Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 41 (12.10.1917)
- Date
- 1917-10-12
- Page
- Seite 482 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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462 wenn sie Glück, richtiger gesagt, genug Geld haben. Das 19. Jahrhundert hat so alle die Nachkommen der reichen Heines, Mendelssohns, Bleichröders, Oppenheimers usw. in die vornehme Gesellschaft ausgenommen. Materielle Interessen sind eben zwingende Gründe. Arme Jüdinnen, die ohne Mitgift heute in jüdischen Kreisen schwer den erwünschten Ehemann finden, schließen sich Wohl oder übel einem Christen an, den die jüdische Rasse reizt. Sonderbar ist die Tatsache, daß, wenn ein Jude ein armes Mädchen heiratet (also aus Liebe), es zumeist eine Christin ist. Die Unfruchtbarkeit der Mischehen aber tritt von Jahr zu Jahr stärker zutage. Allem mag die Mischehe dienen, einer gesunden Fortpflanzung sicher nicht. Ihre Ziffer ist so niedrig, wie ich sie bei keiner Gesellschaftsschicht, keinem Volk, kurz nirgends und niemals angetroffen habe. Die jüdische Mischehe hat den traurigen Ruhm, hierin den Rekord innezuhalten. Vielleicht haben die, welche in klarer Ueberlegung die Mischehe suchen, mit Nietzsche gehandelt, indem sie zur Vernichtung auffordern, um künftigen Generationen das niederdrückende Gefühl des Elends und der Häßlichkeit zu ersparen, indem sie in sich sterben lassen, was reif zum Sterben ist, und die, welche fallen, nicht halten, sondern sogar stoßen, damit sie noch schneller fallen." — Nicht nur die Mischehen, sondern auch die Zweikinderehen und die Spätehen bezeichnet Dr. Theilhaber als eine große Gefahr für das Judentum, und ein Gleiches tut Dr. med. H. L. E i s e n st a d t in Berlin in seiner soeben erschienenen Schrift: „Methoden und Ergebnisse der jüdischen Krankheitsstatistik" ‘). Er weist auf die vielfach vorkommenden Mischehen der Kinder streng orthodoxer Eltern hin: Die Kinder wissen, welchen Schmerz sie ihren Eltern mit der Mischehe bereiten, können aber von dem einmal betretenen Wege nicht «blassen. Zahlreichen jüdischen Mädchen bleibe, da eben die jüdischen Männer spät heiraten oder Mischehen oder Mitgiftehen schließen, wenn sie sich zu einer Mischehe nicht entschließen können, nur der Zwang zur völligen Ehelosigkeit übrig. So arbeitet die ganze natürliche Entwicklung auf einen zunehmenden Rückgang der jüdischen Bevölkerung hin, und wenn Dr. Eisenstadt die Forderung aufstellt, das Zusammenleben zwischen Mann, Weib und Kindern der Frühehe müsse auf sozialem Wege wieder eingeführt werden, der alte Junggeselle, die alte Jungfer, die kinderlose Ehe müßten aus der Gesellschaft verschwinden, so ist das leichter gedacht und gewünscht als ausgeführt. Was die Ein- und Zweikinderehen bei den Juden betrifft, so ist ihre Zunahme zu bedauern, aber wir müssen mit ihnen als mit einer Tatsache rechnen, der verschiedene Ursachen, besonders aber sozial-ökonomische, also rein wirtschaftliche, gegen die schwer anzukämpfen ist, zugrunde liegen. Mir haben katholische Geistliche die Fruchtbarkeit katholischer Ehen als Musterbeispiel hingestellt, und so ist es denn kein Wunder, daß eine der Thesen, die Dr. Eisenstadt am Schluß seiner lesenswerten Schrift aufstellt, folgendermaßen lautet: „Mit Notwendigkeit geht die Tendenz der Bevölkerungsbewegung in Deutschland dahin, daß die katholische Bevölkerung den Hauptbestandteil der Einwohnerschaft bilden wird. Bei weiterer friedlicher Entwicklung wird Deutschland ein überwiegend katholisches Land werden. Die Ursache hierfür ist nicht in der Binnenwanderung oder in der Zunahme der Uebertritte zum Katholizismus, sondern in der geringeren Vermehrung der evangelischen und jüdischen Bevölkerung zu suchen." E i n bedeutsamer Faktor ist es, der dem Rückgang der jüdischen Bevölkerung entgegenwirkt und ein nicht zu unter- ’) Verlag von Ferdinand Enke, Stuttgart. schätzendes Gegengewicht bietet, das freilich nur verzögert und nicht ausgleicht. Es ist dies die geringe Säuglingssterblichkeit bei den Juden, die um so bedeutungsvoller ist, weil wir bekanntlich wissen, daß die Säuglingssterblichkeit einen hauptsächlichen Prozentsatz der Gesamtsterblichkeit liefert. Aber auch bei den späteren Lebensaltern der Juden besteht eine Mindersterblichkeit, die man auf die Enthaltsamkeit von alkoholischen Getränken, auf die rituelle Ernährungsart, auf die geringere Anlage zur Tuberkulose, auf die Berufstätigkeit und dergleichen mehr zurückführt. Nervenleiden, Geisteskrankheiten, Zuckerkrankheit, Krebs kommen ja häufig bei ihnen vor, aber nicht in dem Maße, wie vielfach angenommen wird. Sie bedeuten weder eine Verschlechterung der Rasse, noch erhöhen sie wesentlich die Sterblichkeitsziffer der Juden. Die Durch den Krieg, insbesondere die verschlechterten Ernährungsverhältnisse geschaffenen gesundheitlichen Folgen werden voraussichtlich keine dauernd nachteilige Wirkung ausüben. Vielleicht werden die Ariedenszeiten in wirtschaftlicher Hinsicht manche Besserung schassen und, wenn auch erst allmählich, das Heiraten und namentlich das Frühheiraten unter den Juden erleichtern und fördern. Dr. E. F i n k e l führt das Uebel der Spätheiraten bei den Juden nicht darauf zurück, weil das Leben an uns zu große Anforderungen stellt, sondern darauf, daß w i r an das Leben größere Anforderungen stellen als unsere Väter. Das Einkommen eines jüdischen Handlungsgehilfen -oder Handlungsreisenden in unserer Zeit ist bei seinem fünfundzwanzigsten Lebensjahre mindestens so groß, wie das unserer Vorfahren, die frühzeitig eine Familie begründeten und sogar eine große Schar von Kindern nicht scheuten. Allerdings braucht man bei einer Familienbegründung nicht gleich eine große, mit allen Bequemlichkeiten ausgestattete Wohnung zu beanspruchen, vielmehr muß man sich mit einer kleineren bescheiden und an das Wort Schillers denken: „Raum ist in der kleinsten Hütte für ein glücklich liebend Paar", wie sehr auch allerhand Rücksichten auf Verwandte und Bekannte und mancherlei gesellschaftliche Verpflichtungen, sowie die Neigung, einander gegenseitig zu übertrumpfen oder wenigstens der Wunsch, gegen andere nicht zurückzustehen, ein Hindernis sind. Bis dahin aber liegt es im höchsten Interesse des Judentums, daß in unserer Jugend das jüdische Bewußtsein wieder geweckt und gestärkt, daß sie mit dem wahren Geiste des Judentums erfüllt wird. Diesem Zwecke dienen auch die jüdischen Jugend vereine, und in ihnen soll auf die Gefahren der Mischehen für das Judentum mit allem Nachdruck hingewiesen werden. Die jüdischen jungen Mädchen aber sollen nicht tatenlos zu Hause bei den Eltern sitzen und auf eine passende „Partie" warten. Sie sollen etwas Tüchtiges lernen, damit sie in jedem Falle unabhängig sind, auf eigenen Füßen stehen und einen Beruf ergreifen können. Das Wort: „Hilf dir selbst, dann wird dir Gott helfen!" hat noch nie eine so tiefe und große Bedeutung erlangt wie in der jetzigen Zeit, welche vielleicht die schwerste ist, Die je über unser Vaterland und das Judentum hereingebrochen ist. Wenn auch finsteres Gewölk noch über ihnen lastet und der Friede noch in weiter Ferne zu liegen scheint: hoffen wir aus die siegreiche Kraft, die sich sowohl im deutschen Volke wie im Judentum so oft glanzvoll bewährt hat, hoffen wir auf das Unverhoffte, das sie so viele Male in der Geschichte Lauf aus Not und Gefahr wunderbar gerettet und befreit hat! So schwer es auch ist, jetzt daran zu glauben, in einer Zeit, wo es nichts gibt, was Macht über die Völker besitzt, wo der Eigennutz alle höheren, geistigen und sittlichen Interessen überwuchert, wo selbst der Papst nicht im Namen der Religion, der *v*\. Wfc \\ *1% . Vt ' '•Y*v