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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-10-05 · Heft 40 (5.10.1917) · p. Seite 470

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 40 (5.10.1917)
Date
1917-10-05
Page
Seite 470 (sequence 2)
Language
German
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Doch aber nur fast. Wie eine Saite, an der sich Schmutz festsetzt und die nun immer unreiner tönt, deren echter Ton aber von dem feinen Ohre noch herausgehört wird. Befreien wir sie aber von all dem Fremden, dem Staub und dem Unrat, dann schwingt sie wieder in alter Klangschönheit. So ist es mit dem Glauben: wer nur ein wenig ernsthaft veranlagt ist und einmal alle Zweifel und alles Mißtrauen sondert von seinem reinen kindlichen Glauben, dem werden sie als Flecken erscheinen, die die Seele beeinträchtigen, die man entfernen muß, damit sie ihre Jugendkraft wiedergewinnen kann, die man aber auch entfernen kann, weil sie nichts Wahrhaftes sind, sondern nur Anwurf irdischer Mangelhaftigkeit. Wie ringen wir doch mit unfern Zweifeln! Wie schwer beugen wir uns ihnen und suchen immer von neuem unfern Glauben aus ihnen zu retten! Wenn wir nur starken Willen ihnen entgegenstellen, dann muß es auch gelingen, die Flecken auszumerzen, ehe sie sich einfrefsen können. Mit Recht knüpft unsere religiöse Auffassung wieder stärker an die Propheten an. Wir verehren in ihnen die Vorbilder echter Frömmigkeit, reiner Religiosität. Aber wir dürfen nicht bei ihrer Religion stehen vleiben, die eine Uebereinstiminung von Tat und Gesinnung fordert, sondern müssen aus ihre Persönlichkeit zurückgehen, aus der ihre versittlichende Kraft herausquillt, die ihnen werbende Macht verliehen hat. Und die Persönlichkeit der Propheten wächst aus ihrem Glauben heraus, ruht in ihrem religiösen Erleben. Ihnen ordnet sich alles in ein von sittlicher Kraft geleitetes Geschehen ein. Was immer auch sich ereignen mag, sei es zum Schmerze oder zur Freude, in ihre Seele wirkt es als Ausfluß göttlicher Liebe hinein. Mit welch hartnäckiger Verstocktheit auch das Volk trotz ihrer Mahnungen und Drohungen nicht von seiner Unsittlichkeit lassen will: ein künftiger Wandel zu reinster Heiligung ist den Propheten gewiß; die sittlichen Kräfte im Menschen mögen lange betäubt sein, erstorben sind sie nicht, sie müssen einst zu vollem Leben erwachen. Die Propheten waren so stark, weil sie glaubten; sie glaubten an die sittliche Ordnung, glaubten an die Menschheit; und wenn sie bisweilen im Glauben an sich selbst wankend wurden: es waren Anfechtungen, wie sie jeder nach einem bestimmten Ziele Strebende erlebt, aber auch überwindet, wenn er seine Seele stark bewahrt. Dieses kraftvolle Glauben, wie es die Propheten besaßen, muß unser religiöses Grundenrpfinden sein, wenn wir unser Leben zur Höhe führen, uns nicht abbiegen lassen wollen von unserer Ausgabe. Aus solchem religiösen Mittelpunkt all unseres Erlebens entquillt unserem Tun ein Antrieb von unzerstörbarer Wucht, gewinnt unser Leben erst seinen Sinn. Und zumal das liberale Judentum bedarf dieses religiösen Mittelpunktes. Jene altüberlieferte Anschauung, die in religiösen Hebungen das Mittel erblickt, um in jede Stunde des Alltags, in jeden Genuß der Sinne und des Körpers einen Hinweis auf das Göttliche zu stellen, hat ihre erhebende Kraft kaum in einem engen Kreise bewahren können. Der großen Mehrheit derer, die an ihr festhalten, ist es tote Gewohnheit geworden, ohne inneres Fühlen. Und nur wenigen von denen, die sich von ihr loSgesagt haben, ist es gelungen, eine gleichwertige an ihre Stelle zu setzen. Der jüdische Liberalismus trägt noch zu stark den Charakter der Bewegung, die sich gegen herrschende Mächte durchsetzen muß, hat noch zu viel verneinende Gesichtspunkte, wie sie dem Kampfe zu eigen sind, noch zu wenig Positive, religiöse Werte, die geeignet wären, wahre schöpferische religiöse Kraft zu erzeugen. Es sollte zur Hauptlehre des liberalen Judentums werden, die Kraft zum Glauben zu erwecken und aus ihr die Beobachtung der sittlichen Grundgebvte herauswachsen zu lassen. Damit würde der Bewegung ein fruchtbarer Boden gegeben, aus dem ihre Wurzel reiche Säfte ziehen kann. Unser Augenmerk muß auf die Jugend gerichtet bleiben, die wir vor dem Abfall bewahren müssen, die wir aber nur bewahren können, wenn wir sie stark machen im Glauben. Nur verneinende Momente führen zur Gleichgültigkeit, wenn nicht gar zum Abfall. Wollen wir den Grundbau erhalten, so müssen wir am Glauben anbauen und ihn sichern gegen Erschütterungen, die ihn untergraben können. Unser Augenmerk muß auf diejenigen gerichtet bleiben, die das Leben zwingt, mit lange heilig gehaltenen religiösen Uebungen zu brechen; wir müssen ihnen den Weg weisen, gleichwohl ihr Judentum zu bewahren. Das kann aber nur geschehen, wenn wir sie lehren, daß sie ihr tiefstes Empfinden, ihren Glauben, nicht erkalten lasien sollen, in dem echtes Judentum wurzelt: In seinem Glauben lebt der Fromme. — Die oft bewährte Treffsicherheit unserer alten Prediger ist auch an dem eingangs angeführten Gleichnisse nicht zu verkennen. Die ganze Festesreihe des Tischri wollte unseren Glauben festigen und reinigen. Das Schlußfest kann uns ein selbständiges Fest werden in dem Sinne, daß wir im Ueberdcnken der religiösen Ziele dieser Zeit eine Klarheit gewinnen, wie sie meist der zeitliche Abstand erst ermöglicht. Sie Woche. Berlin, den 3. Oktober. o wenig man sonst mit den Alldeutschen, selbst mit den Nationalliberalen sympathisiert, so möchte man fast geneigt sein, sich auf ihren Standpunkt zu stellen, wenn man die hochmütige Art betrachtet, mit der die Ententemächte die Erklärungen der deutschen Regierung und ihrer Verbündeten auf die Friedensnote des Papstes ansehen. Die deutsche Regierung erklärt sich bereit, ein Schiedsgericht anzunehmen und in Zukunft die Rüstungen zu beschränken; unsere Gegner erblicken in ihrer hochmütigen und verlogenen Art in dieser offenen Erklärung ein Zeugnis unserer Schwäche und verlangen unsere Demütigung. Sie sprechen ohne jeden Grund von ihrer Ueberlegenheit, wähnen, daß sie militärisch uns niedergerungen haben, und bilden sich ein, uns ökonomisch niederzwingen zu können. In Wirklichkeit steht aber die Sache so, daß wir militärisch überall die Oberhand haben, daß England trotz unaufhörlicher Anstrengungen keinen Schritt vorwärts kommt, daß Frankreich sich verblutet, daß Italien durchaus nicht Erfolge zu erlangen vermag und daß Rußland innerlich völlig zerrissen und zu einem wirklichen Widerstand, geschweige denn zu einem kraftvollen Angriff sich nicht auszuraffen vermag. Wenn die Feinde nun von Deutschland Räumung der besetzten Gebiete, Herausgabe der uns seit Jahrzehnten rechtmäßig zustehenden Provinzen, Aenderung unserer Verfassung verlangen, so sind alles dies Forderungen und Ansprüche, zu denen ihnen kein Recht zusteht. Unsere nationale Ehre, unsere Zukunft verlangt, daß wir diesem unrechtmäßigen Begehren kraftvoll und geeint entgegentreten und daß wir beweisen, daß wir nicht gewillt sind, unsere Ehre und unsere Zukunft nach den tollen, durch nichts begründeten Wünschen unserer Feinde zu gestalten. Die Zukunft wird richten, auf wessen Seite die Schuld liegt. Wir gehen ihr vertrauensvoll entgegen. Dieses Vertrauen ist begründet durch den wunderbaren Widerstand, den wir bisher allen Angriffen entgegengestellt haben, durch die glänzenden Leistungen, die unsere Luftflotte und unsere Unterseeboote fast täglich auszuweisen haben. Die Mittel, die zu diesem uns aufgezwungenen Kampfe nötig sind, sollen durch die siebenteKriegsanleihe geschafft

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