Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 41 (12.10.1917)
- Date
- 1917-10-12
- Page
- Seite 486 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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483 Denk' an die Zeichnung der Kriegsanleihe! Doch genügt es, aus die letztere Stelle hinzuweisen; es ist nicht nötig wegen des rein lokalen Interesses, die ausführliche Bemerkung abzudrucken. 5. August 1842. „Unsere Altonaer Glaubensgenossen sind nun Bürger geworden, Bourgois; Citoyen wird man nur in Frankreich. Dies Recht schenkt der Königs) ihnen, weil er doch selbst findet, daß seine Gesetze sich zu langsam die Bahn des Rechten machen. Das Pfänderleihen, der Wucher muß nun natürlich aufhören; dies indessen hebt die gleichen Rechte mit den christlichen Untertanen wieder auf, die treiben diese Greuelgeschäfte vor wie nach ohne Verbot. Sie") sehen, im Grunde sind wir weder im Recht noch Unrecht gleichgestellt und haben uns nur mit dem Anfang zu freuen, der das Schutzgeld aufhebt und uns den Weg zur eigentlichen Emanzipation der Geistesfreiheit erleichtert, auf dem wir ohnehin, trotz der Fesseln, zum Schreck unserer christlichen Brüder, augenscheinliche bedeutende Fortschritte machten." Eine sehr merkwürdige politische Stelle, die man fast eine im wesentlichen eingetroffene Prophezeiung nennen kann, findet sich in einem Briefe vom 17. August 1843. Zu ihrer Erklärung ist nur darauf hinzuweisen, daß sich im rheinischen Landtag die Stimmen tapferer und freisinniger Männer für die Judenemanzipativn erhoben. „Ueber den rheinischen Landtag habe ich mich sehr gefreut. Die Rheinländer haben in Beziehung auf die Juden es sehr gut gemacht, auch in Sachsen haben in der Zweiten Kammer viele Männer sehr achtenswert in unserer Sache geredet. Man sieht es wohl, der Prozeß ist im Volke so gut wie gewonnen, einzelne Stimmen vermögen nichts mehr, wo öffentlich solche Reden gehalten werden. Nun hängt es nur von den Regierungen ab; die wolle n nicht, sie halten alle Fortschritte so lange zurück, wie sie können, und werden erst nachgeben, wenn es ihnen unmöglich ist, länger auszuweichen. In anderen Ländern, schreibst Du, ist die Emanzipation der Juden keine Frage mehr, „nur das freie Deutschland, das ist so roh, noch Menschen ihre Rechte zu bestreiten". Deutschland ist nicht frei, cs ist und bleibt der deutsche Michel, der sich einschüchtern läßt; es schläft und erst wenn der Donner vom Rhein wieder herübertönt, der Donner aus französischen Kanonen, eher erwacht er nicht; er muß erst gezwungen werden, um seinen Herd zn kämpfen. Eine Freundin sagt immer: Frankreichs Söhne sind auch unsere Priester der Freiheit, zunächst der bürgerlichen, und Israel die Priester der geistlichen und sittlichen Freiheit. Israel wird in Deutschland nichts erreichen, nichts erringen, bis wir nicht bürgerlich frei gemacht sind." Von dem lebhaften politischen Sinn unserer Briefschreiberin und von ihrer Teilnahme für Zunz' demokratische Tätigkeit gibt folgende Stelle vom 7. November 1849 Kunde: „Du hast mich mit Deiner Begeisterung angesteckt und ich bin lveit entfernt. Dich für verrückt zu halten, wenn Du mit Enthusiasmus von Deinem Manne sprichst und ihn in seinen Volksverein begleitest, wo er durch seine Reden die Zuhörer zu dem endlosesten Jubel veranlaßt. Ich war schon, ehe Dein Brief kam, durch die Ludmilla von allem unterrichtet. Sie schrieb mir, wie sehr Zunz vom Volke geliebt und erkannt werde, und wie in den demokratischen Bezirksvereinen seine Reden den tiefsten Eindruck hervorbrachten. Jetzt sind wir nun im Besitze dieser Reden, für deren Einsendung ich Zunz herzlichen Dank sage." 15) Von Xiincmnrf. Altona gehörte damals noch zum dänischen Staat. le) Tie Anrede „Sie" erklärt sich daraus, daß dieser Brief ausnahinsiveise an Zunz allein alz Eeburtstagsgratulation gerichtet ist. Im Jahre 1855 machten Zunzens ihre große Reise nach Paris und London. Ueber eine Unterredung der Königin Viktoria von England mit Zunz berichtet Rahe! de Castro an Ludmilla Assing am 24. September 1855: „Der Bruder Jakob erzählte uns gestern, Zunz wolle von einer Unterhaltung mit der Königin Viktoria nichts wissen, darum schweigt sie, gemeint ist Adelheid Zunz, vielleicht darüber und antwortet mir gar nicht." Auf dasselbe merkwürdige Ereignis geht Rahel in einem Briefe an Adelheid Zunz hin, 3. November 1855, spricht aber hauptsächlich von dem Besuche des Zunzschen Ehepaares bei Heine mit folgenden Worten: „Du, meine liebe Adelheid, hast mit königlichen und fürstlichen Personen verkehrt und scheinst mir doch Euren Besuch bei dem auf seinem Schmerzenslager noch ganz geistessrischen Heine an die Spitze alles Erlebten zu stellen; ich las das zwischen den Zeilen und applaudierte aus voller Seele dazu. Das kann ich begreifen, daß Heine sich für jüdische Poesie interessiert, zumal wenn ihm die synagogale des Mittelalters von einem gewissen Zunz zu Ohren kommt, zum Gesichte kann man nicht sagen, leider mußte er ja die Augenlider in die Höhe heben, um alte Freunde anzusehen. Wie Dich dies bis zu Tränen rührte, ja, das fühlte ich tief — ein solcher Geist in so gebrechlicher Hülle, Geisteslicht und tiefe Finsternis durch den zerrütteten Körper. Daß er in schlaflosen Nächten über Kabbala grübelt, ist barock, aber in dem Geiste muß alles durcheinanderstürmen. Er hat sich auch viel zu verzeihen, und es wäre schön, könnte er wieder gesunden, um alles wieder gutzumachen. Steinheim hat einen Artikel über ihn und zu seinen Gunsten in seinem Sinne geschrieben, den der Rabbiner Hirsch in der Zeitschrift „Jeschurun", ich glaube im Aprilhefte, ausgenommen hat; leset ihn doch, wenn Ihr der Schrift habhaft werden könnt." Auf Heine kommt sie nochmals am 11. Dezember 1855 zu sprechen mit folgenden Worten: „Daß Heine sich Zunz' Buch vorlesen läßt, ist erfreulich und zugleich begreiflich — Geist sucht sich, Geist findet sich, wenn auch auf den verschiedensten Wegen —, er hat einen und denselben Herd, auf dem die geheiligte Flamme hell lodert und Funken umhersprüht. Wenn Heine noch einmal in Gesundheit wiederauferstehen könnte und unser Börne noch lebte, er würde nicht mehr gegen, sondern für ihn schreiben." Aus demselben Jahre 1855, und zwar 17. August, mag eine kurze Notiz mitgeteilt werden, die Rahel der Freundin als Erzählung Steinheims berichtet, der damals eine Reise nach Prag gemacht hatte. Steinheim, so meldet sie, habe erzählt: „Wenn der Name Zunz genannt wird, erheben sich die Leute von ihren Plätzen." Den Schluß dieser Mitteilung möge eine längere Stelle über Rießers Tod machen, 4. Mai 1863 (der ausgelassene, mit Punkten angedeutete Passus bezieht sich auf das Befinden des Steinheimschen Ehepaares). Die Stelle lautet: „Rießers Tod hat mich tief erschüttert. Waren wir gleich keine Gesinnungsgenossen, so habe ich ihn doch sehr geschätzt als einen der wahrhaftesten Ehrenmänner unserer Zeit und einen sehr bedeutenden Mann, der mit Eifer, Liebe und herrlicher Gesinnung für die Juden gestrebt und für sie keine Gnade, nur Gerechtigkeit forderte und erobern wollte durch Wort und Taten. Das ist ihm gelungen; er hat manches Vorurteil gebrochen, und wenn alle mit gleichem Eifer und Gerechtigkeitsliebe so viel für die Sache des Fortschritts ihrer Ideen, für die Zukunft mit gleichem Mut täten, die Zukunft, worauf Du hoffest und darin eine andere Zeit erkennest, wo solche Unterschiede nur noch in der Tradition leben, wo besonders Eure Dunkelmänner kaum mehr gedacht werden, müßte längst, nicht mehr so ferne, sich als Gegenwart gestalten. Deinem Pereat stimme ich von Herzen bei. Es