse für die Patriotische Tätigkeit des Roten Kreuzes in Oesterreich . . . sowie über (dieser Gebrauch der Präposition „über" fehlt in der Deutschen Grammatik) die . . . Ehrenzeichen und Ehrenmedaillen vom Roten Kreuz haben sollten, stehe ich Ihnen als Funktionär ... zu Diensten." Mein gänzlich leeres Knopfloch lechzt längst nach dem, worüber Sie „Auskunft" erteilen. Und Sie legen ein Blatt bei, laut dessen der hohe Deutsche Ritterorden, der „selbst keine öffentlichen Sammlungen einleiten kann" durch „Marianer seinen Sanitätsfonds stärken" läßt. Das zweite Blatt, das Sie beifügen, nennt als Marianer zwei Kaiser, zwei Könige und 43 Souveräne und Mitglieder regierender Geschlechter. Mit Ihnen einer so erlauchten Gesellschaft anzugehören, welche Ehre! Lallt der Angabe im Brockhaus über die Marianer fürchtete ich nun. „die Aufnahme,an keine Ahnenprobe geknüpft", stelle doch den Adel zur Bedingung. Nein! Ihre frohe Botschaft kündet: „außer dem . . . Adel können ausnahmsweise auch bürgerliche Personen . . ., welche das Sanitätswesen des hohen Deutschen Ritterordens durch besonders wertvolle Widmungen oder durch größere Geldspenden fördern, in das Institut der Marianer des hohen Deutschen Ritterordens ausgenommen werden". Wie dürfte ich mir die so liebenswürdig eröffnete Möglichkeit entgehen lassen, endlich — bei meinem höheren Alter — meine bisher rein „bürgerliche Person" dem Adel durch den Schmuck des Marianerkreuzes anzunähern! Schon wollte ich Ihnen dringend telegraphieren: „Genügt zur „Ausnahme" Widmung des Gothaischen Kalenders? Nennet Mindestbetrag, für welches das Marianerkreuz käuflich ". Ihr Blatt nämlich erwähnt den Adel reinsten Wassers, läßt aber die schmutzigen Fahlen der Gelder, die ein jeder gespendet hat, fort. Da plötzlich — es wird mein schönstes Glück zu nichte! — lese ich in Ihrem Blatte: „christlicher Konfession" allein wird jene Ausnahme zuteil. — Nun erwarte ich Ihr Trostschreiben, Herr „Besitzer des Marianerkreuzes", daß ich Ihr Kollege nicht werden kann. Denn selbst wenn, etwa gegen entsprechende Preiserhöhung, kraft einer zweiten Ausnahme, Ihre Ware für mich Bürger und Juden feil sein sollte, müßte ich dankend darauf verzichten, diese Ausnahmestellung zu erkaufen. Vielleicht aber schreibt ein Marianer überhaupt keinem jüdischen Bürger? Getrost! Noch vor dem nächsten Weltkriege schlägt ein freies deutsches Volk mit gepanzerter Faust das verrostete Rittergerümpel in Trümmer, und zwar ohne Ausnahme! Felix L i e b e r m a n n. Karlsbader Krisebriek Von Lei b u s ch Fla u s c n> m a ch c r. err Salomon Nathansohn aus Neustadt bei Pinne war heute wiederum gar schlechter Laune, als er die Karlsbader Zahnradbahn betrat, die auf den Helenenhof hinauffährt. Die erste Woche seines dortigen Aufenthaltes war vorüber, und bekanntlich stehen die dortigen Kurgäste in dieser Zeit am stärksten unter der Wirkung des Sprudels. Außerdem hatte er von seiner Frau eine schlechte Nachricht erhalten, daß sein Sohn Abraham bei der Referendarprüfung durchgefallen war, so daß er im Herbst abermals einer solchen sich unterziehen mußte. Sein Vetter, Moses Himmelblau, ein Zahntechniker aus Birnbaum, der sich gern „Herr Doktor" titulieren ließ, suchte ihn zu rrösten und sprach: „Der Lehrstoff für einen Juristen ist allerdings nicht leicht zu bewältigen." Das war Wasser auf Nathansohns Mühle. Barsch.antwortete er ihm: „Und das muß gerade mir passieren, wo der Arzt mir doch jede Aufregung streng verboten hat! Und was für Fragen sie da einem bei einem Examen vorlegen! Akkurat wie Nachme Jokef in Wronke, der auch jedem solche' närrische Rätsel zu raten aufgibt. Auf dem Pferdemarkt in Krotoschin fragt er Leiser Wasserscheu, der was dort die Mikwe gepachtet hat: „Was ist das? Es liegt auf ä Baum, es is grün, es kann nicht fliegen, aber es kann sein singen?" Natürlich hat es jener nicht gewußt. Da lacht der Spaßmacher mit dem ganzen Ponim und spricht: „Es is ä Hering!" Jener reißt die Augen auf und schreit: „Wieso liegt ä Hering auf ä Baum?" Nachme Jokef antwortet: „Weil ich Hab ihn heraufgelegt." Fragt jener wieder: „Wieso is ä Hering aber grün?" Der antwortet: „Weil ich häb ihn grün angemalt." Leiser Wasserscheu zupft sich am Ziegenbärtchen und sagt: „Wieso kann ä Hering singen?" Da lacht Nachme Jokef, daß ihm der ganze Bauch wackelt und schreit: „Schaute! Chammer! Das habe ich doch nur so gesagt, damit du das Rätsel nicht so schnell erraten sollst!" „Siehst du, Himmelblau," fuhr Nathansohn grimmig fort, „akkurat solche Kasches werden sie meinem Sohn bei dem Examen vorgelegt haben!" „Nathansohn," warnte der Zahndoktor, „sei nicht ungehalten. Mit deiner Zuckerfabrik im Magen sollst du jede Aufregung vermeiden. Mag dein Sohn die paar Monate nur^^ fleißig lernen." „Und alsdann," unterbrach ihn der cholerische Mann abermals, „alsdann fällt er nochmals durch und dann ist er ä ", Garnichts und kann dann Zizis spinnen." ' „Wenn er aber doch Rechtsanwalt wird und." * Himmelblau hatte das Unglück, stets unterbrochen zu werden. „Nu, wenn schon!" kollerte Nathansohn weiter. „Kriegt er ä Prozeß, wo zwei Bauernlümmel sich in der Dorfschenke zerprügelt, oder ä Versos . . . Inspektor dem Schuster Moses Drahtpech die Stiefel nicht bezahlen will. Heißt ä Geschäfts was is wert drei ausgeblafene Eier!" „Aber er kann doch auch eine reiche Partie machen und . - ." „Oder verliebt sich in eine dumme Ladenmamsell und kann dann schnorren gehen!" Im letzten Augenblick, als sich der Zug bereits in Bewegung gesetzt, springt noch Herr Grüneisen aus Neutomischel in den Wagen. Er hatte sich am Brunnen etwas verspätet und nachher noch schnell, wie ortsüblich, sich bei dem Bäcker das Gebäck zum Frühstück gekauft. Schnaubend und keuchend nimmt er den beiden gegenüber Platz. „Gut Jontew-töff-töff!" begrüßte er die Freunde^ nachdem er ein paarmal laut geschnauft und Atem geholwi. „Nathansohn, ich Hab dir ä Mohnzopf mitgebracht." „Du bist doch eppes in guter Laune", erwiderte dieser mürrisch. „Haste vielleicht, efscher, tommer, Peteter das große Loos gewonnen? Und was is eigentlich ä Mohnzopf? Ich weiß von ä Haarzopf, ich Hab auch schon von ä Weichselzopf gehört, aber, was ä Mohnzopf ist, weiß ich immer noch nicht." „Heißt ä Chammer! Neulich zeigt er mir einen und sagt, es wäre seine Leibspeise und heute weiß er nicht, was es is. Nu, was bei uns is ä Barches, sagt man hier Mohnzopf." „Du kommst mir vor, akkurat, wie Nachme Jokef aus Wronke, der auch einmal gefragt, wie vielerlei Fische es gibt. i >1 Weißt du es?" Himmelblau, der immer einen Aussetzer fürchtete, sprach schnell: „Heraus mit dem Witz, Nathansohn!" „Erst soll der Parechkopf mit dem Mohnzopf da sagen, was er alles für Fische kennt." *i*fj*: