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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-10-05 · Heft 40 (5.10.1917) · p. Seite 473

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 40 (5.10.1917)
Date
1917-10-05
Page
Seite 473 (sequence 5)
Language
German
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werfen: Im Jahre 1914 plante Königin Eleorwra eine Amerikareisc, um dortige Menschenfreunde für ihre groß angelegte Hilfsaktion, besonders zur Linderung der Not der mazedonischen Kriegsflüchtlinge, zu gewinnen, lieber diese Aktion schrieb mir die Königin ausführlich zu Anfang Januar 1915. Der Wortlaut des Briefes bestätigt in völlig unpolitischer Weise das bulgarischerseits oft vorgebrachte Kriegsargument, wie sehr der ständige Zustrom von mazedonischen Flüchtlingen aus den serbischen Gebieten wie ein Alpdruck auf Bulgarien lastete und das aufgewühlte Land zur Entscheidung drängte. Die Königin schreibt u. a. „ . . . Heute möchte ich Sie bitten, sich unseres Gesprächs vor Ihrer Abreise von Sofia erinnern zu wollen, in dem ich die Ihnen ja bekannte Not und Bedrängnis unseres Volkes darlegte. Damals hoffte ich noch, eine teilweise Abhilfe durch meine Bittfahrt nach Amerika verschaffen zu können; wie Sie wohl hörten, bat dieselbe nicht stattgefnnden, und nun stehe ich mit verringerten Mitteln dein vergrößerten Elend allein und hilflos gegenüber, llnsere Lage bat sich seit dem letzten Jahre wesentlich verschlechtert, der Handel ist durch die Absperrung von Eurova fast erstickt, die Lebensmittel, zmnal das Brot, bereits unerschwinglich teuer geworden, und der Zugang der Flüchtlinge ans Serbien, Griechenland und Mazedonien bleibt ein ununterbrochener. Nun kommen auch noch jene unglücklichen Mazedonier dazu, die zwangsweise im serbischen Heere dienten, in österreichische Gefangenschaft gerieten und, dort freigelassen, hierher strömen, da sie in ihre Heimat nicht zurückkehren können. Diese bringen das äußerste Elend und furchtbare Krankheiten mit sich. Wie dem allem abhelfen? Unsere Mittel sind erschöpft, und da meine bescheidenen Reserven, die durch zwei Kriege stark in Anspruch genommen, für solche große Opfer nicht mehr ausreichen, so muß ich mich irgendwie nach Rettung umschauen; darum komme ich, lieber Herr Doktor, zu Ihnen als zu einem, der stets ein warmfühlendes Herz für Bulgarien bewiesen hat . . . Ich würde versuchen, den dringendsten unserer Bedürfnisse abzuhelfen, als da sind: Brot und Unterkunft für die Flüchtlinge, Hilfe den Kriegswitwen und -Waisen, Errichtung der Pflegerinnenschule zur Unterstützung des Roten Kreuzes usw. usw. . . . Möchten Sie mich mit meiner Bitte nicht zu unbescheiden finden und mir in Ihrer mir bekannten Güte Ihre Mithilfe zu Erreichung meines Zieles zuteil werden lassen! Sie wissen, wie sehr wir Hilfe brauchen!" Mit Dankbarkeit erwähnt Dr. Ehrenpreis das Wohlwollen der Königin gegenüber den Juden Bulgariens und ihren Wohlfahrtseinrichtungen. * Auf dem I u n g t ü r k e n k o n g r e ß hat der Großwesir Talaat Pascha eine Rede geyalten, aus der wir für unsere Zwecke nachstehendes entnehmen: D^e Städte Gaza und Jaffa waren aus militärischen Gründen geräumt worden. Die darüber von feindlicher Seite verbreiteten Erzählungen über Verfolgungen it. dgl. haben sich als Lügen erwiesen. Eine Depesche des Reuterschen Bureaus meldete jüngst, daß der gewesene amerikanische Botschafter in Konstantinopel, Morgenthau, eine Reise nach Europa und dann nach Aegypten unternommen hätte, um die Mittel für die Schaffung' einer jüdischen Regierung in Palästina sicherzustellen. Als wir diese Nachricht lasen, glaubten wir an eine Erfindung der genannten Agentur, denn dem Gedanken der Bildung einer jüdischen Negierung in einem Teile unseres Landes nachzulaufen wäre eine große Undankbarkeit der jüdischen Welt. Die Tausende von Juden, die aus ihren Ländern nach den Vorschriften Janasiews durch die Russen, die heute Verbündete der Engländer sind, verjagt wurden, flüchteten zu uns, und dort, wo sie irgendwelchem Drucke ausgesetzt waren, fanden sie die volle Fürsorge unserer Negierung. Man kann sagen, daß die osmanische Negierung die einzige ist, die den Juden den vollen Genuß ihrer bürgerlichen und politischen Rechte läßt. Die Regierung der Vereinigten Staaten hat soeben die Pforte durch Vermittlung der schwedischen Gesandtschaft amtlich davon verständigt, daß Morgenthau keineswegs aus den obenerwähnten Gründen sich nach Europa und Aegypten begeben hätte und daß seine Reise durchaus anderen Zwecken gedient habe. Dadurch wird amtlich bestätigt, daß wir uns in unserer Annahme nicht getäuscht haben. England, das genall weiß, daß die Juden in Deutschland und Oesterreich-Ungarn geachtet sind, zielt mit diesen Umtrieben nur darauf hin, unsere Beziehungen mit unseren Verbündeten zu trüben. Ich hoffe zuversichtlich, daß die jüdische Nation, die ein gewissenhaftes Element darstellt, in die ihr gelegte Falle nicht gehen wird. * In wenigen Tagen wird unser Schluß fest gefeiert. Damit ist die Reihe der großen Festtage zu Ende; eine lauge Zeit der gewöhnlichen Tage beginnt, nicht unterbrochen durch Feiertage. Der Winter bereitet sich vor, eine Zeit schwerer Arbeit und schlimmer Entbehrung. Möge er nicht zu hart werden! Mögen wir alle, gestärkt und gefestigt durch die feierlichen Betrachtungen der Feste, dem Geiste des Lebens entgegengehen! Und möge, das ist unser heißes Sehnen, der erste Festtag des Frühlingsanfangs eine wirkliche Zeit der Befreiung für Deutschland, für die Juden, für die ganze Menschheit sein! pus Lrirkrn der Nahe! dr Lsltro. Mitgetcilt von LudwigGcige r. er recht ausländisch klingende Name der Briefschreiberin, den ich im Titel angegeben habe, führt uns nicht, wie man vermuten möchte, nach Portugal, sondern nach Deutschland, und zwar nach Hamburg und Altona. Die Briefschreiberin gehört einer aus dem Süden stammenden, vielleicht im l6. oder 17. Jahrhundert nach Deutschland ausgewanderten Familie an, die mit Leopold Zunz eng befreundet war. Die Eltern waren geachtete Leute; der Vater starb 1842, die Mutter am 5. November 1848. Aus der Ehe stammten viele Kinder, von denen außer der Schreiberin vier in ihren Briefen häufig Vorkommen: drei Brüder Benjamin, Jakob und David, von denen der erstere in den vierziger Jahren, David 1876 starb, Jakob bis in die achtziger Jahre hinein lebte. Alle drei waren - Kaufleute, von deren Schicksalen hier im einzelnen nicht zu handeln ist, ebensowenig von einer Schwester Esther, die mit einem Herrn Mensur verheiratet war, obgleich von allen diesen Persönlichkeiten in den Briefen häufig die Rede ist, über die unsere Skizze handelt. Die Iran, mit der wir uns etwas näher beschäftigen, Rahel de Castro, ist am 16. Januar 1793 geboren und am 24. November 1871 gestorben. Durch den Tod der Eltern war sie in den Besitz eines Vermögens gelangt, das ihr eine behagliche Existenz verbürgte. Sie lebte viel mit ihren Geschwistern zusammen und blieb nnvermählt. Von ihr haben sich im Znnz-Archiv zu Berlin viele Hunderte von Briefen von 1827 bis 1871 erhalten, hauptsächlich an Adelheid Junz gerichtet, außerdem etwa 200 Briefe in der Königlichen Bibliothek zu Berlin (Varnhagensche Sammlung), gerichtet an Ludmilla Assing 1840 bis 1871. Rahel de Castro ist als Jüdin geboren und als Jüdin gestorben. Sie war eine fromme Israelitin, wenn sie auch gelegentlich religiöse Skrupel äußert, eine Jüdin, die gern von den Festtagen und deren Feier spricht. Auch die Todestage der Eltern beging sic in frommer Art. Sie war eine ungemein tätige Frau, auch in jüdischen Angelegenheiten wirksam als eine Art Vorstandsdame der Hamburger Mädchenschule, lebte aber hauptsächlich ihrer weitverzweigten Familie, einer ausgebreiteten Freundesschar und schwelgte in Lektüre und Kunstgenuß. Sie erfreute sich eifrig an Kunst und Musik. Ihre Briefe sind voll von Mitteilungen über Konzerte: sie besuchte auch, solange ihre Gesundheit es gestattete — zuletzt war sie fast taub und blind —, Theatervorstellungen und Vorlesungen und erfreute sich an vielseitiger Geselligkeit. In ihren Briefen steckt außerordentlich viel Material über die damals erschienenen belletristischen und wissenschaftlichen deutschen und ausländischen Bücher; sie war mit manchen bekannten Schriftstellern: Mundt, Gutzkow, Wehl, Walesrode persönlich bekannt, nicht minder plaudert sie interessant und anmutig über Hamburger

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