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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-10-05 · Heft 40 (5.10.1917) · p. Seite 474

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 40 (5.10.1917)
Date
1917-10-05
Page
Seite 474 (sequence 6)
Language
German
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Zeichne Kriegsanleihe! Das ist der sicherste Weg zvm Frieden! Vorgänge und über Politik. Sie war eine große Freiheitsenthusiastin, so daß sie Briefe aus dem März 1848 als aus dem „ersten Monate der Freiheit" datierte, sehr betrübt über die Reaktion und bewahrte ihre freiheitliche, auch ein wenig preußenseindliche Gesinnung, die bei einer damals in Hamburg lebenden Dame nicht unverständlich ist, bis zu ihrem Tode. Wenn ich mich an dieser Stelle mit ihren Briefen beschäftige, so tue ich dies nur, um das lebendige Interesse hervorzuheben, das sie für jüdische Angelegenheiten hegte. Der Mitteilung der folgenden Bruchstücke, die chronologisch geordnet sind, sei vorangeschickt, daß sie mit den in Hamburg lebenden, auch mit Zunz bekannten Familien Michael, Marburg, Röe, Kleß, Wohlwill, Jsler, Steinheim bekannt, mit letzterer eng befreundet war, und daß ihre Briefe unendlich vieles über diese Persönlichkeiten enthalten. Schon am 3. Januar 1831 kommt sie auf Jüdisches zu sprechen: Politik belebt auch die Zirkel, worin ich mich bewege, fast ausschließlich. Alles blickt mit Spannung auf die Zukunft, jetzt richten sich die Blicke besonders auf Polen und fromme Wünsche steigen empor für seine Freiheit. Wolffs (Wohlwills) Brief enthält viel Interessantes in Beziehung auf die jetzige Lage Frankreichs. Ob Dein Zunz aber zu allem Amen und Ja sagen würde? Ich bezweifle es. Das neue Gesetz, das die Deputiertenkammer passiert hat, hinsichtlich der Besoldung der jüdischen Geistlichkeit vom Staates, hat auch bei uns große Freude erregt, die auch schon die Rede Augustin Päriers') zugunsten dieser Angelegenheit zeigt: stände aber Deutschland auf der Stufe wie jetzt Frankreich, was leider noch lange zu erwarten sein dürfte, ich hoffte mehr davon. Die Gesamtheit dort scheint mir lange noch nicht reif für die Freiheit und meine Umgebung fürchtet noch viel. Du kannst denken, daß dieses Resultat bei mir die Frucht dessen ist, was ich von gediegenen Männern höre. Jene erwarten von diesen Umwälzungen mit der Zeit Großes, aber ihr Auge vermag d i e Zukunft nicht zu erreichen, die dieses in Erfüllung bringen soll. Außerdem beschäftigt mich vorzugsweise, was die letzte Zeit auf das Religiöse gewirkt hat, und ich möchte gern wissen, ob Wohlwill euch die zwei Schriften „Bittschrift an die deutschen Fürsten"') und „Grundsätze der religiösen Wahrheitsfreunde oder Philalethen"') gesandt hat. Die erste ist in Kiel im Druck erschienen, die zweite von den Kielern in Leipzig zum Druck befördert. Wenn auch das Ganze für den Moment unausführbar ist, denn es bespricht die Gründung einer Kirche, auf reinem Deismus basiert, so ist die öffentliche Erscheinung dieser Schriften doch bemerkenswert. Die Verfasser sind mir nicht ganz fremd; sie finden Anhänger unter meinen Freunden, auch Schütz in Oldesloe ist entzückt davon. Nun, nachdem Du und Zunz sie gelesen, sprechen wir mehr darüber. Auch vom Doktor Rießer, einem Juristen, ist kürzlich eine sehr freisinnige Schrift erschienen'), eine Beleuchtung *) Nach vor Julirevalution in Frankreich war die „Charte" revidiert worden. Artikel 6, der die katholische Religion als Stnatsrcligion bezeichnet hatte, verschwand. Man begnügte sich da, wo von der Besoldung der Geistlichen die Rede war, die katholische Religion als die der Mehrheit der Franzosen zu bezeichnen, und hob zugleich die Klausel auf, nach der Staatsgelder allen den Dienern der christlichen Kulte zu ihrer Erhaltungzukommen durften. Alfred Stern, „Geschichte Europas von 1815/71", Bd. IV, S. 34. 2) Sv schreibt Rahel: gemeint ist aber gewiß Casimir Pürier. *) und 4) Tic genauen Titel der beiden Schriften vermag ich nicht nachzuwcisen. °) Die berühmte Erstlingsschrift Gabriel Rietzers: „lieber die Bekenner des mosaischen Glaubens in Deutschland. An die Deutschen aller Eonfessionen." 1831. der Verfassung und des Standpunktes, worin die Juden in Deutschland und zumal in Hamburg stehen; sie ist geistreich wie der ganze Rießer, den ich mitunter bei Steinheims sehe, wohin er viel kommt. Auch mitunter bei uns, denn er kennt den Bruder Jakob sehr genau von Heidelberg aus. 25. März 1831°). In diesen Tagen, liebe Adelheid, hat Dr. Wolf wieder Nachricht aus New Pork erhalten und ich sende Ihnen beifolgend einen Auszug jenen Schreibens, der Ihren Zunz interessieren wird, da die Herren Vetter sich in ihren Wünschen sympathisch begegnen. Gern schriebe ich dem Herrn Doktor selbst, da sein letzter Brief so viel enthält, was ich beantworten möchte . . . Den „Schwäbischen Mercur" und alle, wo die Verhandlung die Juden betreffend vorkommt haben wir gelesen mit hohem Interesse. Wenngleich Hvfackers Rede gegen die armen Bedrückten oder vielmehr gegen uns arme Bedrückte, denn ich bin stolz, mich zu dem Volke zählen zu können, das unter so hartem Drucke und Verfolgung seinem reinen Glauben treu bleibt, wenngleich jene Rede uns empörte, obgleich ich aus freier Wahl mich wohl zum Landleben bestimmen möchte. Ackern und Fandbau ist ein viel edleres Geschäft, wie mancher christliche Kaufmann es treibt; aber für Judenkolonien danke ich, denn vielen, ja den meisten, fehlt leider echte Bildung, obgleich das einzig und allein eine Folge des Druckes ist, worin man sie zwängt. 26. Januar 1832. Uebrigens haben Börnes Briefes auch mir sehr gefallen. Mißverstehe mich darin nicht, der Sinn für Freiheit ist ihm ja viel zu rege, um hier nicht mit ihm die Schmach zu empfinden, worunter unser Vaterland zu Tode blutet, aber die Erbitterung, mit der er über alles fährt, tut mir weh und schadet der guten Sache, anstatt ihr zu nützen; zu nützen aber sollte jeder edel Gesinnte beitragen, alles Unedle mit festem Willen unterdrücken. Es ist in Hamburg eine jämmerliche Schrift kontra Börne erschienen, von einem Dr. Meyer'), der in Börne nur den Juden sieht und angreift, die Gelegenheit wahrnehmend, um einmal auf das arme unterdrückte Volk auf Pöbelhafte Art zu schimpfen. Dieser hat eine Gegenschrift unseres trefflichen Dr. Rießer') veranlaßt, die weder in Hamburg noch in Altona gedruckt werden konnte, in Altenburg glücklicherweise ein Unterkommen fand und so ans Tageslicht gelangte. Ihr müßt sie lesen und darin, liebe Adelheid, findest Du eine kurze Beurteilung der Börneschen Briefe, die mir aus der Seele gesprochen ist; ein solcher findet Worte für unser dunkles verworrenes Empfinden. Die Briefe eines Verstorbenen") gefallen mir im Verfolge weniger; er ist ein gewaltiger Aristokrat, wenn er's gleich nicht scheinen °) Der Brief ist undatiert und mutz wohl aus zwei Gründen einer früheren Zeit zugewiesen werden: 1. weil die Schreiberin die Freundin mit Sie anredet, während sie seit etwa 1830 ihr gegenüber sonst das trauliche Du gebraucht, 2. weil sich der Anfang des Briefes aus die Sympathie von Zunz für die amerikanischjüdischen Kolonisationspläne des Herrn Noah bezieht. Ich habe den Brief 1831 gesetzt, weil der Schluß auf die württembergischen Landtagsverhandlungen des genannten Jahres eingeht. Hofacker ist ein württembergischer Theologe Wilhelm H., 1805—1848, der •eine judenfeindlichc Rede in der württembergischen Kammer gehalten haben muß, in der er die Juden zum Ackerbau nötigen wollte. >) Gemeint sind die Briefe aus Paris von Ludwig Börne, wahrscheinlich die zweite Abteilung, Bd. III und IV enthaltend, die 1831 erschien. Gegen die letztere richtete sich Eduard Meyers Schrift, von der gleich zu reden ist. °) Ed. Meyer: „Gegen L. Börne, den Wahrheit-, Pflicht- und Ehrvergessenen, Briefsteller aus Paris." Altona, 1831. °) Rießer: „Ein Wort der Erwiderung auf die Flugschrift des Herrn Dr. Ed. Meyer gegen Börne." Altenburg 1832. — Auf diese Schrift hat Ed. Meyer eine Gegenschrift erscheinen lasien. ") Bon dem Fürsten Hermann v. Pückler-Muskau.

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