Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 39 (28.9.1917)
- Date
- 1917-09-28
- Page
- Seite 467 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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„2)u wirst schon anders blicken", sagt er triumphierend. -,Du wirst sie de- und wehmütig um Verzeihung bitten, wie ich es getan habe, und froh sein, wenn sie dir verzeiht. Luzi ist nämlich ein Engel." „Ist die Mutter tatsächlich dort?" „Ja", sagt er, und tiefes Mitleid zittert in seiner Stimme. „Und weißt du, warum sie dort ist? Und warum ich das nicht erfahren durfte? Mein armes Kleines ist, seit es dort ist, krank, hat sich den Fuß verstaucht — schmerzhafte Geschichte noch obendrein — und war hilflos. Ich durfte das alles nicht erfahren, damit ich mich nicht beunruhige, denn sie wußte, ich konnte hier nicht abkommen." Seine Stimme bebt vor Rührung. Und er erzählt überhastig und hält mich an der Hand fest, daß ich ihm nur nicht entschlüpfe. Die Stunden, die er dort war, waren aber doch überirdisch schön. Der Fuß ist schon wieder besser und Luzi hat eine wunderbare Selbstbeherrschung. Sie war immer heiter und liebenswürdig und alles, was wahr war, ihre Mutter hat sie großartig gepflegt. Sie wollte nun schon Heimreisen, aber sie hat Benno fest versprechen müssen, dazubleiben und weiter aus Luzi zu achten, daß sie keine Unvorsichtigkeit mit dem kranken Fuß begeht. Luzi nimmt nämlich in ihrer Selbstlosigkeit alles, was sich auf ihre Gesundheit bezieht, viel zu leicht! Benno prahlte förmlich von den Altweidaer Eindrücken. Wie Luzi dort gefalle und von allen geachtet sei! Eine Rektorfamilie aus Hohenburg schwärme sie förmlich an. Die etwas kleinstädtischen Töchter lassen sich von ihr in die Regeln des Schickes einweihen. Sonderbar, nun imponiert Benno aus einmal der Schick. Der alte Rektor geht Luzi nicht von der Seite und neckt sie immer, sie müsse seine Schwiegertochter werden. Er hat einen Sohn, der Rechtsanwalt ist, auf den er sehr stolz ist. „Und du?" Sage ich, „was sagte er zu dir?" „Ich", meinte Benno lachend, „mußte als Vetter herhalten. Was hilft es? Da Großmama die Wahrheit noch nicht wissen darf, können wir sie Rektors auch nicht anvertrauen, so sehr sie sich auch mit ihnen angefreundet haben. Meine Schwiegermutter nämlich auch. Sie versteht sich großartig mit der Rektorin. Luzi meinte: .Dein Einfluß!'" Ulkig, nun soll ich die alte Mama auch noch mit erzogen haben. Was Luzi mir nicht alles unterschiebt. Ganz verschämt vor glückseligem Stolz sieht er aus. Als ich ins Wohnzimmer zurückgehe, um mich von Tante zu verabschieden, sagt sie: „Ema raus is wirklich richtig for jeden. Mer soll sagen, — drei Tage is er doch bloß im ganzen fortgewesen, un unberufen, er is wie ausgewechselt. Findste nich auch?" „Sicher, Tante Phine", sage ich bestimmt und küsse sie zum Abschied. Ich weiß nicht, ob aus Mitleid oder damit sie nicht die Verlegenheit in meinem Gesicht sähe. — * Herr Dr. Westphal kommt nicht mehr zu mir. Nun freilich, wenn einer auf Freierssüßen geht, hat er zu tun. Vielleicht ist er auch beleidigt, daß ich ihm seinen ersten schönen Plan so grausam versalzen habe. So weiß er gar nicht, wie er alles Böse in mir ausgepeitscht, die namenlose Unruhe, und — die Selbstvorwürfe. Ganz gewiß, wenn ich Günther nicht liebte, ich würde ebenso gehandelt haben. Meine Nichte Paula stirbt nicht an gebrochenem Herzen. Darüber bin ich seit der Ansichtskarte des Herrn Bankdirektors völlig beruhigt. Aber selbst wenn sie vergehen wollte, vor Sehnsucht nach dem Christen, — sie ist jung und muß überwinden. Vor dem Unglück, das der armen Tante Phine von Bennos Wahl her droht, kann ich sie nicht schützen. Könnte ich es, ich würde Mn zeichnet Kriegsanleihe bet jeder Sank, Sparkaffe, Kreditgenossenschaft, Lebensversicherungs - Gesellschaft, Postanstalt. es hier noch aus vielen anderen Gründen und mit tausendfacher Berechtigung tun. Hier aber kann ich es. Ich mußte also Günther abreden, und warnen. Warum muß ich mir das immer und immer wieder sagen? Warum raunt mir eine böse Stimme die ganze Nacht zu: „Mach dich doch nicht lächerlich! Nicht, um deine alte Tante zu schonen und zu schützen, wehrest du dem christlichen Freier, sondern weil du ihn selbst möchtest, weil du ihm Paula nicht gönnst" — und ich werfe mich im Bett umher, und die Nacht will und will nicht vergehen. Ich träume mich in unnatürliche Bilder hinein, sehe mich Günther zu Füßen liegen, ihm meine große Sünde offenbaren und ihn anslehen, mich zu richten oder mir zu verzeihen. So, so könne ich nicht mehr leben. Und dann bin ich froh, wenn der Tag endlich kommt und graue mich wieder von seiner Oede und Länge. Vaters Bild sehe ich nicht mehr an, nicht den Frieden in seinem lächelnden Antlitz, nicht die welkende Ranke darum, die jetzt anfängt, leis zu rascheln, wenn man an ihr vorbeistreift. Dann sieht Josephs, wenn sie gerad im Zimmer ist, mir fragend in die Augen, wartet auf den Auftrag für den Gärtner. Nein, nein, es ist gut so. Was tot ist, muß tot bleiben. Das Abgestorbene wird nicht lebendig, das Alte wird nicht jung, nicht durch blühende Ranken, nicht durch junge Gefühle. Die Gelähmte hat mir geschrieben, die Achtundneunzigjährige sei gestorben. Bis zuletzt habe sie noch immer nach der Tür geschaut und wohl hundertmal gesagt: „Goldenes Fräulein bringt Marika Bonbons, schöne Bonbons." Ich habe mich erschreckt über die Nachricht. Warum denn nur? Soll die Uralte ewig leben? Oder schreckt mich der Vorwurf, den die Gelähmte — sie ist die Zäheste von der Bettelgesellschaft dort — mir damit macht?" Mit einem unerfüllten Wunsch auf den Lippen ist sie gestorben, die Greisin. — Ach ja, unerfüllte Wünsche hat man halt immer, bis zuletzt, bis zuletzt. Aber ich bin doch nicht ins Spital gegangen, auch hinterher nicht. Einen Kranz habe ich hingeschickt für die Tote und viel zu essen und zu lesen für die Lebenden. Die Gelähmte hat sich geirrt, ihre wohlausgeklügelte Rührseligkeit hat mich nicht gefangen. Ich schaue ja auch nach der Tür, immer und immer wieder, in heißer Gier nach dem Süßen. Wer bringt mir denn schöne Bonbons? Die Achtundneunzigjährige hat es nun gut. Die schläft. Furchtbar doch, so alt zu werden. Dann müßte ich noch achtundsünfzig Jahre auf der Welt sein. Mich schauert. Wie wird diese Nacht sein? Heute wird es mich noch zu allenr anderen dazu Plagen und peinigen, daß ich der Alten nicht noch einmal vor ihren: Tode Bonbons gebracht habe. * Fräulein Harms meinte neulich, sie habe noch nie ein so an Todesfällen reiches Jahr erlebt wie das jetzige, natürlich abgesehen von denen, die das Schlachtfeld fordert. Sonderbar, mir kommt es auch so vor, als seien die schwarzumränderten Briefe nie so zahlreich ins Haus geflogen gekommen wie jetzt. Und immer wieder der dumpfe Schreck, immer wieder nur das eine beruhigende Hoffen: „Es wird einer sein, der dich nichts angeht. Wieso sonst die gedruckte Anzeige?" „Frau Maria Anna Veronika Westphal geb. Reusch" ist es, die nach „Gottes unerforschlichem Ratschluß im 61. Lebensjahre" plötzlich verschieden ist. Und ich starre auf die Namen der Unterzeichneten, der tief trauernden „Günther Westphal,