Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 39 (28.9.1917)
- Date
- 1917-09-28
- Page
- Seite 468 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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468 Bäckermeister, als Gatten", dann wieder Mischen all den Töchtern und Schwiegersöhnen, „Günther Westphal, Dr. med.", der Sohn, sicher der Stolz der Familie zwischen den Unbetitelten, dem ehrsamen Bäckermeister, Gerichtssekretär und Schichtmeister. Mich ersaßt eine heiße Sehnsucht, jetzt bei Günther zu sein, herauszusühlen, was er empfindet und ihn zu trösten. Denn das weiß ich, das Fertige, den Tod begreift er. Die dauernde Sorge um die gefährdete Mutter, daran zu denken war seine robuste, auf das Gegenwärtige gerichtete Natur nicht fähig, aber daß sie nun tot und starr dort liegt, daß seine Mutter dahin ist für immer, das wird ihn erschüttern. Deshalb also war es dunkel gestern und vorgestern abend in seinem Zimmer. Er ist abgereist. Sv war es also gestern Frau Beyer oder eines von den drei Mädchen, die durch sein Zimmer ging, wohl immer, um etwas zu holen. Und doch hat der flüchtige Lichtschein, der vielleicht für eine halbe Minute aufflammte, mich in eine fieberische Aufregung versetzt. Was habe ich eigentlich davon, wenn ich sehe, ob es in seinem Zimmer hell oder dunkel ist, ob seine zugezogenen Vorhänge in nächtlichem Schweigen oder belebter Helle daliegen, wenn ich Abend für Abend jetzt durch die Heinzelstraße „spazierengehe!". Ich kann mir die Idee, die Heinzelstraße als Promenade anzusehen, von der dankbaren Stadtverwaltung, die so gern unsere an Naturreizen arme Stadt dem Fremdenverkehr zugänglich machen möchte, patentieren lassen. Ich glaube, die abgelegenste Gegend, in der die übelste Luft ist, ist die Heinzelstraße. Kein Wunder, daß Mama Beyers Pension so wenig blüht. Und doch gehe ich immer dort hin, wenn ich es in der Dämmerstunde plötzlich nicht mehr in der Stubenlust aushalte. Dort am Marienbrnnnen steht eine Bank. Von der aus sieht man das Haus 'Nr. 11 vor sich liegen. Liebespärchen sitzen daraus, anderen Leuten ist es zu kalt jetzt. Aber just dort werde ich immer so müde, daß ich nicht weiter kann, und da setze ich mich nieder in dem Dunkel und schnüre vor innerer und äußerer Kälte.! „Fräuleinchen, darf ich mich zu Ihnen setzen?" Das ist ein unternehmender Feldgrauer. Wenn sie in der Stadt sind, dann haben sie all die Schrecken, die sie draußen durchzumachen hatten, vergessen und werden übermütig in der allgemeinen Verwöhnung, die sie von den Einwohnern erfahren. Ich haste entsetzt davon, denn der Krieger redet vergnügt weiter. Es sei doch hübscher, warm zu zweien und ich könnte doch einem armen Kriegersmann eine kleine Freude gönnen. Soll ich dich an die Laterne führen, Herr Kriegersmann? Das würde dich abkühlen. „Ei, Fräuleinchen, Sie sind ja gewachsen wie ein Gardeleutnant", ruft er mir wohlgefällig fidel und gar nicht beleidigt nach, als ich unter der Laterne wegschreite. Als ich mich in Sicherheit fühle, lache ich leise in mich hinein,. „Wie ein Gardeleutnant." Nun ja, die Figur ist mädchenhaft jung geblieben, — was hätte sie auch verderben und verändern können? Vor drei Tagen war Günther noch hier in Wostok — er muß die Nacht darauf gereist sein —, er ging in großen und eiligen Schritten an der Bank vorüber, ans der ich saß. Da drückte ich mich dicht an das Liebespärchen heran, so sehr ich seine Geheimnisse bis dahin nach Möglichkeit geschont hatte und bis aus die äußerste Bankecke gerückt war. Was konnte ich dafür, daß ich trotzdem seine unhörbaren Küsse gehört hatte und die Glückseligkeit, die aus verlegen leisen, ganz gleichgültigen Betrachtungen klang? Nun tat ich, als gehöre ich zu den beiden und senkte tief den Kopf zu ihrer zärtlichen Geducktheit hinab. Ueberflüsfige Vorsicht! Günther sah gar nicht hinüber in das Dunkel der Bank, er sah ernst und sehr geschäftig aus, wie immer, wenn er über die Straße geht. Da schoß es inir durch den Kopf: „Selbstbeherrschung". „Frauenwürde", „wundervolle Reinheit". Ach, die Welt ist ein großes Komödienhaus und erst im Tode beginnt die Wahrheit. — Frau Maria Anna Veronika Westphal geb. Reusch ist tot. Und sie war seine Mutter. Sie hat ihn besitzen und Pflegen und sich an ihm freuen dürfen. Und nun ist auch das Glück vorbei. # „Geliebteste Tante Trudelchen," sprudelt Rosa unter neuen stürmischen Umarmungen hervor, „übrigens soll ich dich von Fräulein Benjamin grüßen, sie sah riesig fesch aus. Ich habe gar keine Sekunde Zeit, Großmama ist sehr aufgeregt, sie hat schon vorher geschimpft, wenn ich etwa nicht direkt vom Pelzhändler — der muß doch Paulas Boa bis morgen aufarbeiten — wieder nach Hause käm. Wir haben so viel noch zu tun." „Und da kommst du doch hierher? Trotz Großmamas Verbot?" „Es geht ja nicht anders, geliebte Tante, sonst platze ich ja, wenn ich dir — die Neuigkeit nicht sagen kann." „Nun, denn schnell", sage ich, nun doch ein wenig angesteüt von ihrer sieghaft kindlichen Ausgelassenheit. „Sag es, und dann aber fort mit dir, an die Pflicht!" „Ach wo! So eilig ist das nicht!" sagt sie und setzt sich ganz gemütlich auf den Küchenstuhl. Ich bereite gerade das Essen für meine Wöchnerin. „Großmama schilt nun sowieso, das ist nun alles schon eins. Nein, was ich heute zu erzählen habe, rätst du aber doch nicht." „Nun?" „Wollen wir wetten, daß sich Paula bald verlobt?" Sie scheint sehr zufrieden zu sein mit der Wirkung ihrer Worte, denn sie klascht hell auslachend in die Hände. „Leichenblaß bist du geworden vor lauter Ueberraschung." (Fortsetzung folgt.) Lprrchlaall An ven Pranger; Man lese einmal folgende Zeilen und denke sie sich als Bestandteil eines poetischen Berichtes, den ein Feldgrauer aus dem Osten schickt: „Bon diesen Bauern streng geschieden, — gibt es sodann ne Menge Juden, - Die sich hier nicht ein bißchen genieren, — Und uns daheim die Innungen blamieren. — Ich wollte, Sie sähen mal solch einen Tropf, — Die dreckige Mütze auf dein Kopf. Stets denkend, ob sich ein Geschäft wird lohnen, — Aus den Schultern meist einen Sack mit Bohnen, - Und aus sieben Pfund wird, ungelogen, — Elfeinhalb herausgewogen. — Während daheim im deutschen Land, — Der Jüdin Moral und Tugend bekannt, —- Sind an diesem lieblichen Orte — Die Jüdinnen meist von der leichteren Sorte, — Jedoch das macht nichts, hört man sie sagen, - Um so eher kannein Mann sie auf Händen tragen!" Diese Latrinenpoesie steht aber nicht etwa, wie jeder annehmen wird, in einem antisemitischen Haupt- oder Winkelblättchen, sondern in Nr. 12 der „Mitteilungen des Jüdischen Jugendbundes Hamburg". Eine unflätigere, leichtfertigere Beschimpfung des Judentums im Osten dürfte noch keinem Antisemiten aus der Feder geflossen sein. Dem verantwortlichen Schriftleiter der „Mitteilungen des Hamburger Jüdischen Jugendbundes" aber hat diese „Poesie" so gut gefallen, daß er sie unter die zu veröffentlichenden Briese seiner Mitglieder im Felde aufnahm, und zwar als Schluß- und Höhepunkt. Als einzige Entschuldigung — wenn es eine sein soll! — steht dahinter: „Vorstehendes Gedichtchen schrieb der Verfasser auf einer Wache in aller Eile." Jeder Kommentar ist überflüssig. Notwendig scheint mir nur, daß diese unglaubliche Perversität von der jüdischen Presse eher an den Pranger gestellt wird, als der Moment gekommen sein wird, indem sich die antisemitische Presse — und diesmal mit vollem Recht! — triumphierend auf das gefundene Fressen stürzt, das sie der — Urteilslosigkeit des Hamburger Jüdischen Jugendbundes verdankt. C. Z. Klötzel (im Felde).