Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 41 (12.10.1917)
- Date
- 1917-10-12
- Page
- Seite 483 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Religion der Liebe, die Völker zum Friedürt mahnt, wo das Wort vom Gottesfrieden, der Trenga Dei, wie ein Märchen aus längst entschwundener guter Zeit anmutet, wir wollen dennoch den Glauben an das Prinzip des Guten in der Welt nicht verlieren. Und so muß auch trotz aller Phrasen und Schlagworte der Feinde Recht Recht bleiben und über Macht, Gewalt und Unrecht triumphieren. So will es das eherne Gesetz -der Weltgeschichte. Sie Woche. Berlin, den 10. Oktober 1917. ie F r i e d e n s g e r ü ch t e werden noch immer lebhaft erörtert, sowohl in der Presse als in Privatgesprächen. Man hört allerorten aufs bestimmteste versichern, daß Verhandlungen gepflogen werden; ganz genaue Bedingungen werden mitgeteilt, über die eine Einigung erzielt sei, und die, welche sich für eingeweiht halten, setzen das Ende des Jahres als Termin für die Beendigung der Feindseligkeiten fest. Solchem Reden, so sicher es auch auftritt und von so vertrauenswürdiger Seite es auch erschallt, mit so genauen Angaben und in so bestimmtem Tone, daß der Berichterstatter nicht daran Vorbeigehen darf, müssen wir, so sehnsüchtig wir auch nach Frieden verlangen, die stärksten Zweifel entgegensetzen. Denn die Tatsachen streiten gegen solche Vermutungen. Würden die Zeitungen aller feindlichen Länder allein den Krieg predigen, so könnte man sich über das Geschrei hinwegsetzen, aber noch am 4. Oktober hat der englische Minister Churchill in einer Rede folgendes gesagt: „Zwar wäre es ein Verbrechen, wenn die Alliierten diesen Krieg unnötig auch nur einen Tag verlängerten, aber ein Fehler, schlimmer als ein Verbrechen, wäre es, Frieden^zu schließen vor Durchsetzung der Hauptkriegsziele. Wenn die Deutschen entscheidend geschlagen sind und sie ihr Vertrauen in ihre Negierungsform verloren haben, so daß sie begreifen, daß diese sie ins Elend bringt und zum Feind der Menschheit macht, wenn also das deutsche Volk eine erwachsene Nation wird, wie es die freien Demokratien der Welt sind, wenn dies infolge der harten Lehre des Krieges geschieht, dann kommt ein wirklicher dauernder Frieden. Ein Frieden, der die geschlagenen Wunden heilt, und nicht ein Frieden, in dem die Welt durch Furcht und-- Mißtrauen getrennt wäre, als Folge des Willens, einer Nation, All) über die anderen zu erheben. Die Welt wieder aufzubauen, wenn 'der Krieg unentschieden endigt, ist nicht möglich. England und Amerika werden nicht ruhen, bevor eine definitive Entscheidung auf die eine oder die andere Weise durchgesetzt ist. So furchtbar die Fortsetzung des Krieges auch ist, wir zaudern nicht bei unserer ^Wahl. Es ist ein großer Fehler, bald begeistert und bald gedrüÄt über den militärischen Zustand zu sein. Jede der großen streitenden Mächte hat ihre Erfolge, aber der Sieg vollzieht sich in der letzten Schlacht. Wie nahe der Sieg ist, weiß niemand, bevor der Sieg eben wirklich da ist. Man darf nicht in einer schwachen Stunde die Ergebnisse von drÄ Jahren der Aufopferung und des Aushaltens preisgeben und der Belohnung verlustig gehen im.Augenblick, in dem man nur zuzugreifen brauchte, um sie sich zu sichern." Churchill äußerte weiter, er sei überzeugt, daß die Alliierten stark genug seien, um alle Schwierigkeiten zu überwinden, und wies auf das „Scheitern der Erwartungen, die die Deutschen auf die U-Boote gesetzt haben" hin; aber es sei noch zu früh, um den U-Boot-Krieg für beendigt zu erklären, weil man nicht wisse, unter welcher Form er fortgesetzt werde und ob die Abwehrmittel dagegen nützen. Dagegen ist esnicht zu früh zu sagen, daß der zweite große deutsche U-Boot-Feldzug gegen diese Inseln in Schach gehalten und sogar abgeschlagen worden ist. Unsere Vorräte an Lebensmitteln sind jetzt größer als im Anfang des Krieges und unser Produktionsvermögen hat zugenommen. Im nächsten Jahre werden unsere Heere, falls der Krieg fortdauert, was Gott verhüte, stärker und besser ausgerüstet sein als je. Dann huldigte Churchill den Bundesgenossen und pries das Vertrauen, welches sie auf England setzten. In ihrer Weise hätten es auch die Deutschen, denn sie richteten ihre Haupt- Nernunft - Vorteil - Vaterlandsliebe gebieten Dir: Zeichne Kriegsanleihe! nnstrengungen gegen die Engländer. Das könne Englands Kraft aber nur steigern. Auch diese Rede wird von denen, die den Frieden nahe glauben, nur als Agitationsmittel bezeichnet! wir können dieser Ansicht nicht beipflichten, würden uns aber herzlich frencn, wenn wir uns irrten. Ein ganz besonderer Grund, an dem nahen Frieden zu zweifeln, liegt aber darin, daß der Krieg von England mit erbittertster Wut weitergeführt wird. Während Frankreich in seinen Angriffen nachläßt. Italien, das, wie man behauptet, iunerlich gärt, sich zu neuen Taten zu sammeln scheint, die im Südosten vereinigten Feinde keine Kraft zu gewaltigen Vorstößen besitzen und das völlig zerrissene Rußland, in dem der Partei Hader und die Kämpfe um die Neugestaltung einer Regierungs- und Staatsform alle Kräfte in Anspruch nehmen, für den Augenblick unfähig ist, seinen Verbündeten Luft zu schaffen, setzt England den Krieg mit voller Kraft fort. Eine neue furchtbare Schlacht hat in Flandern getobt. Nach dem deutschen Heeresbericht, dem wir vollen Glauben zu schenken berechtigt sind, haben die Engländer, statt einen Durchbruch zu erzwingen, nur sehr geringe Erfolge gehabt! die Engländer rühmen sich dagegen, ihr Ziel erreicht zu haben. Da sie vor Opfern nicht zurückscheuen, die auch diesmal gewaltig gewesen sind/so können wir sicher sein, daß sie ihre planmäßig vori bereiteten, mit zähester Kraft fortgesetzten Angriffe erneuern werden. Wir wollen nur wünschen -und hoffen, daß unsere herrlichen Truppen, die nun schon so lange ihre wunderbare Widerstandskraft bewährt und Taten des größten Heroismus geleistet haben, auch in diesem ungeheuren Ringen ausharren und beweisen werden, daß sie fähig sind, diesen unerbittlichen Feinden unermüdete Verteidigung entgegenzuhalten, ihnen jeden Fortschritt streitig zu machen und sie schließlich zum Aushören zu zwingen. Unser Vertrauen auf diese unsere wunderbaren Helden' bleibt unerschütterlich: möchten auch unsere - Mittel ausreichen, um ans diesem entsetzlichen Kriegsgetöse äks Sieger hervorzugehen. Eine gleiche Hoffnungsfreudigkeit möchten wir auch gern für die inneren deutschen Verhältnisse aufbringen. Doch ist es da schwerer, mit Mut in die Zukunft zu sehen. Die Debatte über die Unterstützung der Vaterlandspartei. einer rührigen Gruppe alldeutscher und antisemitischer Dränger und Stürmer, durch die Regierungsorgane ist wenig erfreulich. Ein wahrhaft freiheitlicher Zug geht nicht durch unsere Regierung; der neue Reichskanzler beweist nicht die Kraft, die man von ihm erhofft hat. Für das neue preußische Wahlgesetz wird man auf das Jahr 1918 vertröstet. Aber auch hier wollen wir die Hoffnung nicht sinken lassen. Die Hoffnung darauf, daß der Geist der' Freiheit seine sieghafte Kraft bewährt, daß die rückläufigen Elemente ihrer Ohnmacht inne werden und daß die Regierenden erkennen, daß das deutsche Volk, das sich so stark gezeigt im Kämpfen, Siegen und Entbehren. würdig der-Freiheit ist und mündig gesprochen werden muß. s'‘.. Das deutsche Volk wird, des glauben.wir sicher zu sein, auch bei der siebenten K r i e g s a ji I e i h e, deren Zeichnung in etwa einer Woche abgeschlossen wird, seine Kraft, seinen Opfermut und sein Pflichtbewnßtsein bewähren. Es wird zeigen, daß es die Mittel dem Vaterland zur Verfügung zu stellen weiß, deren dieses bedarf, um den ungeheuren Kampf zu siegreichem Ende zu führen. Keiner darf das Seinige zurückhalten, keiner in schwächlicher Eigenwilligteit bangen vor der unendlichen Höhe der Schnldlnst, keiner besorgt fragen, woher die Mittel zur Zinsleistüng und Rückzahlung kommen