Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 40 (5.10.1917)
- Date
- 1917-10-05
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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81. Jahrgang. Nr. 40 ' Berlin, 5. Oktober 1917 eitung des Judentums Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Begründet von Rabbiner Vr. Ludwig Philippson Unter Leitung des Geheimen Negierungsrats Professor vr. Ludwig Geiger Verlag: kuäolk Mosse, verUn» Jerusalemer Strasse 4S-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße 46-49, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Verliu. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. — Postscheckkonto 324» 3um Schlüsse sie. Von Gustav Colin. — Die Woche. Aus K-llVUll. Briefen der Nahel de Castro. Mitgeteilt von Ludwig Geiger. — Joseph Unger. Von I. V. Münz. — Das Leienen mit dem „Tropp". Von Oberkantor Joses Singer s. A. (Wien). Mitgeteilt von Aron Friedmann — Feuilleton: Tante Trude. Roman einer Vierzigjährigen. Von Anna Goldschmidt. — Sprechsaal. Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Posen, Dresden, Köln, München, Nürnberg, Zweibrücken, Lemberg. — Von Nah und Fern. Lum Schluhfkltr. Von Gustav Cohn. ur Kennzeichnung des Schlußfestes ersann ein alter Prediger das folgende Gleichnis: Ein Vater, dessen! Kinder in die Welt hinausgezogen waren, um jeder seinem Berufe nachzugehen, fetzte ihnen allen einen Zeitpunkt fest, an dem sie wieder bei ihm sich einfinden sollten. Da kamen sie nun und hielten traute Zwiesprache mit dem Vater. Von ernsten und von frohen Dingen sprachen sie; von ihrem' Beginnen und ihrem Gelingen, von Widerständen und Hemmnissen wie von Erfolgen und Fortschritten. Eine bedeutungsreiche Zeit voller tiefer Eindrücke durchlebten sie in der Nähe des Vaters. Draußen im -Getriebe der Welt hatten sie oftmals das Fehlen der leitenden und weisenden Führerhand empfunden, aber nicht den Weg zu dem Vater betreten, sondern in kindlichem Trotze sich selber auszufinden getrachtet. Und waren manchmal gestrauchelt. Mit mildem Ernste wurden sie nun vom Vater getadelt, aber zugleich zog er in väterlicher Huld sie mit ganzem Herzen an sich und bereitete ihnen dann in echter Liebe heitere Festesstunden ungetrübter Freude. Es kam der Tag, da -die Kinder wieder hinausziehen mußten in Kampf und Arbeit. Da vereinigte er sie noch -einmal um sich, damit sie aus einer letzten Feierstunde sich einen Nachklang dessen bewahren könnten, was sie an seelischer Stärkung in diesen Ruhetagen empfangen hatten. Und gab ihnen als Segen das Wort des Propheten mit auf den Weg: zaddik beemunato jichjeh (Habak. 2, 4): Der Fromme lebt in seinem Glauben. — — Das Schlußfest, sagen unsere alten Lehrer, ist ein Fest für sich; ein Fest der reinen Freude, -des seligen Sichversenkens in Gott. Indem sie aber diese Selbständigkeit des Festes betonen, wollen sie es wohl nur von dem Zusammenhänge mit dein Laubhüttenseste loslösen, nicht jedoch seine Beziehung zu den Festen des Monats Tischri in Abrede stellen, die äußerlich wie auch dem Wesen nach in -die Augen fällt. Selunini azereth ist in der Tat eine letzte Feierstunde, die wir als Abschluß mancher eindrucksvollen Stundein der Nähe unseres göttlichen Vaters verleben. -Sie will als Segen einen Nachhall in unser weltliches Treiben hineintönen lassen, in -dem es den ganzen Gehalt dieser Festesreihe -ausprägt - üiid »ns auf die Seele legt: , In seinem Glauben lebt der Fromme. Die Wahrheit d i e s e s Wortes sollte uns in den Weiheftunden am Neujahrs- und am Dersöhnungsfeste anfgehen und soll uns nun am Abschlüsse der Feste zu einem unveräußerlichen seelischen Gute werden. Das Judentum bezeichnet mit seinem Worte emunali den Begriff des Glaubens nicht als eine b e st i m m t e F o r m e l, die in klaren Worten seinen Inhalt umschreibt, sondern sein Wesen, das Glauben, die innere Gewißheit von Gott und seinem Wirken, -die nicht immer zu vollem Bewußtsein gelangt und dennoch lebendig wirksam ist, die treibt und erhält, aufrichtet und -mahnt,' stärkt und eint, -die Hemmungen überwinden läßt und Seele und Körper seit gegen das Nebel und den Ansturm von außen. Tausend Gefahren und Versuchungen drängen gegen den Glauben im Gewerk -des Daseinskampfes an. Zweifel über Zweifel werden rege, ob denn wirklich der allmächtige Meister sich in ihm kundgebe; ans eine harte Probe stellen uns die Mitmenschen und unseren Glauben an sie, und bisweilen sind wir na-he daran, den Glauben an uns selbst zu verlieren. Aus dem Drange des Daseins wollen uns -die Feste des Tischri Herausreißen, wollen unser Glauben wieder stärken, wenn es gelitten hat, es wieder neu aufrichten, wenn es uns zusammengebrochen ist. Die heiligen Tage wollten uns zum religiösen Erlebnis werden, damit wir aus ihnen zum religiösen Erleben gelangen, jener Auffassung des Lebens, die all unser Erleben um einen religiösen Mittelpunkt stellt, in allen Freuden und allen Leiden, in Glück und Jubel wie in Not und Sorge immer den Weg zrir Höhe findet, die graue Nüchternheit des Alltags mit sonnigem Glanze umkleidet, wie ihn der Glaube aus Auge un!d Seele strahlen läßt. Wir brauchen einen religiösen Mittelpunkt für unser Erleben. Aus ihm allein gewinnen wir ja die Kraft zum Glauben an das Leben, an Sinn und Wert allen menschlichen Strebens und Mühcns. Wir haben es in diesem furchtbaren Erleben rasenden Kriegsgetöses eindringlich genug erfahren, wie wir den -maßlosen Ansechtungen eine starke Seele nur dann gegenüberstellen können, wenn wir noch zu glauben vermögen, noch glauben an -den endlichen Sieg des Rechts und der Wahrheit, noch glauben an das Gute in der Menschheit. Und w i r können und müssen glauben, wenn wir nur in unserer S-e el e lesen. Wenn wir uns einmal für Stunden ganz heranslösen ans dem -wirren Gezweig, in das uns der Baum des Lebens -verwickelt hat, und uns ganz in uns selbst versenken, da ertönen jene Klänge, so froh und heiter und beseligend, mit denen wir in das Leben hinaustraten, wieder in alter Reinheit. Und blicken wir um uns und betrachten uns in den einzelnen Stufen unserer Entwicklung, dann bemerken wir, wie fremde -Töne sich in die einstige Harmonie -mischten, erst einer, dann wieder einer, und immer mehr, -bis ihrer so viele wurden, daß -ein herber Mißklang grell und schrill den ursprünglichen schlichten, edlen Klang fast unhörbar machte.