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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-10-05 · Heft 40 (5.10.1917) · p. Seite 475

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 40 (5.10.1917)
Date
1917-10-05
Page
Seite 475 (sequence 7)
Language
German
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will, seine adlige Abkunft schiebt er aber auf jeder Seite vor. Sonst -sind herrliche Stellen und treffliche Ansichten darin, mit vieler Laune und vielem Witze ausgeführt, wenngleich nicht so glänzend und schlagend und so geistreich wie Börne. Diesen letzteren habe ich mit viel mehrerem Vergnügen gelesen. (Fortsetzung svlgt.) Jolrph Anger. oseph Unger ist nicht nur das von der ganzen deutschen Wissenschaft gefeierte Haupt der österreichischen Juristen, dessen Daseinswerk unvergessen bleibt, sondern auch ein Mann, der mit dem Weltgeiste auf du und du steht, über dessen Wesen etwas wie ein Hauch aus der Goethe-Zeit liegt. Wir hätten es gern gesehen, wenn er sich daran gemacht hätte, uns seine Erinnerungen in pragmatischer Darstellung gu geben; denn Gesellschafts-, Wissenschafts-, Staatsmensch, hat er nach dreifacher Richtung gelebt und sich ausgelebt. Er teilte uns nur als Achtziger folgendes Stück Biographie mit: „Ich bin im Jahre 1828 geboren, das Licht der Welt aber habe ich erst im Jahre 1848 erblickt." Seine Erinnerungen wären eine köstliche Bescherung gewesen, nach den „Bunten Betrachtungen" zu schließen, die wie Duft der Lebensblüten, welche er auf mehr als sechzigjähriger geistiger Wanderung gepflückt, über seinen Leistungen schweben, hinter denen ein höchst persönliches Wesen steht. In Ermangelung einer Selbstbiographie. die aus übergroßer Bescheidenheit des Professors und nachmaligen Ministers und Präsidenten des Reichsgerichts ungeschrieben blieb, haben wir allen Grund, uns über den eben (Wien und Leipzig, W. Braumüller) erschienenen Lebensausschnitt: „Joseph Unger. Das Elternhaus — die Jugendjahre. 1828 bis 1857" aus der Jeder des rührigen Vizedirektors der Wiener Universitätsbibliothek Dr. S. Frankfurter, der, ich möchte sagen, mit philologischer Akribie an der Hand von Akten, Dokumenten und Erkundigungen rein sachlich bearbeitet ist, zu freuen. Der auch psychologisch schürfende Verfasser, dessen Schrift eine wesentliche Lücke ausfüllt, hat entschieden recht, wenn er in der Vorrede gegen die Auffassung, daß es für die Lebensarbeit Ungers und ihre Wertung bedeutungslos ist, Näheres über seine Herkunft, die Geschichte und Geschicke seiner Familie und seine eigenen Jugendjahre zu wissen, Stellung nimmt. Er befindet sich hierin im Einklang mit Unger selbst, der in seinen prächtigen Aphorismen sich vernehmen läßt: „Ich bekenne, daß mich als Externisten in der Geschichte der Philosophie . . . das Leben der Denker ebenso sehr, ja in manchen Fällen noch mehr interessiert als ihre Lehre. So viel ist gewiß, daß die Kenntnis der Persönlichkeit eines Philosophen und seiner Erlebnisse die Erkenntnis seiner Denkarbeit wesentlich förderte." Frankfurter spricht uns vollkommen aus der Seele, wenn er sagt: „Bei der großen Bedeutung der Umwelt und der ersten Jugendeindrücke und -erlebnisse für die Entwicklung des Einzelmenschen und dem hohen Werte, den man heute mehr denn je der Familiengeschichte zuerkennt, wird man gewiß zugeben, daß diesen Dingen mehr als ein persönlicher Anteil zukommt." Joseph Unger ist das zweite Kind von Martin und Flora Unger, deren Vater, der Militärverpfleger und Handelsmann Lazar P o r i a s in Podiebrad in Böhmen, mit Moses Mendelssohn im Briefwechsel stand und mit dem Dechanten des Ortes freundschaftlich verkehrte. Es ist für ihr Wesen höchst bezeichnend, daß sie, als der Sohn Minister geworden war und viele hervorragende Männer sich in seinem Hause einfanden, sich vortrefflich darauf verstand, eine rege Unterhaltung zu führen, und in ihrem Kreise „die Frau Rat" genannt wurde. Frankfurter handelt eingehend über die Geschicke der Eltern, die uns hier hauptsächlich darum interessieren, weil sie manchen beachtenswerten Beitrag zur Zeitgeschichte, zur Leidensgeschichte der Juden in Wien in der vormärzlichen Zeit liefern. Der Vater war 1775 in Körmend in Ungarn geboren. Er kam in jun- ' gen Jahren nach Rußland, wo er sich als „Optikus" ein namhaftes Vermögen erwarb. Als er aus Rußland zurückkehrte, lebten die Juden in der Kaiserstadt an der Donau im Zeichen der Toleranz. Sie genossen nicht das Recht der Freizügigkeit und Seßhaftigkeit, sondern waren nur geduldet. Es war also für Martin Unger nicht leicht, für seine Person die Toleranz, das ist die Aufenthaltsbewilligung in Wien, zu erlangen. Die Behörden waren an strenge Vorschriften gebunden, und die Regierung ließ sich von dem Grundsatz leiten, die Zahl der in Wien tolerierten Juden nicht allzusehr zu vermehren und neue Toleranzbewilligungen an die vorherige Erwerbung einer Kroßhandlungsbefugnis, an besondere Verdienste des Bewerbers und vor allem an einen gewissen Vermögensnachweis, mindestens 10 000 Gulden, zu knüpfen. Dazu kam der umständliche Jnstanzenzng: niederösterreichische Regierung, Polizeioberdirektion, Oberste Polizeihofstelle, der Oberste Kanzler und der — Kaiser. Die Tolerierten hatten eine dem Vermögensstande entsprechende, mitunter recht hohe Toleranzsteuer zu entrichten. Aber die Toleranz wurde nicht für die Dauer, sondern nur für je drei Jahre verliehen, nach deren Ablauf neuerdings eingeschritten werden mußte; in anderen Fällen wurde die Aufenthaltsbewilligung nur für kürzere Frist erteilt. Sehr richtig sagt Frankfurter: „Schon die Bezeichnungen „Toleranz", „Tolerierter" drücken den ganzen Jammer aus . . . aber sie verliehen doch den so Bedachten eine höhere Geltung gegenüber jenen, die nur gegen eine Bollettc von 30 Kreuzern täglich vom „Judenamt", das bis in die Märztage des Jahres 1848 unter diesem Namen bestand (diese Bezeichnung der Räumlichkeit bei der Polizei für Judenangelegenheiten war ein Fortschritt; früher lautete sie „für Juden, Sesselträger und Fiaker"), die Bewilligung für vorübergehenden Aufenthalt erhielten. Jene fühlten sich als vornehmere Klasse und führten Der spätere Minister. Ans S. Frankfurter: Dr. Joseph Unger, Wien, W. Braumüller. jy

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