Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 40 (5.10.1917)
- Date
- 1917-10-05
- Page
- Seite 479 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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„Ach so, ja, also richtig: nun ist die Synagoge sertig. Sie haben immer gedacht, die Tempeleinweihung sollte mit der Friedensfeier zusammenfallen, und da sollte ein großer Klimbim sein. Aus allen Nachbargemeinden sollten sie kommen und aus den großen Städten. Nun denke mal, da hat gestern Frau Dr. Salomon geschrieben, ein Ball fände zwar in Anbetracht der ernsten Zeiten nicht statt, aber ihr Mann habe gemeint — Dr. Salomon ist doch Vorsteher — jedes einzelne Mitglied der Gemeinde habe solche unendlichen Opfer gebracht für den Shnagogenbau und es sei doch immerhin ein so großes Ereignis für die Gemeinde, daß er eine kleine ernste Feier wohl angebracht fände. Nur im kleinen Kreise, die Gemeinde und die Angehörigen, aber wir gehörten ja selbstredend noch-dazu. Und so erlaubte sie sich — was sagst du, Tante Trude! Fall bloß nicht vom Stuhl — Paula zu sich ins Haus einzuladen. Ihr Bruder käme übrigens auch dazu, da er gerade vierzehn Tage Urlaub habe. Was sagst du nun?" „Ich freue mich herzlich, Rosel", sage ich und atme .tief und wie befreit auf. Freilich, was wird Günther sagen — „Aber das ist doch noch keine Verlobung. Und selbstverständlich erzählst du keinem anderen Menschen etwas von deinen Vermutungen!" „Aber Tante Trude, hälft du mich denn für tätsch?" Sie hat so ihre Eigenausdrücke. „Nicht um die Welt. Ich bin doch kein Kind mehr." „Na ja, Rosel, das denke ich auch. So, und nun nimm die Schokoladentafel, eigentlich sollte sie meine Wöchnerin haben für ihren Mann im Schützengraben. Aber ich kaufe neue. Dafür gehst du denn auch jetzt hübsch eilig zu Großmama nach Hause und hilfst ihr brav." „Ja", sagt sie einverstanden. Die Schokolade brachte mir einen schnellen Kuß ein unter einem lustigen Juchzer. „Paula hat auch so gequält, daß ich bald wiederkommen soll. Sie ist sehr aufgeregt. Sag nicht, daß ich da war — das heißt, Paula kannst du es ja auch sagen, — aber Großmama nicht, und komm heute nachmittag hin." „Heute kann ich nicht, Rosel", beteure ich, „morgen. aber komme ich bestimmt." „Ach, schade!" ruft sie zurück; aber ich kann mich nacht umstimmen lassen. Gewiß, sie brauchen meinen Rat dort, ich weiß es. Da fehlt noch hunderterlei zur Reise und ich muß die Trinkgeldfrage für Roschmin und alles mögliche entscheiden, aber ich denke, Günther wird auf mein Beileidsschreiben, das er in seiner Wohnung vorfinden wird, kommen, und ich k a n n ihn nicht verfehlen, ich kann es nicht. Sein Zug — ich habe schon nachgesehen, kommt zwei Uhr dreizehn Mnuten. Trotzdem fahre ich erregt zusammen, als es gegen zwölf Uhr klingelt und sehe tief enttäuscht Cilli Benjamin eintreten- Sie sieht fahl aus trotz der Schminke, und ihr lauter Ton klingt mehr bitter als lustig: „Gratuliere" ruft sie ins Zimmer. „Wozu?" frage ich erstaunt zurück. „Nun, zu Fräulein Löbs Verlobung. Tu doch nicht so, Gertrud, du bist die Tante vons Janze, da wirst du es wohl schon etwas länger wissen als ich." „Aber, Cilli, ich begreife gar nicht"-sage ich bestürzt. Sie lacht hell auf. „Viel geschickter bist du auch nicht als die kleine Löb. Zu niedlich! Wie man der anmerkte, daß die Großmama ihr streng verboten hatte, etwas zu sagen. Sie wurde so entzückend rot und quaschte alles mögliche von einer Reise ihrer älteren Schwester, wegen des Aftermieters da in Roschmin. Es war zum Schreien. Warum denn so heimlich? Es ist doch sehr nett, wenn sich heutzutage mal eine zur rechten Zeit verlobt. Ich dachte, so was passiert gar nicht Mn,zel«netKrieasanlelhe bei jeder Sank. Spattaffe. Krebku _;; " Lebensversicherungs-Gesellschaft, Postanstalt. int Kriegsjahr. Und Geld wird da auch nicht viel sein, was? Die Löbs Mädchen sehen nicht so aus, und Großmama Sternheim ist auch gerade kein Muster an Eleganz." „Um was du dir alles Sorge machst, Cilli! Eigentlich hat man doch mit sich allein genug zu tun." „Bei Gott, ja!" sagt sie, schwer seufzend, „vielleicht jeder. Ich aber tausendmal mehr noch. Bei uns ist es furchtbar." Jeden quälen andere Sorgen, und keinem kann man helfen. * Günther war gestern hier. Nicht so schnell, wie ich ausgerechnet hatte: Fünfzehn Minuten für den Bahnweg, fünf für meinen Brief, zehn für den Weg zu mir —, also zwei Uhr dreiundvierzig hätte er hier sein können. Aber er kam wenigstens um fünf Uhr, und ich vergaß, daß ich vorher geglaubt hatte, ich sei schon zu elend und entnervt vom Warten, um meine Haltung bewahren zu können. Ich weiß nicht, ob sein Trauerfall mir die Ruhe gab, — ich trat ihm merkwürdig gefaßt, nur von tiefer Teilnahme erfüllt, entgegen. Sein junges Gesicht hat einen Ausdruck bekommen, den es sonst nicht hatte. Man merkt, er hat ein tiefes Erlebnis gehabt, das ihn erschüttert hat. Aber seine Trauer ist wunderbar friedlich, mehr ernst als traurig. Gott sei Dank, der Gedanke, sich einen Vorwurf machen zu müssen, daß er die Mutter nicht öfter ausgesucht, ihr nicht noch einmal die Freude seines Besuches gegönnt hat, ist ihm nicht gekommen. Er erzählt mit einer geradezu andächtigen Dankbarkeit von der wunderbaren Rede des Geistlichen. Der Vater hat sich auch in der Zeitung bei Pastor Rehling extra dafür bedankt. Ich habe das Gefühl, als habe die Trauerstunde alle Unterschiede ausgelöscht, die Jahre und Werdegang zwischen Günther und den Seinen gegraben hatten, als sähe und höre er wieder mit den Augen und Ohren seiner Eltern und Schwestern und Schwäger. Ihm. der sonst nie geistliche Reden hat hören mögen, sind die ehrenden Worte des Pastors für die Verstorbene wahre Trostesworte aewesen. „Es war eine Stimme, wie herrlich der Pastor die Tote gewürdigt bat." Und die Mutter hat so wunderschön ausqesehen. Das Gesicht, das im Leben zuletst immer blaurot und aufgedunsen war. lag wie heilig in seiner Blässe zwischen der Fülle von herrlichen Blumen auf .der weißen Bahre, auf die die flackernden Lichter goldene Schatten warfen. „Wir haben auch gleich Zusammen den Grabstein besorgt, wir Geschwister, einen knienden Engel, der die betend zusammengelegten 6ände gen Himmel streckt. Der Vater hat sich so gefreut, er hat geweint vor Rührung, als er es sah." Sie sind einig gewesen, die alle dort, einig in dem gleichen Gefühl, und sie haben sich dessen gefreut, ohne es zu merken. „Werden wir Geschwister uns noch einmal im Leben wieder zusammenfinden?" sagte er wehmütig. „Zn Vaters Beerdigung vielleicht, aber sonst nie mehr. Das Leben reißt einen hierher, den anderen dorthin." Ich ging dann nach der Karlstraße, bepackt mit allem möglichen, womit ich Paulas Toilette für die Reise noch schnell aufhelfen wollte. Joseph« mußte meinen blauen Abendmantel und Kopfschal auf den Arm nehmen, den ich getragen, ehe ich Trauer bekam, ich nahm einige echte Spitzen, Handschuhe und allerlei. Es war ein Glück, daß ich kam. Tante war wie erlöst. „Se soll doch bekowet hinkommen, 's is doch en feines Haus." Wenn ich dann etwas, was Paula Probe anzog, für gut befand oder sie mit dem Mitgebrachten ausschmückte, war sie völlig beruhigt und sehr entzückt. Wir nähten alle zusammen 19399